Karlen Vesper
23.06.2012

Die Würde des Einzelnen und die Würde des Gemeinwesens

Oskar Negt hat einen Gesellschaftsentwurf für Europa verfasst – Statt fiskalischer Rettungspakete brauchen wir einen Rettungsschirm für Kultur

Zukünftig werden im Wochen nd in loser Folge große Denker und Philosophen zu ihren Ideen und Perspektiven für eine bessere Welt befragt. Das »neue deutschland« knüpft damit an seiner Interview-Serie »Was kommt von links?« aus den 1990er Jahren an. Den Auftakt macht Oskar Negt, der dieser Tage mit seinem »Gesellschaftsentwurf Europa« im Steidl-Verlag ein Plädoyer für ein gerechtes Gemeinwesen vorlegte. Der Sozialphilosoph fordert eine Abkehr von der Währungsideologie, eine solidarische Ökonomie und ein kulturvolles Miteinander mündiger Bürger. Mit Professor Negt sprach Karlen Vesper.
nd: Herr Negt, bevor wir über Ihren Gesellschaftsentwurf für Europa sprechen, möchte ich Sie fragen: Was bedeutet für Sie Europa?
Negt: Mein Europa-Bild hat seinen Ausgang in Kindheitserinnerungen, Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Flucht aus Königsberg sowie zweieinhalb Jahre Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Dänemark. Wir können heute stolz sein: Zum ersten Mal in seiner Geschichte kam Europa über 50 Jahre ohne Krieg aus ...

Was ist mit Jugoslawien?
Der Nato-Krieg gegen Jugoslawien hat den Kontinent nicht in ein Schlachtfeld verwandelt wie der Erste und der Zweite Weltkrieg oder der Dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert. Zwischenstaatliche Kriege hat es in Europa nunmehr seit über einem halben Jahrhundert nicht gegeben. Das ist ein bewahrenswertes Gut. Deshalb bin ich jetzt sehr beunruhigt. Es droht aktuell zwar kein heißer Krieg in Europa, aber auf vielen Ebenen werden Menschen ausgegliedert. Und das bedrückt mich.

Es tobt ein gnadenloser ökonomischer Krieg in Europa ...
… der sich ausgeweitet hat, ganze Volkswirtschaften und Millionen Menschen von ihrem bisherigen Produktions- und Lebenszusammenhang abkoppelt. Das ist auch in politischer Hinsicht bedrohlich, denn es bilden sich Konstellationen, die wir nicht wollen. Rechtsradikale Optionen sind keineswegs mehr nur Randphänomene, sie drängen ins gesellschaftliche Zentrum. Holland liegt nicht an der Peripherie Europas, auch Norwegen oder Ungarn nicht.

Trotz dieser bedrohlichen Lage werden die eigentlichen Ursachen, die immer vor allem die Arbeitsverhältnisse sind, nicht ernsthaft reflektiert. Und wenn Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds sagt, sie würde es eher berühren, was in einem afrikanischen Land passiert als in Griechenland, so ist das nicht zu Ende gedacht. Denn wie soll die Hilfe für Bedürftige in der südlichen Hemisphäre aussehen, wenn die Not selbst in den entwickelten Ländern der nördlichen Halbkugel groß ist? Das Eine ist nicht vom Anderen zu trennen. In dem Maße, wie wir unsere eigenen Probleme nicht lösen können, werden wir auch die Weltprobleme nicht lösen.

Günter Grass hat einen solidarischen Appell für Griechenland verfasst.
Ein sehr schönes Gedicht.

Es deckt sich mit Ihrer Argumentation, warum Griechenland in seiner Misere nicht im Stich gelassen werden darf.
Griechenland ist das Ursprungsland der Demokratie. Wir verdanken den alten Griechen wesentliche Elemente der Aufklärung, unserer Verfassung und unseres Wertesystems. Die öffentliche Rede und der öffentliche Streit, wie sie bei den alten Griechen auf der Agora praktiziert wurde und zu demokratisch gefassten Entscheidungen führte, ist ein in unserer Verfassung garantiertes Grundrecht. Über 40 Volksversammlungen gab es im Athen des Perikles jährlich. Natürlich war die Athener Demokratie begrenzt, Frauen und Sklaven waren ausgeschlossen. Ein Defizit, das in einem gesamteuropäischen Lernprozess im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte behoben wurde. Zudem verdanken wir den alten Griechen große Komödien und Tragödien, und natürlich die Philosophie.

