Von Nissrine Messaoudi
16.06.2012

Jugendliche, die keiner will

Sozialstudie zu Jugendarmut in Deutschland vorgestellt / Zentren in Berlin-Lichtenberg bieten Unterstützung

ef6de500fb1d8bc27f5ffae3ad59b0ed.jpg
Miguel, Daniel und Jule (v. l. n. r.) im Jugendzentrum Steinhaus

Miguel sitzt in einem Sessel. Die Beine hat er auf einem Baumstamm hochgelegt. Seine Arme hängen herunter. Sein schwarzes Cappy sitzt tief im Gesicht. Zusammen mit Jule, Daniel und Dennis »chillt« er auf dem Hinterhof des Jugendzentrums Steinhaus in Berlin-Lichtenberg. Wenn möglich jeden Tag. »Ich komme her, um meine Probleme zu vergessen«, sagt Miguel. Seine Augen verraten, dass er es in seinem bisher kurzen Leben nicht leicht hatte. Miguel ist 23 Jahre alt und obdachlos, und das nicht zum ersten Mal.

Er gehört zu den rund 21 Prozent der Jugendlichen in Berlin, die in Armut leben. Bundesweit sieht es für die Altersgruppe der 14 bis 27-Jährigen nicht besser aus. Jede vierte junge Frau und jeder fünfte junge Mann in Deutschland ist arm. Die Zahl der von Armut bedrohten Jugendlichen liegt sogar höher. Dabei hat Ostdeutschland mit zehn Prozent eine mehr als doppelt so hohe Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen als Westdeutschland. Das ergab die Studie »Sozialmonitor Jugendarmut«, der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit, die am Freitag veröffentlicht wurde. »Wir sprechen nicht nur von materieller-, sondern auch von sozialer-, kultureller- und emotionaler Armut«, sagt der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft, Simon Rapp. Ausgrenzende Erfahrungen hinterlassen vor allem in der Phase der Selbstfindung tiefe Spuren. »Politik, Gesellschaft und selbstverständlich auch die Kirche müssen jungen Menschen eine Perspektive bieten und sie so aus der Armut holen«, fordert Rapp.

Das Caritas Kinder- und Jugendzentrum Steinhaus versucht genau das. Mitten in der Plattenbausiedlung unweit des S-Bahnhofs Frankfurter Allee können Kinder von 8 bis 21 Jahren zwischen 13 und 20 Uhr Freizeitangebote nutzen, zusammen kochen oder ihre Probleme besprechen und Hilfe suchen. »Sozial benachteiligte Familien können es sich in der Regel nicht leisten, ihre Kinder in die Musikschule zu schicken. Wir bieten ihnen hier die Möglichkeit Gitarren-, Schlagzeug- oder Bassunterricht zu nehmen«, erklärt Einrichtungsleiter Johannes Falk. Auch Tanz- und Theaterprojekte gehören zum Angebot. Manchmal ist es jedoch »nur« ein offenes Ohr, das Kinder und Jugendliche suchen. Jedem gerecht zu werden, ist mit 2,9 Stellen nicht leicht. Jeden Tag kommen zwischen 40 bis 60 Besucher in das Zentrum. Doch nicht alle Jugendliche suchen ein Gespräch mit den Sozialpädagogen. Vielen ist es wichtig, mit anderen Menschen ihrer Altersgruppe zusammen zu sein, ohne dabei auf der Straße »abzuhängen«, so wie Miguel.

»Ich möchte hier nicht über meine Probleme quatschen, sondern sie vergessen«, betont der 23-Jährige. Zu seinen Prioritäten gehört die Wohnungssuche. Zurzeit kommt er bei Freunden unter. »Zu meinen Eltern geh ich nicht, obwohl die hier um die Ecke wohnen.« Die Mutter und die drei Geschwister sieht er ab und zu. Die 13-jährige Schwester kommt ebenfalls ins Steinhaus. Zum Vater besteht kein Kontakt, denn der habe ihn mehrfach aus der Wohnung geschmissen. »Mit meinem Vater will ich nix zu tun haben. Ich kann ihm meine Kindheit nicht verzeihen.« Miguels Vater hat ihn und seine Mutter geschlagen. »Ich durfte ihn nicht einmal Papa nennen, er fühlte sich zu jung dafür.« Für das Zentrum ist Miguel sehr dankbar. Nicht nur, weil er hier einfach sein kann, sondern auch, weil es hier möglich ist, sich einzubringen. »Ich möchte so etwas wie einen Holzworkshop anbieten, weil mir handwerkliche Arbeit liegt.« Eine Tischlerausbildung hatte er angefangen, die Stelle jedoch wieder verloren, weil er »Probleme mit Autorität« hat.

In Deutschland leben über 80 000 junge Erwachsene, die keinen Anschluss an das Erwerbs-, Bildungs- oder Sozialsystem haben. »Das ist eine Mindestzahl. Wir gehen davon aus, dass es weitaus mehr sind«, ist sich Simon Rapp von der katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft sicher. Nicht selten führten SGB-II-Sanktionen Jugendliche in eine ausweglose Situation. Junge Hartz-IV-Empfänger, die gegen Auflagen des Jobcenters verstoßen - wenn sie beispielsweise nicht genügend Bewerbungen schicken -, werden laut der Studie doppelt so häufig sanktioniert wie über 25-Jährige. »Das verheerende dabei ist, die Leistungen bei Jugendlichen werden nicht gekürzt, sondern gänzlich gestrichen«, kritisiert Rapp.

Die häufigste Ursache für prekäre Lebensbedingungen bleiben jedoch Schul- oder Ausbildungsabbrüche. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind davon doppelt so oft betroffen. Dascha hat mit ihren 19 Jahren schon eine »Abbrecherkarriere« hinter sich. Vor vier Jahren zog sie von Russland zu ihrem Vater nach Berlin-Lichtenberg. Der Vater nahm Drogen, Dascha sprach kaum Deutsch und besuchte die Schule nur ab und zu. »Niemand hat darauf geachtet, was ich den ganzen Tag mache, also habe ich meistens lange geschlafen.« Ihr Leben hat sich jetzt grundlegend verändert. Im Begegnungszentrum Magdalena hat sie Unterstützung gefunden.

Mit Hilfe des Projekts »Fokus: P« hat sie nun ihren erweiterten Hauptschulabschluss nachgeholt. Sie möchte weiterhin zur Schule gehen, um Erzieherin zu werden. »Zu uns kommen Jugendliche, die keiner mehr haben will«, sagt Projektleiterin Anette Sailer. Schulverweigerer müssten oftmals grundlegende Eigenschaften wie Pünktlichkeit erlernen, bevor sie sich mit dem Lernstoff befassen können. Außerdem werde auf die individuelle Lage der jungen Erwachsenen eingegangen, um sie bestmöglichst zu fördern.

Schließlich gehe es darum den jungen Menschen als Ganzes in den Fokus zu rücken, nicht nur seine wirtschaftliche Verwertbarkeit, betont Simon Rapp.