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Von Gerhard Dilger, La Paz und Rio de Janeiro
19.06.2012

Karawane für das Leben

Junge Lateinamerikaner tragen ihre Themen nach Rio de Janeiro

Ökologische Landwirtschaft, Kinderrechte, Polittheater: Die »Karawane für das Leben« um die alternative Theatertruppe Trono aus El Alto macht mobil, um ihre Forderungen rund um und auf dem Rio+20-Umweltgipfel zu thematisieren.

Auf der Plaza San Francisco in La Paz, Schauplatz großer Demons-trationen und Feste, ist es dunkel geworden. Hunderte von Zuschauern haben es sich auf den Treppen bequem gemacht, die zur neuen Markthalle hinaufführen. Zwei Trommelgruppen lassen die Kühle der sternklaren Winternacht vergessen. Höhepunkt des Abends ist das Theaterstück »Bis zum letzten Tropfen«, das die international besetzte Truppe Trono aufführt. Es geht um die in Bolivien seit jeher brisante Wasserthematik.

Die Theatertruppe, entstanden aus einem Sozialprojekt in El Alto, ist das Herzstück der »Karawane für das Leben von Copacabana nach Copacabana«, also vom Wallfahrtsort Copacabana am Titicacasee an den gleichnamigen Strand in Rio de Janeiro. Südlich davon findet der UN-Gipfel Rio+20 statt, 20 Busminuten Richtung Stadtzentrum der »Völkergipfel«.

Die Idee, auf diese Weise für die Belange der von der Ökokrise besonders stark Betroffenen zu werben, stammt von Peter Strack. Für den Regionalkoordinator der Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes (tdh), einen alten Hasen der Nord-Süd-Arbeit, gilt wie immer das Motto »Global denken, lokal handeln«. An den Stationen der Reise von den Anden an den Atlantik setzen Mitglieder diverser tdh-Partnergruppen - allein 16 sind es in Bolivien - eigene Schwerpunkte.

Auch zwei langjährige Jungaktivisten sind mit von der Partie. Adela Gómez, eine junge Aymara-Frau mit Rock und langen Zöpfen, engagiert sich in der Gewerkschaft der Hausangestellten und bei einem Frauenradio in La Paz, das sie mit Impressionen von der Reise versorgt. Der BWL-Student Daniel Blanco kommt aus der Bergbaustadt Oruro, wo er sich mit Gleichgesinnten gegen die Umweltverschmutzung wehrt. »Besonders wichtig sind mir die Mitsprache der Jugendlichen und Programme zur Umwelterziehung in den Medien«, sagt er und lädt auf seinem Laptop eine Audiodatei mit einem Interview fürs Lokalradio hoch.

Mit mehreren hundert bolivianischen Jugendlichen hat er ein Dokument für Rio geschrieben, das auf fünf Seiten gehaltvoller ist als manche UN-Vorlage. »Als Land ist unsere Verantwortung für die Klimakrise minimal im Vergleich zu den großen Verschmutzern aus dem Norden«, heißt es da, »doch wir Kinder und Jugendliche müssen durch gemeinsame Aktionen der Bewusstseinsarbeit und durchdachte Vorschläge auf die Gesellschaft und die Verantwortlichen einwirken, die Weisheit und Werte unserer Völker wiedergewinnen und engagiert diesen Weg zum Guten Leben weitergehen.«

Suma qamaña heißt diese Vision, die auch in die neuen Verfassungen Ecuadors und Boliviens aufgenommen wurde, auf Aymara. Das Spanische »Vivir Bien«, Gut Leben, ist nur eine schwache Übersetzung, sagt Daniel. Sehr wichtig seien Augenhöhe und Respekt, das Zusammenleben mit anderen Menschen und der Natur. Statt »Egozentrismus und Konsumhaltung« will er die Verbindung zur Pachamama, der »Mutter Erde«, wieder aufzunehmen, außerhalb von Oruro bestellt er gelegentlich ein Stück Land.

Ganz ähnlich klingt es, wenn der 37-jährige Bauer Cipriano Rodríguez über seine Motivation redet, im Hinterland von Cochabamba einen vielfältigen, umweltschonenden Landbau zu betreiben - 16 Kartoffelsorten hat er schon ausgesät. Er ist in die Provinzhauptstadt gekommen, um an einem Workshop am Rande der Karawane teilzunehmen. Koka kauend referiert er vor 30 Kleinbauern über die Gefahren der modernen Landwirtschaft und den Werteverfall in seinem Dorf: »Wir geben unsere Rituale auf, deswegen ärgert sich die Pachamama.« Mit kommerziellem Saatgut und Kunstdünger führten Unternehmen und Behörden die Bauern in die Irre, in den Schulen und in den Medien werde zu wenig Wert auf Gemeinschaftswerte gelegt. »Viele Junge haben keinen Respekt mehr und ziehen in die Stadt«, berichtet er.

Vor der abendlichen Aufführung des Theaterstücks auf dem »Fahnenplatz« in Cochabamba stellen die Seminarteilnehmer unzählige Kartoffel-, Bohnen und Maissorten aus und tauschen sie untereinander aus. Umweltaktivisten aus der städtischen Mittelschicht protestieren gegen eine Landstraße durch das Tipnis-Schutzgebiet im amazonischen Tiefland, an deren Bau die Regierung auf Biegen und Brechen festhält.

An Infoständen wird über Klimawandel, Biolandbau oder internationale Umweltpolitik informiert. Auf der zur Bühne umgebauten Ladefläche des Trono-Lkws demonstrieren sechs Schüler aus einem Andendorf in einem kurzen Sketch die Gefahren der Pflanzengifte im Landbau. In ihren Schulgärten setzen sie nur Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel aus eigener Produktion ein.

Francesca Sciannimanica und Fabienne Ettel, zwei deutsche Freiwillige von tdh, nehmen begeistert an der Karawane teil und berichten auf einem Blog und auf Facebook darüber. Sie wollen auf die Verletzung »ökologischer Kinderrechte« aufmerksam machen, etwa durch fehlendes Trinkwasser oder Vergiftungen im Bergbau. Die 21-jährige Fabienne, die mit ihren Mitstreitern gestern Abend in Rio angekommen ist, erwartet wenig vom Regierungsgipfel: »Wir müssen Druck auf die Politik machen, klar, aber echte Veränderung kann nur von der Basis kommen.«

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