Alles Philosophieren hernach war nur noch Fußnote zu Platon, meinte der britische Philosoph Alfred Whitehead. Und doch: Platon und Perikles, Aristophanes und Sophokles lebten vor 2500 Jahren. Das ist arg lange her.
Und doch begründeten sie das, was wir heute unter Europa verstehen, was europäische Kultur und europäisches Bewusstsein ausmacht. Diese historische Wahrheit wird nicht durch die Tatsache aufgehoben, dass die Griechen fast 600 Jahre osmanischem Joch unterworfen waren.

Europa definiert sich eben nicht nur über Geld und Ökonomie, sondern hat einen kulturellen Sinngehalt, zu dem die alten griechischen und römischen Traditionen gehören. Deshalb finde ich es skandalös, arrogant und unmoralisch, den Griechen die Schuld für ihre gegenwärtige Tragödie zuzuschieben und sie aus dem europäischen Konsens ausgliedern zu wollen. Um noch einmal Frau Lagarde zu zitieren: Wenn sie sagt, die Griechen sollten nun endlich mal Steuern zahlen, so ist das für mich auch eine Entwertung des Menschenbildes. Im Übrigen stimmen mich die Linkswahlen in Griechenland hoffnungsvoll.

Sie haben keine Angst vor den »radikalen Linken«, wie Politik und Medien hierzulande?
Nein. Im Gegenteil. Viele Leute, die bei den jetzigen Wahlen kandidierten, kamen in vorangegangen nicht zum Zuge, weil es ein skandalöses Wahlgesetz gab, die größten Parteien zusätzliche Mandate in einem Schwung zugerechnet bekamen - noch mehr als bei uns mit den fraglichen Überhangmandaten.

Zu Lagarde: Auch der griechische Staat braucht Einnahmen.
Zweifellos ist eine rationale Umstrukturierung des Steuer- und Gerichtssystems in Griechenland, der kommunalen Verwaltungen usw. notwendig. Da wäre unsere Hilfe ein sinnvolles Angebot, das die Griechen auch dankbar annehmen würden, wie ich aus etlichen Diskussionen mit griechischen Kollegen, so erst jüngst auf Kreta, weiß. Nicht hilfreich hingegen wäre, Griechenland in eine Abhängigkeit von Krediten zu drängen, denn das würde eine völlige Ruinierung der Wirtschaft bedeuten.

Aber sparen müssten auch die Griechen?
John Maynard Keynes meinte: In der Krise ist Sparen das Unsinnigste, weil es den gesamten wirtschaftlichen Zusammenhang lähmt.

Und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman fordert in seinem neuen Buch explizit dazu auf, jetzt Geld auszugeben, statt zu sparen.
Wir alle können auf Teufel komm raus sparen, es wird uns nichts nützen. Schuld daran ist die neuartige Verdrehung von Macht und Ohnmacht. Wenn beispielsweise dem griechischen Kiosk-Besitzer der gewünschte Kredit vorenthalten wird, nur weil Ratingagenturen seinem Land das Vertrauen abgesprochen haben, ist das für die gesamte Gesellschaft brisant. Eine psychisch-depressive Stimmung in der Bevölkerung koppelt sich mit einer fatalen Verringerung der Wirtschaftstätigkeit.

Gehört zu dieser Verdrehung von Macht und Ohnmacht nicht auch, dass Kredite aus dem europäischen Rettungsfonds nicht direkt vergeben werden, sondern über Banken, die hohe Zinsen verlangen? Nationale Steuergelder werden Profitmachern in den Rachen geworfen, die obendrein dreist dem bedürftigen, sprichwörtlich nackten Mann in die Tasche greifen.
Das ist ein ernstes Problem: Die Banken haben im Grunde ihr Regelsystem trotz der Krise überhaupt nicht verändert. Hunderte Millionen werden für die Rettung von Banken ausgegeben, die dann wieder Spekulationsgeschäfte betreiben. Man kann das mit einer Sucht vergleichen. Ich warne aber davor, unsere Probleme einzelnen Akteuren, der Geldgier oder Korruptionsbereitschaft zuzuschieben. Es handelt sich um strukturelle Probleme des Kapitalismus.

