Von Fritz Walders
20.06.2012

Fahnen knicken

Aktivisten reißen Deutschland-Fahnen ab und verteilen Strafzettel

Die Sportsaison für Antinationalisten ist eröffnet: Während der Fußball-Europameisterschaft der Männer entfernen Aktivisten heimlich die Deutschland-Fahnen an den Autos und hinterlassen Strafzettel: »Egal aus welchem Grund Sie diese Fahne angebracht haben, sie produziert in jedem Fall Nationalismus.« Autofahrer sind empört.

Schwarz-Rot-Gold: Überall sind die Fahnen zu sehen. Seit vor sechs Jahren die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland war, scheint Patriotismus ganz normal zu sein. Linksradikale haben deshalb Gegenstrategien entwickelt und sammeln die Nationalfahnen wieder ein. In linken Szenekneipen gab es schon Partys, bei der Getränke mit entwendeten Deutschland-Flaggen bezahlt werden konnten. Oder im Freundeskreis werden Wetten abgeschlossen: Jeder zahlt einen Betrag in die gemeinsame Kasse. Wer am Ende des Fußballsommers die größte Beute vorweisen kann, gewinnt.

Damit der Fahnenklau nicht zur reinen Selbstbespaßung verkommt, gibt es dieses Mal sogar Informationszettel für die Autofahrer, auf denen die Probleme des Patriotismus erläutert werden (siehe Kasten). Der »Strafzettel« soll auf die abgebrochenen Fahnenstöcke aufgespießt oder einfach unter die Scheibenwischer geklemmt werden. Im Internetnetzwerk Facebook kursieren bereits Fotos - doch bei Autofahrern und Deutschland-Fans kommt das gar nicht gut an. Einer schreibt etwa: »Wir sind alle so dumm außer die, die im Schutze der Dunkelheit, mit Sturmhauben auf, sich ganz mutig an kleinen Fahnen vergreifen, weil diese ihrer Meinung nach für Unterdrückung, Rassismus und Nationaltümelei stehen!« Der Facebook-Nutzer fühlt sich beleidigt: »Ihr kennt mich nicht, behauptet aber, ich wär' ein Nazi!« Auf den Strafzetteln ist hingegen nur von Nationalismus die Rede, auch wird Autofahrern mit Deutschland-Fahne kein persönlicher Vorwurf gemacht.

Eine Druckvorlage für die Strafzettel hat die Gruppe »Cosmonautilus« auf ihrer Internetseite veröffentlicht - eine Berliner Ortsgruppe der Linksjugend. Zudem hat sie zur diesjährigen Männer-Europameisterschaft eine 24-seitige Broschüre über den linksradikalen Volkssport erstellt.

Es gibt verschiedene Disziplinen: So können Mannschaften gegeneinander antreten und beispielsweise sich bemühen, eine bestimmte Gegend von Nationalfahnen freizumachen. Oder sie versuchen, in einer vorgegebenen Zeit möglichst viele Flaggen einzusammeln. Dabei ist auch ein Punktesystem möglich. Ein Deutschland-Überzug für den Außenspiegel des Autos ist beispielsweise weniger wert als eine Magnetfahne oder eine Perücke in den Nationalfarben.

In der Broschüre gibt es zudem eine Anleitung für den Fahnenklau. Abbrechen? Knackt etwas laut. Abreißen? Manchmal etwas schwierig? Abbrennen? Gefährlich. Favorit bleibt somit das Abschneiden. Einziger Nachteil: Man benötigt entweder Messer oder Schere. »Für den spontanen Fang zwischendurch bieten sich aber auch die anderen Möglichkeiten an«, heißt es in dem Heft.

Dort gibt es außerdem eine Bastelanleitung, um aus den gesammelten Fahnen rot-schwarze Taschen zu machen sowie eine Einschätzung der rechtlichen Konsequenzen: In der Regel dürfte der Fahnenklau als Diebstahl und/oder Sachbeschädigung gewertet werden.

Umstritten ist, was mit Fahnen anderer Nationen passieren soll. Während die einen argumentieren, dass jede Nationalfahne Menschen ausgrenzt, halten die anderen dagegen, dass das gezielte Entfernen der Deutschland-Fahnen einen anderen Flaggenmix hervorbringt und somit in Frage stellt, ob man als Fußballfan immer für die deutsche Mannschaft mitfiebern sollte.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Fußballtaumel durchaus zum Nationalismus beiträgt: Forscher um den Bielefelder Pädagogikprofessor Wilhelm Heitmeyer haben festgestellt, dass die Deutschen nach der Fußball-WM 2006 »nationalistischer eingestellt« waren als zuvor. Sie schreiben: »Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen.« Der Nationalismus sei immer noch mit Fremdenfeindlichkeit verbunden.

Die These von einem »toleranten Patriotismus« hält Heitmeyer daher auch für »gefährlichen Unsinn, ein Stück Volksverdummung«.


Liebe Autofahrerin,
lieber Autofahrer.

Ich habe Ihre Nationalfahne entfernt.

Egal aus welcher Motivation Sie diese Fahne angebracht haben, sie produziert in jedem Fall Nationalismus.

Diese Fahne steht nicht für Fußball oder irgendein Team, sondern für deutsche Identität.

Mit nationalen Symbolen wie diesem Autofähnchen wird eine »nationale Gemeinschaft« konstruiert, also die eigene Identität betont und damit Nationalismus erzeugt. Und Nationalismus hat für viele Menschen fatale Konsequenzen. (...)

Bitte sparen Sie sich das Geld, uns die Arbeit und der Natur den Müll und ersetzen Sie die Fahne nicht wieder durch eine neue.

Auszug Strafzettel für Autofahrer