Von Volkmar Draeger
21.06.2012

Emotionen im Rundbau

Bad Frankenhausen: Jutta Ebnothers »PanoramaTanz« in Werner Tübkes revolutionärem Monumentalgemälde

Wie eine Fata Morgana ragt der zylindrische Turm auf dem Kamm eines Berges über das Bad Frankenhausener Land. Gigantisch ist der Blick vom Plateau auf das bergige Rundumpanorama, grandios, was das Turminnere birgt. Von der Auftraggabe 1976 durch das Kulturministerium der DDR über den ersten Pinselstrich 1983 bis zur Fertigstellung im Oktober 1987 und dann der Eröffnung des Museums im September 1989, ganz kurz vor der Wende, vergingen insgesamt 13 Jahre.

Was Werner Tübke in äußerst strapaziöser Arbeit mit seinem stetig schrumpfenden Team geschaffen hat, ist monumental in bester Wortbedeutung, durchaus vergleichbar mit den Sixtina-Fresken Michelangelos und Boschs rätselvollem »Garten der Lüste«. Entstanden ist nach Tübkes Konzeption das 14 Meter hohe und 123 Meter lange, auf mehrere Jahrhunderte Haltbarkeit konservierte Ölbild »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland«, Kaleidoskop eines ganzen Zeitalters, der Renaissance, die den Umbruch vom Mittelalter in die Neuzeit vollzog.

Fast zweieinhalb Millionen Besucher zählte das Panorama Museum bisher, kann den Saal seit Tübkes Tod 2004 verstärkt auch Aufführungen öffnen. Das nutzt derzeit Jutta Ebnother, um sich mit ihrem Ballett Nordhausen zu dem kolossalen Werk in Beziehung zu setzen. Ihr »PanoramaTanz« ereignet sich auf schwarzem Podest mit abgeschrägten Ecken in der Mitte des Raumes und vermeidet jeden konkreten Bezug zu den sich auf 1722 Quadratmetern ballenden Bildszenen, etwa Jüngstes Gericht, Winterlandschaft mit Turmbau zu Babel, Sommerwiese, Müntzer im Schlachtgetümmel.

In ihren beigefarbenen Hosenröcken und langärmligen Oberteilen, den transparenten Käppis wirken die Tänzer wie Inkarnationen reiner Seelen, denn um menschliche Emotionen, unveränderlich über die Zeiten, geht es Ebnother. Zu Beginn ihres 45-minütigen Exkurses in die Welt der Gefühlslagen defilieren die Tänzer durch den Raum zwischen Bühne und umsitzenden Zuschauern, als seien sie dem Bildfonds entstiegen. Auf dem Podium zitieren sie dann Posen, die sie den 3000 Figuren abgeschaut haben. Daraus entwickelt sich ein äußerst reduzierter Tanz, der jede Dopplung der bildnerischen Überfülle vermeidet, sich lediglich von der live produzierten Musik tragen lässt: einem Adagio respektive einem Allegretto von Dmitri Schostakowitsch, bearbeitet nach Oper und Ballett; Leoš Janáceks »Intimen Briefen«, beides von einem Streichquartett des Loh-Orchesters subtil musiziert. Immer wieder verlassen die Akteure den Podiumsraum, lösen die Distanz zwischen Darstellern und Publikum auf, als zögen sie dem Fries entgegen.

Aus gebückt vorwärtseilendem Kreis ergeben sich drei Paare, die in moderner Bewegungssprache Zuneigung und Zerwürfnis ausleben, wie die Choreografie sie oft noch tastend dem ungewohnten Raum einwebt. Ihr Kernstück ist ein langer, dichter Pas de deux schmiegenden Sehnens, voller Schleuder- und Stemmhebungen, Spreizdrehungen und Spannungsmomente, der in einer Liebeslage kulminiert. Ein Mann wird zum Fanal, sammelt die Liegenden ein, als wäre Harmonie möglich. Nach Hecheln, Zischeln, Gebücktläufen, Blickkontakten nehmen die sechs Tänzer ihre Posen vom Beginn auf; eine Moral von der Geschicht‘ mit Lösung der Konflikte kann es nicht geben.

Bisweilen neutral wirkt, was der Tanz beisteuert und sich dennoch eigenständig im dominanten Umfeld von Malerei und Musik behauptet. Magdalena Pawelec und David Roßteutscher als zentrales Paar tragen viel dazu bei.

Nächste Aufführung: 22.6.

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