Von »Geld heckendes Geld«, »Kapitalmystifikation in der grellsten Form«, sprach Marx.
Und der Austromarxist Alfred Sohn-Rethel hat den Begriff Real-Abstraktion geprägt. Sie hat ihre Grundlage im Fetischcharakter der Ware, der ab einem bestimmten Entwicklungsstand zum Geldfetisch wird. Der ist heute auf die Spitze getrieben. Die gegenwärtige Finanzkrise offenbart eine völlige Abkoppelung der ursprünglich medial begrenzten Welt des Geldes von der gesellschaftlichen Produktion und vom gesellschaftlichen Bedarfszusammenhang.

Von den drei Billionen Euro Geschäftsakten, die an den internationalen Börsen tagtäglich getroffen werden, sind nur drei Prozent auf die gesellschaftliche Produktion bezogen. Wertschöpfung kommt nicht der Gesellschaft zugute, sondern führt ein Eigenleben. Das hat es in dieser Weise bisher noch nicht gegeben.

Deshalb sprechen Sie von einer »kranken Gesellschaft«?
Ja, sie ist zum bloßen Anhängsel der wirtschaftlich Mächtigen und der Börsenkurse geworden. Der größte Teil des gesellschaftlichen Reichtums geht uns verloren, wenn sich nicht bald etwas ändert. Alle Europadiskurse sind jedoch im Bannkreis des Geldes gefangen. Wir müssen uns daraus befreien.

Aber Geld regiert nun mal die Welt - seit dessen Erfindung durch die Lydier im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.
Es ist aber verschieden balanciert gewesen. Und eine Balance droht heute wegzubrechen: der Sozialstaat. Die sozialstaatlichen Errungenschaften sind für mich ein wesentlicher Bestandteil einer funktionierenden Demokratie. Der Sozialstaat nimmt dem Menschen die Angst. Gegenwärtig sieht es jedoch so aus, als wenn der Angst-Rohstoff sich stetig akkumuliert. Er wird durch die Beschwörung sozialdarwinistischen Überlebenskampfes von rechtsradikalen Kräften für antidemokratische und menschenverachtende Ziele missbraucht.

Und diesen kann man nur das Wasser abgraben, indem der Sozialstaat auf europäischer Ebene wieder hergestellt wird?
Ja. Der Kampf gegen den totalen Abbau des Sozialstaates muss gesamteuropäisch geführt werden. Diese Notwendigkeit wird von den Gewerkschaften erkannt, obwohl sich auch bei ihnen Kooperationsverhältnisse zu den Unternehmen eingeschlichen haben, die ich nicht für gut halte - allein, weil dadurch auch die Ansehensmacht der Gewerkschaften gemindert wird.

Es heißt aber, für Sozialausgaben ist kein Geld mehr da.
Dass wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten können, ist eine Lüge. Das Schlimme ist, dass dessen Plünderung mit dem Ausbau des viel kostspieligeren Sicherheitsstaates einher geht. Was beim Sozialabbau gespart wird, muss doppelt und dreifach in Sicherheitsbereiche investiert werden.

Ich kann nur wiederholen: Wer den Sozialstaat beschädigt, legt die Axt an die Wurzel der Demokratie. Soziale Errungenschaften wie die Humanisierung der Arbeitsverhältnisse, allgemeine Gesundheitsversorgung, Verlängerung der Lebenszeit und Sicherung der Renten haben die europäischen Demokratien gestärkt und stabilisiert. Das alles wurde jedoch sukzessive abgebaut und ausgehöhlt, durch die neoliberalen Zauberlehrlinge.

