Von Carmela Negrete
22.06.2012

Aufstand der Kumpels

Angesichts der Berichterstattung in Deutschland könnte man denken, die Spanier hätten ihre Proteste eingestellt. Doch das ist alles andere als die Realität.

Mit brennenden Reifen verbarrikadierten die Mineros Straßen und Gleise. Die spanische Polizei antwortete mit Gummigeschossen. Tränengas zog zwischen Wohnhäusern und Schulen auf. „Es war wie im Krieg. So etwas haben wir noch nie gesehen", zitiert die regionale Presse Bewohner des des Dorfes Ciñera.

Um 60% gekürzt wurden die Subventionen für die Kohleminen - von einem Tag auf den anderen. Seit drei Wochen streiken deshalb die Mineros im Norden Spaniens. Bis 2018 hatte die EU-Kommission die Gelder eigentlich zugesichert. Nun fürchten neben Arbeiter und Gewerkschaftern sogar Unternehmer, dass die Mehrheit der Minen bald schließen müsse. Das zuständige Ministerium rechtfertigt sich, damit das die Kassen für die Kohleminen leer sein. Leer, weil 100 Milliarden Euro an die spanische Bank Bankia flossen, sagen die Minenarbeiter.

Protestiert in Spanien eigentlich noch jemand?

Man könnte meinen, die Bergarbeiter seien die letzten Überbleibsel einer vergangenen Zeit, als die Anhänger der „Bewegung des 15. Mai" zu Hundertausenden im Land gegen die Macht der Banken protestierten Selbst in kleinen Dörfern demonstrierten sie, täglich, monatelang. Was ist aus ihnen geworden? Protestieren die Spanier nicht mehr? Ja, sie tun es immer noch. Doch nun fordern sie nicht mehr einfach „mehr Demokratie" sondern konkrete Veränderungen.

Bunt und laut sind die Proteste der Aktivistengruppe Flo6x8. Im südlichen Andalusien gehen sie unangemeldet in Banken, singen und tanzen dort Flamenco „gegen die Diktatur der Banken". Andere veranstalten Partys in Arbeitsämtern oder fangen, wie im südspanischen Sevilla an, auf Demonstrationen gemeinsam zu singen.

Medial werden sie ignoriert und diffamiert

So unterschiedlich die Motive der gut gelaunten Demonstranten in Sevilla und die Streiks der verzweifelten Bergarbeiter von Ciñera auch wirken, eines haben sie doch gemeinsam: In den überregionalen bürgerlichen Medien finden sie kein Gehör. So wie in Deutschland am ersten Mai von brandschatzenden Chaoten geschrieben wird, werden die Bergarbeiter in spanischen Medien sogar als ETA-Kämpfer verunglimpft.

Eine katalanische Gruppe von Rentnern nutzt solche mediale Diffamierungen zur Selbstbezeichnung:. „Yayoflautas" nennen sie sich. Frei übersetzt bedeutet das „Hippies und Penner im Großeltern-Alter". „Die Medien behaupten, es gäbe nur Proteste von Hippies und Pennern. Das stimmt nicht. Auch wir machen uns Sorgen um die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder", sagen sie. Während sie sich vor allem gegen die Preissteigerung bei Bus- und U-Bahn wenden, finden auch die klassischen Demonstrationen der 15. Mai-Bewegung gegen steigende Mietpreise weiterhin Zulauf.

Familien sind plötzlich obdachlos

Familien, die sich die Kreditraten ihrer Häuser oder Mieten ihrer Wohnungen nicht mehr leisten können, erwartet in Spanien nach wie vor die die Obdachlosigkeit. Selbst im Winter setzte der spanische Staat tausende Familien auf die Straße. Einige Initiativen versuchen leere Wohnungen für diese Obdachlosen zu schaffen. In Sevilla gibt es einen ganzen besetzen Wohnblock mit 20 Familien. Nachdem Wasser- und Stromanbieter keine Verträge mehr mit den Familien unterschreiben wollten, spendeten Aktivisten eine Solaranlage. Andere besetzten verwaiste Agrarflächen.

Auch die Bergarbeiter von Ciñera werden von der 15.-Mai-Bewegung unterstützt. Ein Student, der sich an ihren Protesten beteiligte, sitzt in Untersuchungshaft. Zwölf Jahre Gefängnis drohen ihm. Dass Tränengas, Gummigeschosse und Verhaftungen für die Mineros aber noch lange nicht das Ende der Proteste bedeuten, verraten ihre Lieder. Diese sangen einst auch die republikanischen Kämpfer des spanischen Bürgerkrieges.

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