Von Silvia Ottow
16.06.2012

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans!

Nie wurde so viel über das Altern gesprochen, neuerdings sogar im positiven Sinne

Paul Görlitz war ein drahtiges Männchen mit schütterem weißgrauen Haar. Es stand von seinem Kopf ab wie bei Clown Ferdinand, wenn er in kurzen, bauschigen Turnhosen Ende der 60er Jahre durch die Kleinstadt am Rande des Spreewaldes spurtete. Der sportliche Mann kurz vor dem Seniorenalter wurde - besonders von uns Jugendlichen, die wir noch jede klitzekleine Unpässlichkeit als willkommenen Vorwand benutzen, um nicht am Turnunterricht teilnehmen zu müssen - als Verrückter wahrgenommen. Nein, wir verstanden weder ihn, noch seine Vereinsfreunde, die besser als unsereins begriffen hatten, dass »Sport ist Mord« einer von den besonders dummen Sprüchen war - und zwar für jedes Alter.

Geboren Anfang der 50er Jahre, hatten wir Schülerinnen damals eine Lebenserwartung von 70 Jahren, unsere Mitschüler durften sich lediglich auf 65 freuen. Sollten wir dereinst wie vorgesehen sterben, hätten wir immerhin zehn Jahre unseres Lebens in Rente zugebracht. Wem von den Jungen in unserer Klasse es nicht gelingen würde, seine durchschnittliche Lebenserwartung signifikant zu toppen, der könnte gar keinen Ruhestand genießen, sondern legte einen nahtlosen Übergang vom Arbeitsleben auf den Friedhof hin - sicher nicht zum Ärger des Rentenversicherungsträgers, wenn man es einmal so salopp ausdrücken darf.

Zum Glück hat sich die Gesellschaft seit damals verändert, sie hat ihr Wissen enorm erweitert, die Lebensbedingungen der Menschen verbessert, deren Arbeit erleichtert und die Möglichkeiten für die Gesundheit vergrößert - jedenfalls in den westlichen Industriegesellschaften. So hat ein 2010 geborenes Mädchen hierzulande die Chance, 83 Jahre alt zu werden, ein Junge kann es auf 77 Jahre bringen. 2025, so die Prognose einiger Wissenschaftler, könnte die durchschnittliche Lebenserwartung der dann Geborenen bei 90 Jahren liegen. Grund genug, sich Gedanken darüber zu machen, wie dieses Mehr an Lebenszeit gestaltet werden könnte.

Die Journalistin Margaret Heckel hat die Generation der Jahrgänge von 1946 bis 1965 unter die Lupe genommen und resümiert: Nie war es spannender, älter zu werden. Und nie waren die Älteren jünger, möchte man ergänzen, wenn man allein die von Heckel erzählten Geschichten jener Berufswechsler betrachtet, die noch einmal einen beruflichen Neuanfang starteten, als ihre Kollegen schon für den Ruhestand planten. Da wird die Journalistin Försterin, die Krankenschwester erwirbt das Kapitänspatent, der Mechaniker trainiert Ausdauersportler.

Genau betrachtet war der Niederlausitzer Turnfreund ein Vorbote dieser jungen Alten, die sich gerade anschicken, die demografische Macht in Europa zu übernehmen, ebenso in den Vereinigten Staaten oder in China. In Japan, dem ältesten Land der Welt, in dem jeder vierte Mensch über 60 ist, haben sie sie schon. Hier wie dort schwitzen die Midlife-Boomer, wie Heckel ihre Protagonisten etwas marktschreierisch nennt, in Fitnessstudios, gründen in der zweiten Lebenshälfte eine eigene Firma, wandern aus, studieren, lernen tanzen, ziehen in eine WG oder bauen sich ein Gemeinschaftshaus ganz nach ihren Bedürfnissen. Nicht wenige Hochbetagte treiben Sport und messen ihre Kräfte noch in nervenzehrenden Wettkämpfen - so wie in diesen Tagen gerade der 90-jährige Schwimmer Karl Bayerlein aus Oberasbach. Er startete für den TSV Zirndorf bei den 14. World Masters, der Altersklassen-Weltmeisterschaft des Weltverbandes Fina im italienischen Riccione. Dorthin kamen über 10 000 Schwimmer aller Altersklassen. Älteste Teilnehmerin war Mieko Nagaoka aus Japan, die mit 98 Jahren über 200 Meter Rücken und 100 Meter Freistil startete. In Nachrichten wie diesen erfahren wir freilich von Ausnahmen, Extremen. Aber sie weisen auf einen Trend und könnten eines gar nicht allzu fernen Tages für immer mehr Menschen selbstverständlich werden. Dass die ältere Generation sich vor allem um ihre Krankheiten kümmern muss, ist eine Legende. Sie nützt vielleicht Pharmafirmen, Apothekern, Ärzten. Forschungen zeigen aber, dass die Alterung mit all ihren unangenehmen Begleiterscheinungen auch viel später einsetzt, und die Menschen immer länger leistungsfähig bleiben und auch bleiben wollen. Gut beraten dürften im Lichte vieler Beispiele und der steigenden Lebenserwartung jene Wirtschaftsexperten und Firmenstrategen sein, die sich nicht darum bemühen, die »Alten« loszuwerden, sondern darum, gegen den Trend ihre Fähigkeiten so lange wie möglich zu nutzen. Leider haben nicht nur Chefs, sondern auch ältere Mitarbeiter selbst oft ein negatives Bild vom Altern. Sie wüssten, was sie mit 20 konnten und jetzt nicht mehr können, aber sie wüssten nicht, was sie jetzt Neues könnten, beschreibt Rudolf Kast, früherer Personalchef der Sick AG, ältere Kollegen. Der Sensorenhersteller im Schwarzwald hatte schon vor vielen Jahren begonnen, sich auf die Auswirkungen des demografischen Wandels einzustellen. Ein Junior-Senior-Programm richtete man bei MAHLE Behr Industry ein, einem Hersteller von Kühl- und Klimasystemen. Hier lernen Junioren von Senioren im Tandem, es gibt festgelegte Ziele und Kontrollen dieser Ziele.

Wer glaubt, dass ältere Menschen nicht mehr lernen können, scheint ebenfalls auf dem Holzweg zu sein. Heide Steppke aus Steele hat erfolgreich ihre Abiturprüfung bestanden - mit 71 Jahren. Und nun will sie Geschichte studieren, meldete die WAZ vor einem Jahr. Der Gehirnforscher Ernst Pöppel bewies an einem Patienten mit Sehstörungen nach einem Schlaganfall, dass Nervenzellen nach entsprechender Stimulation neue Aufgaben übernehmen und neue Verbindungen eingehen können - Voraussetzung ist allerdings, dass so lange trainiert wird, bis die Leistungsfähigkeit merklich nachlässt. Erst dann gerate das Gehirn in Existenznot und werde zum Aufbau neuer Substanz animiert. Merke: Ein bisschen Sudoku oder Auswendiglernen reicht nicht. Sport kann den Lernprozess Pöppel zufolge übrigens deutlich fördern. Mit ihm würden komplizierte mentale Vorgänge wie Schnelligkeit, Taktik, Koordination trainiert.

Der joggende Korbmacher Paul Görlitz starb mit 92, körperlich fit bis ins hohe Alter, mit 85 noch am Reck turnend und immer mit dem Herzen in seinem Sportverein.

Margaret Heckel: Die Midlife-Boomer, edition Körperstiftung, 218. S., 18 €.

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