Marko Ferst
16.06.2012

Lieder gegen die Resignation

Dota Kehr über das Unbehagen am Zustand der Welt - und die Kunst, die Hoffnung nicht zu verlieren

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Dota Kehr, Singer/Songwriterin, wurde 1979 in Berlin geboren. Seit sie 17 ist, spielt sie in Bands, zunächst als Saxofonistin, später lernte sie Gitarre. Sie ist Sängerin der Berliner Band »Dota und die Stadtpiraten«. Mit dabei sind Jan Rohrbach (Gitarre), Leon Schurz (E-Bass), Nicolai Ziel (Schlagzeug). Seit 2003 erschienen zahlreiche Alben, zuletzt »Das große Leuchten – live«, »Bis auf den Grund« und »Solo – live«. 2011 erhielt Dota Kehr den Deutschen Kleinkunstpreis (Förderpreis der Stadt Mainz). Konzerte auch in Russland, Neuseeland und Brasilien. Außerdem schloss sie ein Medizinstudium ab.

nd: Dota, in Ihren Liedern fallen die vielen Zwischentöne auf - ganz gleich, ob es um die Liebe und den Alltag geht oder um Kritik an gesellschaftlichen Zuständen.
Dota: Sehr schlagwortartig oder parolenhaft Dinge zu konstatieren, liegt mir nicht. Für mich ist ein guter Text einer, der mehrere Ebenen hat. Ein gutes Lied sollte nie nur für denjenigen relevant sein, der es schreibt, sondern einen Text haben, den sich jeder in seine Wirklichkeit holen kann, ohne dass ihm irgendeine Haltung übergestülpt wird.

● Wie kam es dazu, dass Sie zeitkritische Lieder schreiben?
Ich komme aus einer Familie, in der Politik immer Gesprächsthema war. Schon als kleines Kind haben mich die Missstände in dieser Welt angerührt. Diese Betroffenheit ist geblieben. Ich sehe sehr oft, wie sich Leute darum herumschummeln wollen, das Elend der Welt, den Hunger, die Kinderarbeit und Umweltzerstörung wahrzunehmen. Jeder hat seine kleine Rechtfertigung, wie er sich schützt vor der Betroffenheit. Außerdem habe ich schon immer gerne gesungen. Ich hatte den Drang, auf der Bühne zu stehen und machte mir viele Gedanken, was ich zu sagen habe. Mir ging es darum, mich ehrlich mit den gesellschaftlichen, aber auch inneren Zuständen auseinanderzusetzen, die ich beobachte. Ich schreibe genau die Lieder, mit denen ich mich nicht verbiege.

Ihre Band, »Die Stadtpiraten«, verbinden sehr verschiedene musikalische Stilmittel miteinander. Sie bringen das auf den Begriff »Bossa-Nova-beeinflusster-Liedermacher-Pop«.
Mit diesem Oberbegriff kann ich genauso gut leben wie mit dem Schlagwort »Singer/ Songwriter«. Ich habe mir nie besonders viele Gedanken darüber gemacht, wie man uns stilistisch einordnet. Ich höre einfach gerne Musik, ich gehe darin auf. Und alles, was ich mag, findet irgendwie Eingang in meine musikalischen Ideen.

Südamerika, insbesondere Brasilien, scheint eine schöpferische Quelle für ihre Musik zu sein.
Ja, ich war zweimal in Brasilien und arbeitete mit brasilianischen Musikern zusammen. Das war eine ganz tolle Erfahrung. Ich habe viel gelernt und gute Freundschaften begleiten mich seitdem.

Begonnen haben Sie als Straßenmusikerin. Wie gelang der Übergang zur Bühnenmusik?
Man muss auf der Straße ganz laut singen, es gibt überhaupt keine Möglichkeit für leise Zwischentöne. Es ist wesentlich angenehmer, mit dem Mikro auf der Bühne zu singen. Nach und nach organisierten wir Konzerte, telefonierten Veranstaltern hinterher und überredeten sie, dass wir spielen dürfen. Das kostete sehr viel Zeit und Energie. Die ersten drei Jahre habe ich die Konzerte allein organisiert, jetzt macht es der Gitarrist unserer Band. Und er macht es sehr gut.

»Bringt mich von hier fort, alles, alles ist vergiftet« - diese Liedzeile spielt auf die vielen versteckten Gefahren in unserem Leben an ...
Ich sage immer, wir spielen zwei Arten von Liedern: traurige und beängstigende. Außerdem politische, die sind beides. Das Gefühl von Paranoia und Unbehagen lässt sich gut musikalisch transportieren, der Bruch ins Wahnhafte kann hereinspielen - wo ist es die wirkliche Welt und wo ist es »nur« meine Wahrnehmung? Aber in der Realität gibt es ganz objektiv genügend Gründe für Unbehagen: gentechnisch veränderte Lebensmittel, Klimakatastrophe, Atomkraft ...

Zu den Liedern, die mir unter die Haut gehen, gehört »Als gäb’s kein Morgen«. Unsere Zivilisation droht völlig abzurutschen?
Es wollen sich viele im gesellschaftlichen Diskurs nicht eingestehen, dass es keine Verbesserung auf der Welt geben kann ohne Verzicht in der sogenannten ersten Welt. Ein Lied ist nicht gut dazu geeignet, Aussagen über das große Ganze zu machen. Mir liegt es viel näher, den Konflikt des Einzelnen zu beleuchten, wenn er sich mit zum Beispiel ökologischen Fragen auseinandersetzt. Jeder ist so verstrickt in sich selbst und handelt in seiner Position in der Gesellschaft, weil er glaubt, so handeln zu müssen oder um seine Schäflein ins Trockene zu bringen. Aus Ignoranz oder fehlender Umsicht sieht man die Stellen nicht, an denen zugunsten der Allgemeinheit anderes Verhalten notwendig wäre. Man versucht, sich irgendwie moralisch zu rechtfertigen, man konsumiert ökologisch, damit es uns nicht so auf die Füße fällt, und möchte daran glauben, mit anderem Konsum die Verhältnisse zu ändern.

Mir ist natürlich allemal jemand lieber, der sich damit auseinandersetzt als jemand, der sich nicht damit auseinandersetzt, was unser Lebensstil für Zerstörungen und Konsequenzen in sich trägt. Ich bin mir relativ sicher, dass die Menschheit in tausend Jahren nicht mehr existieren wird. Aber ich will in meinen Liedern immer wieder gegen die Resignation ankämpfen, man könne doch nichts ändern.

Besonderen Beifall bekam kürzlich bei einem Berliner Konzert von Ihnen ein Lied, das Klaus Wowereit aufforderte, abzutreten. Sind alternative Konstellationen in der Politik vergeblich?
Schwere Frage. Ich hab immer wieder die Hoffnung, dass jemand nicht korrumpiert ist und keine Kompromisse zugunsten derer macht, die ohnehin viel haben. Ob wir mit einer grünen Stadtregierung besser gefahren wären - keine Ahnung. Aus meiner Sicht war der größte Fehler von Renate Künast, im Vorfeld schwarz-grüne Visionen an die Wand zu malen.

Eigentlich liegt es mir fern, ein Lied über Wowereit zu machen. Es ist kein gutes Lied und ich hoffe, es nicht lange spielen zu müssen (lacht). Aber ich habe mir eine Ausnahmegenehmigung erteilt, weil ich mich sehr ärgere über das, was in den letzten Jahren in dieser Stadt passiert ist. Ich stehe verschiedenen Bürgerinitiativen nahe, zum Beispiel dem Berliner Wassertisch oder den Flughafengegnern, und die wissen sehr genau, was dieser Stadtregierung vorzuwerfen ist. Sehr ignorant sind auch die A 100-Gegner behandelt worden. Eine Stadt, in der viel Auto gefahren wird, ist nicht die Zukunft. Die Koalitionsgespräche mit den Grünen sind an dieser unsinnigen Autobahn gescheitert. Es wäre eine etwas linkere Politik möglich gewesen, auch wenn es nur um ein paar Grad Verschiebung geht.

Ich habe viel darüber nachgedacht, inwieweit Lieder politisch etwas wollen dürfen. Es gibt immer den Vorwurf der Akklamation: Wer in meine Konzerte kommt, ist ohnehin derselben Meinung wie wir. Das stimmt. Es ist immer gut, die Gegenargumente ins Lied hineinzunehmen. Aber es ist auch ein legitimes Anliegen, jemanden in seinem Engagement zu bestärken.