In Deutschland begann der Abbau des Sozialstaates unter einer rot-grünen Regierung. Waren Sie wirklich einer Depression nah, als Gerhard Schröder, den Sie im Wahlkampf unterstützten und dem sie als Berater zur Verfügung standen, die Agenda 2010 durchdrückte? Heribert Prantl von der »Süddeutschen Zeitung« vermutete dies in seiner Laudatio, als Sie 2011 den August-Bebel-Preis verliehen bekamen.
Ich bin nicht depressiv geworden, aber es war schon eine große Enttäuschung, auch eine menschliche. Da hat man geredet und argumentiert – vergebens.
Platon war einer Einladung des Dionysos II. von Syrakus gefolgt, in der Hoffnung, seine Staatsphilosophie, seine Utopie, in dessen Reich in die Praxis umsetzen zu können. Doch er wurde vom Tyrannen in die Sklaverei verkauft und musste erst von einem Schüler freigekauft werden. Dieses Schicksal blieb mir erspart. Aber ich habe viel dazu gelernt, was das Spannungsverhältnis zwischen Politik und wissenschaftlicher Beratung betrifft.

Zurück zum europäischen Sozialstaat. Wie sollte dieser ausgestaltet sein?
Lebenselixier des europäischen Sozialstaates ist eine solidarische Ökonomie, die nicht auf die bloßen Geldverhältnisse fixiert ist und einen Ausgleich zwischen Schwachen und Starken ermöglicht – und dies ohne in die Mottenkiste von vorurteilsbeladenen Aburteilungen wie »Faulenzer«, »Sozialschmarotzer« etc. zurückzugreifen. Die gegenwärtige Abstraktion des Geldes drückt real auf die Lebensverhältnisse von Millionen Menschen und von Staaten und damit auf soziale und nationale Beziehungen, schürt Egoismus und Nationalismus.

Wie gelangen wir aber zu einer solidarischen Ökonomie. Doch nicht durch Appelle an Unternehmer oder Börsenspekulanten?
Durch soziale Bewusstseinsbildung. Statt Milliarden Euro für die Rettung von Banken auszugeben, wären diese sinnvoller und vernünftiger in Bildung investiert.

Weil diese, wie Sie in früheren Schriften bemerkten, wichtig ist für die Ausbildung von Identität, Kompetenz, Gerechtigkeitssinn?
So ist es. Aber auch im Bereich der Bildung finden die negativen Herrschaftsstrategien wie Polarisierung und Abkoppelung statt.

In Berlin werden Kinder von Hartz-IV-Empfängern, Migranten und Asylbewerbern aus normalen Schulklassen herausgenommen und in sogenannte werkpädagogische Klassen gesteckt, wo sie nur zweieinhalb Tage in der Woche oberflächlichen Schulunterricht erfahren. Sie haben so gleich gar keine Chance, ihre intellektuellen Anlagen zu entwickeln. Solche Segregation erinnert mich an Aldous Huxleys Dystopie einer »Schönen neuen Welt« – Reproduktion von »Epsilon-Minus«, die den »Alpha-Plus« unwissende, willige Untertanen sein sollen.
Ich kann Ihnen in Hannover fünf, sechs Schulprojekte nennen, in denen die Integration aufs Vorzüglichste gelingt und die Qualität der Angebote beachtlich ist.
Kinder sind von Natur auf neugierig und wissbegierig. Es darf ihnen nur nicht die Lust am Erkennen, an Wissenserwerb ausgetrieben werden, was das offizielle Schulsystem häufig tut. Die Lehrer müssen motivieren, die ursprüngliche Neugier aller Kinder unterstützen. Das kann gelingen, wie an der Schule, die ich gründete.

Die Glockseeschule.
Ja. Ich vertrete einen pädagogischen Optimismus im Sinne eines nicht bloß normativen Überhangs gegenüber der Realität. Wenn der Gesellschaft aus Ignoranz menschliche Ressourcen verloren gehen, kommt ihr das teuer zu stehen. Dabei ist Demokratie die billigste Organisationsform gesellschaftlichen Lebens.

Wie das?
Sie ist umwegig und abwegig. Aber im Vergleich zu autoritären und totalitären Regimen, die individuelle Subjektivität vernichten, ist die Demokratie mit ihrem hohen Maß an Bürgerbeteiligungen die kreativste Gesellschaftsordnung. Investitionen in den Sozialstaat und in Bildung als die Garanten für eine stabile Demokratie sind wesentlich ergiebiger als ein aufgeblähter Sicherheitsapparat. Ein Strafgefangener kostet unvergleichlich mehr als ein Schüler und ein guter Lehrer.

Sie verlangen ein gewaltiges Umdenken.
Wir müssen auch ökonomisch umdenken. Wir betreiben gegenwärtig keine Ökonomie im aristotelischen Sinne, sondern nur Verschwendung. Dazu gehört das abenteuerliche Versprechen von Krediten. Jetzt ist schon die Rede von 750 Milliarden für den Schutzschirm. Es wird stetig aufgestockt. Eine gefährliche Sache. Wir brauchen einen neuen, asketischen Umgang mit Geld. Und deshalb meine ich, ein Rettungsschirm für Kultur ist wichtiger als alle fiskalischen Rettungspakete. Das ganze System in Europa ist reformbedürftig. Das setzt voraus, dass man sich von der bloßen Währungsideologie löst. Die Währung ist nicht das einzige, worum es jetzt geht. Es geht darum, Vertrauen herzustellen in das, was Europa ausmacht. Im Augenblick ist die Situation so verfahren, dass die Griechen wohl 20, 30 Jahre benötigen werden, um wieder Vertrauen zu Europa zu gewinnen.

Wie wollen Sie aber die Politiker und Geldmächtigen von der Notwendigkeit eines Rettungsschirms für Kultur überzeugen? Also etwa Frau Merkel oder Frau Lagarde.
Wie man die Tatsachen-Menschen überzeugt? Ich weiß es nicht. Aber ich stelle immer wieder bei meinen Vorträgen vor völlig verschiedenem Publikum eine große Orientierungsnot fest. Die Menschen sind begierig zu erfahren, was die strukturellen Ursachen für die vielen Krisenherde sind.

Sie sprechen von fünf Krisenherden: eine der Logik des Kapitals unterworfene Globalisierung, Massenarbeitslosigkeit, ein nur auf Eliteförderung zielendes Bildungswesen, ethische Defizite sowie die zunehmende Entpolitisierung enttäuschter Bürger.
Und ein wichtiger Ansatz zur Lösung all dieser Probleme ist Bildung. Sie ist wichtig für die Förderung politischer Urteilskraft, ein wesentliches Element unserer Demokratie und ein Grundpfeiler für ein friedensfähiges europäisches Haus. Der politisch urteilsfähige und im Kantschen Sinne mündige, selbstbestimmte Mensch ist der Citoyen einer demokratischen Gesellschaft, Ohne ihn hat diese sensible Ordnung menschlicher Verhältnisse keine Überlebenschance.

Sie begründen – konträr zu Thilo Sarrazin – eine besondere Verpflichtung Deutschlands für Europa gerade auf Grund unheilvoller, mörderischer Vergangenheit.
Das ist richtig. Das Projekt europäische Einigung, das ich ein epochales nenne, ist auch ein Stück Friedensutopie, ist ein Bruch in der langen Erzählgeschichte von Kriegen, Massenmorden und kollektivem Wahn, die ihre Meister in Deutschland hatten.

Nun ist es aber so, dass einige Nationen sich heute wieder von Deutschland politisch diktiert und ökonomisch ausgeplündert fühlen.
Diese Art sekundärer Imperialismus angesichts neuer Abhängigkeiten ist der ökonomischen Potenz von Deutschland geschuldet.
Die besondere Verantwortung Deutschlands in Europa besteht auch darin, nicht nach alten Mustern zu greifen. Das sehe ich unter der gegenwärtigen Bundesregierung nicht gewährleistet. Es werden die alten Krisenlösungsstrategien angewandt. Der neue französische Präsident François Hollande wird das nicht ganz umdrehen können, aber es scheint ein Umdenken nicht unmöglich. Jedenfalls kommt es in starkem Maße auf Deutschland und Frankreich an, dem Markt Grenzen zu setzen und die Ökonomie wieder in den gesellschaftlichen Lebenszusammenhang zurückzuführen.

Zum Gemeinwohl?
Zum Gemeinwohl, im Sinne einer Ökonomie des gesamten Hauses – gemäß dem griechischen Ursprung des Wortes: »oikos«. Je gerechter eine Gesellschaft organisiert ist, desto größer ist ihre Legitimation. Deshalb ist ein Denken nötig, das von unten ansetzt, bei den Lebensbedingungen der Menschen. Diese müssen Ausgangsbasis aller Reflexionen zur Überwindung der europäischen Krise sein. Dann kann es gelingen, das in den Grundrechten enthaltene Emanzipationsversprechen für jeden Bürger wie für die Gesellschaft einzulösen. Die Würde des Einzelnen und die Würde des Gemeinwesens gehören untrennbar zusammen.

Das wäre der Kern Ihres Gesellschaftsentwurfs für Europa?
Im Zentrum meines Gesellschaftsentwurfs steht der Gerechtigkeitswille. Wenn dieser ernst genommen wird und alle EU-Bürger das europäische Projekt zu ihrer eigenen Sache machen, ist dessen Scheitern nicht zu befürchten. Im Gegenteil, die kulturell verschiedenen und in der Geschichte vielfach sich feindlich gegenüberstehenden Völker nähern sich einander an. Es wächst zusammen, was zusammen gehört, um mal Willy Brandt zu zitieren. Und eines Tages werden dann Bürger europäischer Staaten auf die Frage: »Woher kommst Du?« antworten: »Aus Europa. Ich bin ein Europäer!«

Wie lange wird dies dauern?
Ich bin kein Prophet, sondern Philosoph. Ich kenne aber viele Menschen, und kann dies auch für Angehörige meiner Familie bezeugen, die sich schon jetzt vornehmlich als Europäer begreifen und nicht als Deutsche, Griechen oder Franzosen. Allerdings wird dieses Gefühl von einigen nationalen Regierungen schon wieder torpediert. Das Schengener Abkommen wird in Frage gestellt, jüngst sogar von Deutschland. Es wird also noch eine Weile dauern.

Aber Sie sind optimistisch?
Theoretisch bin ich Pessimist. Der Intellektuelle hat die Aufgabe, auch die denkbar schlechteste Entwicklung zu bedenken. Aber damit allein kann man nicht leben. Und als praktischer Mensch suche ich die Risse und Verwerfungen im System, um dort anzusetzen und Auswege zu finden – ganz im Sinne von Antonio Gramsci, der ebenfalls der Ansicht war, dass es für jede Krise der Zivilisation Auswege gibt. Sie sind zu suchen.

Gehört Russland für Sie auch zu Europa?
Ja. Ich glaube, dass dieser Kontinent ohne Russland ein Unruheherd bleibt. Also plädiere ich für eine Aufnahme. Wenn die Türkei Mitglied der EU sein soll und Russland ausgespart wird, halte ich dies für bedenklich.

Gleichwohl Sie einen Jack Russell Terrier haben, ist Ihr Lieblingstier der Maulwurf, der bei Hegel emsig wühlt. Auch Shakespeares Hamlet preist den »wackeren Maulwurf«. Und im »18. Brumaire« prophezeit Marx: »... wird Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln: brav gewühlt, alter Maulwurf.«
Ja, es hat große Sympathien gegeben für diesen großen Wühler. Seine untergründische Umtriebigkeit hat ja etwas Dialektisches an sich. Und ich glaube, die Erkenntnisgrenzen heute, auch bei den Linken, liegen darin begründet, dass sie sich schuldhaft von der Dialektik verabschiedet haben.
Die Verhältnisse sind nur dialektisch zu begreifen. Die Dinge sind nicht identisch, aber hängen alle zusammen. Diese inneren Zusammenhänge aufzuzeigen, vor allem die Herrschaftsmechanismen und Produktionszusammenhänge, Alternativen aufzuspüren, Fantasie und Möglichkeitssinn zu entwickeln – dies betrachte ich als vorrangige Aufgabe der Linken.

Professor Oskar Negt, Jg. 1934, Schüler von Jürgen Habermas und führender Vertreter der Kritischen Theorie in Deutschland, lehrte bis zu seiner Emeritierung 2002 an der Wilhelm Leibniz Universität Hannover. In der 68er Bewegung war er einer der Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition und des Offenbacher Sozialistischen Büros. 1972 gründete er die reformpädagogische Glockseeschule in Hannover, 1994 initiierte er die »Loccumer Initiative kritischer Wissenschaftler«. Jüngste Publikationen: »Arbeit und menschliche Würde« (2001), »Kant und Marx« (2003), »Wozu noch Gewerkschaften?« (2004), »Der politische Mensch« (2010)

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