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Von Theresa Albig, epd
25.06.2012

Der intimste Moment

Ein Forschungsprojekt in Nordrhein-Westfalen widmet sich sterbenden Menschen

Am Universitätsklinikum Düsseldorf führen 30 Azubis und Studenten Gespräche mit unheilbar Kranken.

Witten/Düsseldorf. Der Gehirntumor hat die 42-Jährige gezeichnet. Ihr Gesicht ist geschwollen, manche ihrer Sätze sind nur schwer zu verstehen. Unheilbar krank wird die Frau in den nächsten drei Monaten sterben. Sie ist eine der Patientinnen der Palliativstation der Heinrich-Heine-Universitätsklinik Düsseldorf, die bei einem Projekt mitmachen: Todkranke sprechen mit jungen Erwachsenen über das Sterben.

30 Teilnehmer sind für das Kooperationsprojekt der Universität Witten/Herdecke und dem Zentrum für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf ausgewählt worden. Aus dem gesamten Bundesgebiet sind sie nach Witten gereist. Die Schüler, Studenten und Auszubildenden, die zwischen 16 und 24 Jahre alt sind, eint das Interesse am Thema Tod. Sie sind Krankenpfleger, angehende Ärzte oder Rettungsassistenten, aber auch Philosophiestudenten oder Kommunikationswissenschaftler. In den kommenden Wochen werden sie Gespräche mit Todkranken oder ihren Angehörigen führen und dadurch - so hoffen es die Verantwortlichen - eine reflektierte Haltung zum Thema Sterben entwickeln. Für junge Menschen sei es nicht selbstverständlich, eine Meinung zum Tod zu haben, erklärt Martin Schnell, Philosoph und Projektkoordinator.

Weggesperrte Sterbende

Jule Serway ist von klein auf mit dem Tod vertraut. Sie arbeitet im Bestattungsunternehmen ihrer Eltern. »Ich möchte eine andere Seite des Sterbens kennenlernen, die ich in meiner Arbeit nicht erlebe«, sagt die Bestattungsfachkraft, die sonst nur mit Hinterbliebenen Kontakt hat.

»Ich finde es verblüffend, dass sich so viele junge Menschen für das Projekt interessieren«, sagt Nils Ronge, 21-jähriger Altenpfleger. Auf Sterbende treffe er in seinem Beruf ständig. Aber er tue sich schwer, persönliche Fragen zu stellen - etwa dazu, wie der nahende Tod ein Leben verändert.

Rund 70 000 Sterbende wurden 2008 in Deutschland in spezialisierten Einrichtungen betreut, heißt es in einer 2010 veröffentlichten Studie der Deutschen Hospiz-Stiftung. Zu wenig, wie die Organisation kritisiert. Mindestens 60 Prozent der Verstorbenen, die eine palliative Fürsorge benötigten - rund 400 000 Menschen - , wurden nicht entsprechend versorgt. Die palliative Begleitung habe im deutschen Gesundheitssystem leider keine Priorität.

Martin Schnell, der das Institut für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen an der Universität Witten/Herdecke leitet, kritisiert: »Die Öffentlichkeit sperrt die Sterbenden und Kranken weg, sie fühlen sich ausgegrenzt. Doch wir wissen von den gesprächsbereiten Patienten, dass sie sich durch die Begegnung mit anderen bereichert fühlen. In diesem Moment sind sie keine Kranken, sondern Lehrende.«

Auf einem Zeltlager Anfang Juni wurden die 30 Teilnehmer vorbereitet. Ausgestattet mit Wissen zur Gesprächsführung sollen die jungen Menschen die Gespräche in den nächsten Wochen selbstbestimmt führen, ohne Fragebogen oder Leitfaden: »Der Verlauf liegt ganz in der Hand der Probanden«, erklärt Schnell. Ein anwesender Arzt unterbricht nur, wenn es emotional oder körperlich zu anstrengend werden sollte.

Festgehalten auf Video

Per Video wird jede Begegnung aufgezeichnet, für wissenschaftliche Begleitforschung ausgewertet und zum Teil veröffentlicht - als Eintrag bei facebook oder als Ausschnitt eines Kinofilms, der die Interviews zusammenfasst. Auf einem Blog, den sie selbst führen, geben die Teilnehmer schon jetzt ihre Erfahrungen weiter.

Auch Jule Serway hat einen Eintrag veröffentlicht. Bewegt schreibt sie über das Workshop-Wochenende, an dem sie und die 29 anderen bereits mit einem Sterbenden auf der Palliativstation zusammentrafen: »Einen der intimsten, wenn nicht sogar der intimste Moment in dem Leben eines Menschen«, beschreibt die 22-Jährige und fügt hinzu: »Danke für die Offenheit und Ehrlichkeit, die uns entgegengebracht wurde.«

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