»In Brüssel sitzt ein rätselhaftes Ungeheuer«, singen Sie. Was macht Ihnen Angst an Europa?
Es scheint mir zu wenig demokratisch legitimiert. Wenn man schon innerhalb von Deutschland als Wähler relativ wenig Einfluss nehmen kann auf politische Entscheidungen, habe ich das Gefühl, auf Europa gar keinen Einfluss mehr nehmen zu können. Es ist ein Gewinn, wenn wir innerhalb von Europa einen Frieden haben, den es über viele Jahrhunderte nicht gab. Aber es existieren jetzt Mauern um Europa herum und auch innerhalb Europas zwischen den verschiedenen sozialen Schichten. Und mir scheint, als gäbe es kein handelndes Subjekt. Es ist ein gesichtsloses, bürokratisches Monster, das im Interesse irgendwelcher Lobbyisten zum Beispiel Agrarnormen beschließt. Aktuell sorgen die Mechanismen der Wirtschaft dafür, dass auf europäischer Ebene die Bevölkerung verarmt und die Länder Sparmaßnahmen diktiert bekommen, während die Gewinne privat bleiben. Die europäischen Institutionen scheinen ein gut zu handhabendes Mittel für die Interessen der Profiteure zu sein.

Sie warnen auch vor einer überwachten Welt.
In meinem Lied zu diesem Thema heißt der Refrain: »Gib einfach auf dich acht, dass dich die Kamera nicht sieht.« Fast jeder kann Aufnahmen ins Internet stellen. Die Gefahr ist immer, dass man irgendwann Angst bekommt, seine Meinung zu äußern, weil einem daraus Nachteile entstehen könnten. Man verhält sich anders, wenn man sich beobachtet fühlt. Die allgemeine Überwachung, zum Beispiel durch die Auswertung von Facebook-Daten durch Arbeitgeber, kann so zum Verhängnis werden.

Worauf müsste eine gerechte Gesellschaft gründen?
Darauf, dass die materiellen Güter einigermaßen gleich verteilt sind, Arbeit vernünftig entlohnt wird, keine Ausbeutung stattfindet. Gesundheit, Bildung und günstiger Wohnraum müssen gewährleistet sein. Chancengleichheit und gerechter Lohn existieren in Deutschland absolut nicht. Das Grundeinkommen ist ein interessanter Ansatz. Wir sind eine Transfergesellschaft. Wenn man den ganzen Wasserkopf abbauen würde, etwa die Ausspitzelung von Hartz-IV-Empfängern, könnte man völlig neidlos irgendeine Art von Grundsicherung zahlen, so dass endlich die Stigmatisierung wegfällt von Leuten, die keinen Arbeitplatz haben. Auf internationaler Ebene funktioniert das natürlich nicht. Wenn ich fair gehandelte Produkte kaufe, hoffe ich, dass die Leute weniger ausgebeutet werden. Wichtiger noch wäre es aber, dass sich die Arbeitnehmer in ausnahmslos allen Ländern gewerkschaftlich organisieren. In Südamerika werden Gewerkschafter erschossen. Firmen, die so ihre Macht durchsetzen, muss man boykottieren.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Ich arbeite gerade an einem neuen Studioalbum. Es wird wunderbar. Hoffe ich.

Gespräch: Marko Ferst


Erschlossenes Land

Der Fluß steht einen Meter überm Ufer,/
und es regnet immer weiter/
und die Deiche weichen auf./

Das Wasser schwappt durch Fenster auf Balkone,/
und es klettert auf den Straßen/
bis zum höchsten Platz der Stadt hinauf./

Es trägt die Autos fort, egal ob Benz oder Trabant/
Ich hör das Wasser flüstern, hörst Du’s auch?/
Es spricht von - /
erschlossenem Land, erschlossenem Land/

Die Erde ist eine Scheibe und bis zu ihrem Rand -/
erschlossenes Land.

(Auszug)

Konzerttermine und Lieder auf www.kleingeldprinzessin.de

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