Jirka Grahl
26.06.2012
Abseits

Mundraub

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Jirka Grahl. Der nd-Sportchef berichtet von der EM aus Polen und der Ukraine.

Nachts um zwei wird es still am Olympiastadion. Flutlicht erhellt noch die milde Kiewer Luft, hindurch wabern Wölkchen aus Staub, Schweißtröpfchen und verkipptem Bier. Auf einer Fußgängerbrücke bewegt sich ein Ameisenstrom von Reportern und Fotografen gen Pressezentrum. Fast könnte man glauben, diese schwer beladenen Männer liefen um die Wette, würden sie nicht telefonieren, scherzen, schwärmen: »Dieser Pirlo, was für ein Elfer!«

Diese hetzende Menschenmasse eint ein leuchtendes Ziel: Zwei grüne, verriegelte Kühlschränke im Pressezentrum. Nach jedem Spiel öffnet der Biersponsor hier die Türen, und in Sekundenschnelle verteilen sich 500 grüne, dunstbeschlagene Flaschen im ganzen Saal. Reporterglück.

Selbst die Ukrainer werden an den Schränken gierig, obwohl sie doch Wodkatrinker sind und für dessen Verzehr unzählige Regeln kennen: Dass nach dem Anstoßen das Glas erst abgestellt wird, wenn alle ausgetrunken haben. Dass es Unglück bringt, eine leere Flasche auf den Tisch zu stellen. Man legt sie hin. Dass man Wodka stets in drei Runden trinkt. Nach drei Wochen Ukraine kenne ich einige dieser Maßgaben.

Doch in dieser lauen Nacht lauert bei unserer Ankunft ein Schock: Beide Kühlschränke gähnend leer! Schweißperlen auf entsetzten Gesichtern. Mist! Dann der Blick ringsum: Überall fröhliche Menschen, ein jeder eine Flasche in der Hand. Wie viel Ungerechtigkeit die Welt doch bereithält!

Uns rettet ein Berliner Kollege. Er geht zu einem dicken russischen Journalisten, der zehn Biere vor sich aufgebaut hat. Man sieht den Berliner etwas fragen, man sieht den Dicken den Kopf schütteln: »Njet!« Man sieht wie der Berliner sich trotzdem vier Flaschen greift und davonstapft, verfolgt von russischen Flüchen. Vor der Tür stoßen wir an, mit dem besten Bier, das es gibt: Freibier, frisch geklaut.