Von Jirka Grahl, Kiew
22.06.2012

Totalnij futbol

Zu Besuch bei Artjom Frankow, Chefredakteur des führenden Fußballmagazins der Ukraine

Montags und donnerstags erscheint in der Ukraine das wichtigste Fußballmagazin des Landes. »Futbol« heißt es, und liegt für 5 Griwna (50 Cent) an den Kiosken. Ein Besuch am Tag nach dem Ausscheiden der ukrainischen Mannschaft.
0b56812dedd0bf3619f6b6252ce5d859.jpg
Artjom Frankow

Wer die »Futbol«-Macher besuchen will, braucht mehr als Ortskenntnis. Selbst in Begleitung einer Kiewerin findet man die Redaktion erst nach vielem Gefrage und einem halbstündigen Fußmarsch durch ein Gewerbegebiet im Nordwesten der Stadt. Auf dem dritten Hinterhof des ehemaligen »Polimer«-Werkes in der Kurenewski-Straße liegt das Gebäude der »Ukraiinska Media Holding«.

Im ersten Stock hat »Futbol« seinen Sitz. Ein Dutzend Schreibtische auf etwa 90 fensterlosenQuadratmetern, Rigipswände, Klimaanlage. An der Wand hängen Fußballschals: FK Lwiw, FC Barcelona, Dynamo Kiew, FC Schalke - die Mischung ist alleuropäisch.

Noch herrscht gelassene Ruhe bei den Blattmachern. Es ist Nachmittag und der Redaktionsschluss ist erst um zwei Uhr in der Nacht. »Schön, dass Sie da sind«, sagt Chefredakteur Artjom Frankow lächelnd. Der 41-Jährige leitet seit 15 Jahren die Redaktion. Für die EM trägt er im Editorial auf Seite 2 das Ukraine-Trikot, was in Deutschland sicherlich undenkbar wäre. »In diesen EM-Tagen macht die Arbeit besonderen Spaß« sagt er. »Es ist ein Traumjob.« Frankow ist Fan von Dynamo Kiew, der »totalnij futbol« des Valeri Lobanowski hat einst seine Leidenschaft geweckt.

Die EM ist für Artjom eigentlich eine leichte Aufgabe, weil die Sympathien der etwa 70 000 Leser klar verteilt sind. Schwieriger sei der Alltag: »Manche kritisieren, wir seien zu sehr für Dynamo Kiew engagiert.« Aber man produziere nun mal in Kiew. Und dass er mit Grigorij Surkis befreundet ist, dem allmächtigen Kiewer Oligarchen, dem Vertrauten von Präsident Wiktor Janukowitsch, der einst Dynamo Kiew besaß und es dann seinem Bruder Igor vermachte, will er nicht als hinderlich ansehen: »Wir kennen uns eben. Aber ich kenne die anderen auch.« Rinat Achmetow beispielsweise, den Oligarchen aus dem Osten, der Schachtjor Donezk zu einem europäischen Spitzenklub gemacht hat. Ist Fußball-Berichterstattung hierzulande immer auch politische Berichterstattung? »Nun, wir versuchen hier, die Politik, so weit es geht, außen vorzulassen.«

Tags zuvor war Frankow in Donezk in der Donbass-Arena mit einem Sonderzug für Fans unterwegs: »Ein ziemlich voller Zug aus Sowjetzeiten. Was für eine Fahrt!« schmunzelt Frankow. »15 Waggons aus DDR-Produktion, noch mit dieser Reichsbahn-Ausstattung.« Es sei nicht gerade eine glückliche Rückfahrt gewesen. »Aber die Fans waren stolz auf unser Team.«

Was wird bleiben für die Ukraine, wenn die EM vorbei ist? »Viele waren skeptisch vorher, aber ich glaube, mittlerweile spüren die Leute in Lwiw oder Kiew, was das Besondere ist. Die meisten sind froh, dass Europa zu uns gekommen ist.« Er lächelt den deutschen Reporter an: »Sie wären ja schließlich sonst auch nie hier gelandet.«