Von Hans-Jochen Tschiche
23.06.2012
Gastkolumne

Ein zwiespältiger Präsident

In den Reden des Bundespräsidenten Joachim Gauck, der jetzt 100 Tage im Amt ist, habe ich einen Schlüsselsatz gefunden, der seine Sicht auf die deutsche Nachkriegsgeschichte bestimmt. Er habe zwei Drittel seines bisherigen Lebens in Diktaturen zugebracht, nun aber sei er seit 20 Jahren in der Demokratie des Westens angekommen. Er habe die Ufer der Freiheit erreicht. Endlich sei er da, wohin er schon immer wollte.

Der amerikanische Präsident Ronald Reagan hatte einst über das Reich des Bösen gesprochen und meinte das sowjetische Imperium. Er und manche andere westliche Politiker unterliegen der Versuchung, die real existierende Demokratie zum Mythos der Freiheit zu erhöhen. Joachim Gauck sieht die Bundesrepublik im Lichte dieses Mythos. Sein märchenhafter Aufstieg vom Pfarrer am Ende der Welt aus der Ägide eines pseudosozialistischen Staates zum Bundespräsidenten des vereinigten Deutschlands ist atemberaubend und nicht geeignet, Mythen zu entzaubern.

In kindlicher Freude übernachtet Gauck in den Schlössern Europas. Er ist sich seiner Weltsicht ganz sicher. Die Präsidialbürokratie versucht manchmal, den Wortgewaltigen einzufangen, damit er nicht in die vielen Fettnäpfe des Berliner Politikbetriebes tritt. Seine Auslandsbesuche, vor allem seine Reise nach Israel, haben ihm international viel Anerkennung eingebracht. Auch in der Bevölkerung wächst sein Ansehen, weil ihm nicht die glattgeleckten Worte aus dem Munde purzeln. 100 Tage Gauck sind für ihn eine Erfolgsgeschichte und manchmal für die Bundeskanzlerin ein kleines Ärgernis.

Aber wenn ich genau hinschaue, merke ich, dass die wirkliche Welt der Bundesrepublik weit entfernt ist von meiner Hoffnung auf eine freiheitliche und gerechte Gesellschaft. Dann wundere ich mich über Joachim Gauck und merke, dass er an bestimmten Stellen einen blinden Fleck hat. Der Afghanistankrieg erzeugt viel Unruhe im Land. Nichts sei gut in Afghanistan, hat einst Margot Käßmann gesagt. Am Hindukusch wird nicht unsere Freiheit verteidigt, sondern handfeste wirtschaftliche und machtpolitische Interessen dominieren. Hier schicken die politischen Eliten des Westens Soldaten in den Tod - in eine ausweglose Lage, die militärisch nicht gelöst werden kann. Der Abzug der Soldaten ist geplant. Von einer demokratischen Hinterlassenschaft kann niemand reden.

Die Bundeswehr ist tatsächlich kein Staat im Staate. Wir haben die »zivilste« Armee unserer Geschichte. Gauck aber verdächtigt diejenigen, die Kriege ablehnen, dass sie dem Hedonismus verfallen seien und nur gut im Einfordern von Rechten. Ich finde das schon ganz schön heftig, aber der Bundespräsident setzt noch einen drauf: »Manche vergessen allerdings … allzu gern, dass eine funktionierende Demokratie auch Einsatz erfordert, Aufmerksamkeit, Mut und manchmal auch das Äußerste, was ein Mensch geben kann: das Leben, das eigene Leben.« Und dann will er auch noch über »den gerechten Krieg« diskutieren. Der Theologe Joachim Gauck hat offenbar das Wort der Evangelischen Kirchen in Deutschland nicht mehr im Gedächtnis, das Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll.

Wenn ich auf den neuen Bundespräsidenten sehe, gerate ich in Zwiespalt. Manches macht er richtig gut - und manchmal muss ich ihm heftig widersprechen.

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