Von Jirka Grahl, Kiew
16.06.2012
Gruppe B

Eine ganz komische Härteprüfung

Am Sonntag im Spiel gegen Dänemark will die deutsche Mannschaft mit einem Punkt allen Rechenspielen zuvorkommen

Trotz der zwei Siege ist das Spiel gegen Dänemark am Sonntag tückisch, denn bei einer Niederlage ist das Ausscheiden im Bereich des Wahrscheinlichen. Deswegen will die DFB-Elf in Lwiw keine Rechenspiele anfangen, sondern auf Sieg spielen. Bereits bei einem Punktgewinn stünden der Gruppensieg und Gdansk als Viertelfinalspielort fest.

Was den Deutschen »Waldi« Hartmann, ist den Ukrainern Irina Blochina: Als Tochter des ukrainischen Nationaltrainers hat die Sängerin und Schauspielerin mit der Vorliebe für High Heels und tiefe Ausschnitte scheinbar die fachliche Qualifikation, um beim Fernsehsender »Futbol« die Show nach dem Spiel zu moderieren. Am Donnerstagabend wurde das 4:0 des Titelträgers Spanien gegen Irland übertragen. In Blochinas Show standen die Experten und analysierten den perfekten Spielfluss von Iniesta, Torres und Co., doch immer wieder fiel das Wort »Germania«: Nach den zwei Siegen der DFB-Elf gilt die deutsche Mannschaft als bestens geeignet, den Welt- und Europameistern aus Spanien die Freude am schnellen Passspiel zu vergällen. Und zwar mit ganz anderen Mitteln, als es der »Futbol«-Stargast Lothar Mattäus einst tat, den Frau Blochina als »einen der allerbesten Experten der Welt« ankündigte.

Matthäus' Nachfolger im Kapitänsamt, Philipp Lahm, erklärt, das Spiel gegen Dänemark am Sonntag sei »komisch«: Und auch seine Kollegen geben sich nach den Siegen gegen Portugal und die Niederlande wegen des neuen UEFA-Reglements noch bestmöglich fokussiert: »Die Rechenspiele sind wir alle durchgegangen. Das nutzt nichts, wir müssen Dänemark schlagen«, so umschrieb es Lukas Podolski, der am Sonntagabend sein 100. Länderspiel bestreiten würde.

Dreifachtorschütze Mario Gomez sagt, er fände es sogar gut, dass noch nichts entschieden sei. »Wir wissen, dass wir noch einen Punkt brauchen. Diesen Punkt wollen wir uns unbedingt holen, wir wollen auch das letzte Spiel in der Gruppe gewinnen«, so umschrieb es der Stürmer vor der Abreise nach Lwiw.

Bundestrainer Joachim Löw hingegen muss das Kunststück vollbringen, keine Panik zu verbreiten, auf der anderen Seite aber die Spannung zu halten. Noch dazu steht ihm Außenverteidiger Jerome Boateng nicht zur Verfügung, der gegen die Niederlande seine zweite gelbe Karte erhalten hatte. Löw wollte sich am Freitag selbstverständlich noch nicht festlegen, wer den Bayern-Verteidiger gegen die Mannschaft von Trainer Morten Olsen ersetzen soll. »Man kann Philipp Lahm nach rechts ziehen und Marcel Schmelzer links spielen lassen. Man kann Lars Bender rechts spielen lassen, das wäre eine gute Möglichkeit« - so richtig wollte sich Löw nicht in die Karten gucken lassen.

Die Dänen kommen mit einer klaren Marschroute nach Lwiw, wo die UEFA das EM-Stadion zur Schonung des Rasens bis zum Spiel am Sonntag sperren ließ: Mit einem Sieg gegen die DFB-Elf stünde die Mannschaft im Viertelfinale »Wir glauben an unsere Chance«, sagt Christian Poulsen. »Aber gegen Deutschland wird es sehr schwierig. Da braucht es schon ein kleines Wunder.« Im Kampf ums Weiterkommen ist Dänemark auf Schützenhilfe der Portugiesen angewiesen, die in Charkow gegen die Niederlande spielen: »Das Besondere an dieser Situation ist: Jede Mannschaft muss gewinnen«, sagt Olsen: »Natürlich haben wir noch Hoffnung, dies selbst zu tun.«

Die Oranjes sind hingegen auf Schützenhilfe der deutschen Mannschaft angewiesen. Als Titelanwärter gestartet, müssen die Vizeweltmeister auf einen DFB-Sieg vertrauen. Sollten sie in diesem Fall mit zwei oder mehr Toren gegen Portugal gewinnen, stünde die »Elftal« trotz des kompletten Fehlstarts im Viertelfinale.

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