Von Bernd Freitag
23.06.2012

Bismarcks Bündnis

KALENDERBLATT

Seit 1885 verschärfte sich das Ringen zwischen Russland und dem mit Deutschland verbündeten Österreich-Ungarn um den beherrschenden Einfluss in Bulgarien. Bis in die Armeeführung und Spitzen der Bürokratie hinein regten sich in Russland panslawistisch gesinnte Kreise, die für einen Angriffskrieg gegen Österreich eintraten. In den Führungskreisen des Deutschen Reiches wiederum traten starke Kräfte hervor, welche die Russlandpolitik des Reichskanzlers Otto von Bismarck für verfehlt hielten. Sie meinten, ein Krieg mit Russland und Frankreich werde ohnehin kommen, daher sei es besser, ihn präventiv zu führen. Bismarck jedoch beurteilte nicht nur die politischen, sondern auch die militärischen Aussichten eines deutsch-russischen Krieges weitaus realistischer als diese selbst ernannten Fachleute. Er trat den Kriegsbefürwortern scharf entgegen.

Weder in Berlin noch in St. Petersburg gewannen die kriegsentschlossenen Kreise die Oberhand, und so konnte am 18. Juni 1887 der streng geheime deutsch-russische Rückversicherungsvertrag unterzeichnet werden. Er war das Werk Bismarcks und des russischen Außenministers Nikolai Giers. Die Vereinbarung verpflichtete im Falle eines französischen Angriffs auf Deutschland und eines österreichischen Angriffs auf Russland die Vertragspartner zur Neutralität.

In den folgenden Jahren übte Bismarck jedoch auf Russland massiven ökonomischen Druck aus. Er wollte die russische Regierung auf diese Weise zwingen, die mit dem Rückversicherungsvertrag eingeleitete außenpolitische Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich auch tatsächlich einzuhalten. Das war kontraproduktiv, denn es stärkte in Russland die Befürworter eines Bündnisses mit Frankreich. Damit erhielten auch die deutschen Gegner eines Bündnisses mit Russland wieder Aufwind.

Nach dem Sturz Bismarcks 1890 verlängerte dessen Nachfolger Caprivi den Rückversicherungsvertrag nicht. Russland schloss daraufhin 1892 mit Frankreich eine Militärkonvention ab. Der spätere Reichskanzler Bülow nannte deshalb die Abwendung vom Rückversicherungsvertrag einen »fürchterlichen Fehler«.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken