23.06.2012
Abseits

Laut und grell

Die siebtgrößte Stadt Europas ist Kiew, 2,8 Millionen Einwohner, doch was die Lautstärke anbetrifft, ist sie ganz sicher die Nummer eins des Kontinents. Wo immer man sich in der Stadt aufhält, der Verkehr dröhnt mehrspurig um einen herum. Uralte Wolgas, fabrikfrische BMWs, chinesische Geländewagen, postsowjetische Kleinbusse, ächzende Trolleybusse, quietschende Straßenbahnen - alles wirrt so ziemlich kreuz und quer durcheinander, angeleitet allein vom ewigen Hupen und im Ausnahmefall auch von den Ampeln.

Und doch ist die Stadt Kiew für einen Moment verstummt, so hörte es sich jedenfalls am Donnerstagabend an. Ukraine raus, Schweden raus, auf der große Fanmeile am Majdan waren zwar Zehntausende gekommen, aber es war erstaunlich ruhig. Am Sonnabend wird sich das ändern, dann werden die englischen Fans in der Stadt erwartet, mit einer gewissen Skepsis, was das Benehmen im Allgemeinen und die nackte Bierbäuchigkeit im Besonderen anbetrifft.

Hingegen vermissen bereits viele Kiewer die schwedischen Anhänger, die sich in den Tagen bis zu ihrem Ausscheiden äußerst beliebt gemacht haben: Am Tage lustige Fans in Gelb, flanierten sie des Abends elegant und parfümiert in Shorts und Hemd durch die Altstadt, Ausschau haltend nach den Kiewerinnen, die gerne ihre geraden Beine auf hohen Absätzen in kurzen Kleidern vorzeigen.

Genügend Kollegen haben die Schönheit und Freizügigkeit der Ukrainerinnen in den letzten Tagen beschrieben oder gar zu ergründen gesucht: Lag es vielleicht daran, dass zu Sowjetzeiten nur Musikvideos à la Madonna ein Bild von westlicher Schönheit vermittelt haben? Ein ukrainischer Kollege hat's mir mit krudem Historismus zu erklären versucht: Der wahre Grund, warum die Ukraine jahrhundertelang von vielen Mächten in Kriegen beansprucht wurde, seien die schönen Frauen gewesen. Derweil seien die Kinder der Ukraine durch den wilden Mix der acht Herrscher-Nationen noch schöner geworden. Du meine Güte!

Ist es ausgleichende Gerechtigkeit, dass zumindest so manche Kiewerin in diesen Tagen ihren ganz eigenen Sexismus pflegt? Ich glaube, nein, schreibe aber dennoch auf, was mir eine Kollegin aus Kiew verriet, angeblich eine Mehrheitenmeinung: »Bei den ukrainischen Männern gefällt dir einer von Zehnen, bei den Schweden gefällt dir nur einer nicht.«

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