Von Hans-Dieter Schütt
20.06.2012

Morgen: Grauen

»Dantons Tod« am Thalia Theater Hamburg - wider die Eisengeister des Ideologiebetriebes

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Daniel Lommatzsch als Robespierre

Dies Stück kann man nicht lieben. Denn wen sollte man lieben? Danton, der zu früh aufhört mit der Revolution? Robespierre, der mit der Erziehungsdiktatur überhaupt nicht aufhört?

Büchners Drama weitet die Wunde, und das ist es, was sie aufreißt bis zum Grund: Träumende Sehnsucht treibt den Menschen nach links, erwachender Verstand treibt ihn dort wieder weg. Den Furchtlosen gehört die Revolution, dann aber wird die Revolution fürchterlich - weil sie die Furcht vor sich selber nicht los wird.

»Dantons Tod« ist heute Trockenrausch: Gewalt, Reinigung, umstürzlerische Konsequenz - ja, schön und nötig wär's; ein Sündenspiel für den Geist. Aber wieder draußen aus dem Theater, erkennen wir jenes Blutrot, das eben noch aus Geköpften sprang, in jedem Ampelschein. Und halten brav an. Wir Ordnungsbefohlene. In Gedanken lügen wir uns Mut und Sprengkraft an, reißen im Geist nicht nur Bäume aus, sondern Massen von Herzen aus der Tristesse - die Körper aber sagen die Wahrheit: Sie folgen den Regeln.

An Hamburgs Thalia Theater inszenierte Jette Steckel den Büchner, ihre Arbeit offenbart den Schrecken jeder Revolution: Sie will die Erde in Schwingung versetzen, aber dreht sich im eigenen Kreis, der ein Teufelskreis ist. Florian Lösches Bühne ist eine hohle, nur aus Längen- und Breitengraden bestehende Weltkugel. Eigentlich nur Scheiben, die sich gegenläufig bewegen und Kugelwirkung erzielen. Menschen halten sie in Bewegung, bestäubte Gesichtslose, die das Rad der Geschichte drehen, das sie zerquetscht. Glutröte wie Morgengrauen. Ja, das Morgen: schon jetzt ein Grauen.

Danton wollte die Welt verändern und lernt nun Natur kennen, dies Schicksal aller: Leben ist Laufen und Leiden zum Tode hin; Liebe ist eine Sternschnuppe, die aufglüht, um uns das Erkalten zu lehren; jeder Traum trägt den Virus Verrat.

Jörg Pohls Danton ist pure Müdigkeit. Am Kampf um den Platz an der Sonne nimmt er nur noch teil, um einzuschlafen in einer Wärme, die hoffentlich ein Geschenk des Todes ist. Eine sympathisch abgerissene, lakonische Gestalt wider jeden ideologischen Eisengeist, wider sämtliche Trotz-alledem!-Typen, die auch ihren neuesten Programmirrtümern, wie jedem bisherigen Irrtum, den Stempel »unaufhaltsam« aufdrücken. Man sagt, Geschichte sei kein Spaziergang, und geht in Gedanken schon wieder über unvermeidliche Leichen.

Robespierre ist bei Daniel Lommatzsch kein eingefleischter Blutbad-Pädagoge stalinistischen Zuschnitts, er ist ein Animator des modernen Kahlschlags geworden; so einer gewinnt die Kälber auf dem Weg ins Schlachthaus fürs aufpeitschende »Gemeinsam schaffen wir's!« Robespierres und Dantons Philosophien geraten hier nicht einfach rhetorisch aneinander, beide sitzen an Schlagzeugen. Ein schweißtreibendes, dröhnend aufplatzendes, eitel knallendes Percussion-Duell, ein erbitterter Zweikampf der Drums. Was zu sagen ist: Lass es krachen!

Ein irrwitziges Energiezittern; Text, aufgelöst fürs Schau- und Hörbedürfnis der Non-Reader-Generation. Und Vorschlag für wahre Weltrettung: Sollen die Radikalen des Ideologiebetriebes sich ihre Drohinstrumente, ihre Phrasen, einander gegenseitig über die platzenden Scheitel ziehen. Showbühne statt Schlachtfeld!

Die Weltkugel also ein Hohlkörper, überall ist hier Abgrund; die Menschen, diese Bewegungssklaven schmatzen, keuchen, seufzen; Keyboard- und E-Gitarrenklänge verwandeln alles in eine aufheulend wilde Stenerie, aus deren Lärmzentrum Jean-Ziegler-Fragen an die Kindermörder vom Nahrungsmarkt ins Publikum gejagt werden. Das plötzlich in hellstem Saal-Licht sitzt.

Starkes Theater der Verzweiflung - die darin besteht, kein bisschen Heimweh nach einer neuerlichen Verheißung zu haben, aber doch zu wissen, dass solche Gesundung vom Geschichtlichen die Welt auch nicht rettet.