Von Daan Paresco
23.06.2012

Die Idee ist nicht verkehrt

Genossenschaft FairWohnen wirbt auch in Thüringen - 770 TLG-Wohnungen vor Verkauf

In der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt werden 192 Wohnungen im Hanseviertel privatisiert. Sie gehören bislang zum Bestand der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG), die verkauft werden soll. Vor diesem Hintergrund ging die neu gegründete Genossenschaft »TLG FairWohnen« am Donnerstag in Erfurt auf Infotour.

Am 13. April 2012 haben 30 Bundestagsabgeordnete der LINKEN offiziell die »TreuhandliegenschaftsGenossenschaft FAIRWOHNEN iG« gegründet, um sich am Bieterverfahren des Bundesfinanzministeriums für 11 500 überwiegend ehemals volkseigene Wohnungen zu beteiligen. Die LINKEN-Abgeordnete Heidrun Bluhm, die zur Aufsichtsratschefin der Genossenschaft gewählt wurde, und der Vorstandsvorsitzende Joachim Kadler steuerten am Donnerstag in Erfurt ihre 16. Infotour-Etappe an. Ziel ist es, möglichst viele neue Mitglieder für die Genossenschaft zu werben, weil das die finanziellen Potenzen und damit die Chancen im Bieterverfahren erhöht.

In der thüringischen Landeshauptstadt sollen 192 TLG-Wohnungen im Hanseviertel privatisiert werden. Skepsis und Verunsicherung - so lässt sich die Stimmungslage der Mieter am Donnerstag angesichts des angekündigten Verkaufs zusammenfassen. Vor allem die älteren Bewohner vermögen kaum einzuschätzen, was mit der Privatisierung ihrer Unterkünfte auf sie zukommen könnte und welche Alternative ihnen die Genossenschaft FairWohnen bietet. Bodo Ramelow, Chef der LINKE-Fraktion im Thüringer Landtag, versuchte das auch damit zu erklären, dass das genossenschaftliche Modell in den vergangenen Jahrzehnten »unberechtigt aus der Mode« gekommen sei.

Ramelow erinnerte daran, dass es hoffnungsvolle Pflänzchen in der genossenschaftlichen Bewegung - auch auf dem Immobiliensektor - gegeben habe. Doch nachdem »COOP« und »Neue Heimat« in die Knie gingen, habe im Westen niemand mehr etwas von Genossenschaften wissen wollen. »Nur weil etwas schlecht gemacht wurde, ist aber die Idee, die dahinter steht, nicht verkehrt.«

Hartnäckige Zweifel

»Wir schaffen eine Voraussetzung, wie man aus eigener Kraft den Erwerb dieser Immobilien vollziehen könnte. Die Idee fand ich faszinierend«, so Ramelow, der selbst Mitglied der neuen Genossenschaft wurde. Er bezeichnete die Genossenschaften als einen rechtlichen »Besitzkanon«, bei dem alle Mitglieder »letztlich den gleichen Anteil am Besitz« haben. Es gebe niemanden, der über die Köpfe der Anderen hinweg bestimmen könne. Alle müssten Mehrheitsentscheidungen darüber fällen, was mit dem gemeinschaftlichen Besitz geschehen soll.

Ramelow erinnerte daran, »dass wir in diesem Jahr das internationale Jahr der Genossenschaften« begehen, dies passe »also wie die Faust aufs Auge«. Es sei der Versuch, den Menschen wieder deutlich zu machen, dass Genossenschaften ein juristisches und besitzrechtliches Instrument sind, um gemeinschaftliches Eigentum besser zu bewirtschaften.

Allmählich entkrampfte sich auch die Atmosphäre im Seminarraum der Fachhochschule, die Leute begannen ihre Sorgen und Ängste vorzutragen. Nicht alle Zweifel konnten aber an diesem Abend zerstreut werden. Eine Mieterin begründet das geringe Interesse der Bewohner an der Veranstaltung, zu der etwa 40 Leute gekommen waren, damit, dass in dem Objekt vor allem Studenten und »Wenigverdienende« lebten. Ein Teil lebe also nur eine gewisse Zeit im Hanseviertel, der andere könnte sich eine Mitgliedschaft in der Genossenschaft nicht leisten. Eine andere Mieterin bestätigte die Auffassung der Bundestagsabgeordneten Bluhm nicht, der Wohnungsbestand befinde sich in einem guten Zustand, und die TLG habe sich in der Vergangenheit ordentlich darum gekümmert. »Die Wohnungen sind in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erbaut worden«, begründete sie. »Hier besteht Sanierungsstau, weil in den vergangenen Jahren kaum etwas gemacht wurde.« Ein Mann bestätigte: Bei ihm tropfe das Wasser von der Decke.

Büros zum Verkauf

Die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft besitzt in Thüringen insgesamt 770 Wohnungen, davon 300 in Eisenach, 50 in Gera und 35 in Gotha. Neben den Wohnungen werden auch Industriegebäude zur Versteigerung durch die TLG vorbereitet. Sie sind allerdings nicht Ziel der FairWohnen-Genossenschaft. So stehen zwei Büro- und Produktionsgebäude des ehemaligen Büromaschinenwerkes in Sömmerda zum Verkauf, für die rund eine Million Euro erzielt werden sollen. Das Robotron Büromaschinenwerk beschäftigte vor der Wende rund 12 000 Menschen und wurde 1991 abgewickelt. Seit dem Kahlschlag leidet die Region unter überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken