Von Uwe Stolzmann
27.06.2012

Ufos in der Öde

»Totalniy Futbol«: ballrundes Lebensgefühl

Was sind das für Gebilde? Sie sehen aus wie Ufos in der Ödnis, futuristische Konstrukte in ärmlicher Kulisse, glänzend, leuchtend, nestförmig oder spinnenartig: die Stadien der Fußball-Europameisterschaft. Gut drei Wochen lang sollten diese Stadien in ganz Polen und in der Ukraine für heitere Stimmung sorgen ...

»Totalniy Futbol«, totaler Fußball: Nach dem Verständnis von Herausgeber Serhij Zhadan ist das ein allumfassendes Lebensgefühl. Was in der Arena gilt - Regeln, Fairness, Verständnis -, das sollte auch in der Gesellschaft gelten. Zumindest drei Wochen lang.

Ausnahmezustand. Amnesie und Euphorie, ach, wäre das schön. Kein Gedanke an die Armut in beiden Ländern und an das schwierige Verhältnis zu »Europa«. Kein Gedanke an das diktatorische Regime der Ukraine und an jene Oligarchen, mit deren Geld die Stadien dort gebaut wurden.

Serhij Zhadan, dieser großartige Erzähler, ist Ukrainer. Und, natürlich, etwas fußballvernarrt. Er schreibt: »Die Politik ätzt aus unseren Herzen das Gute und den Glauben an die Gerechtigkeit, in Polen ebenso wie in der Ukraine.« Jedoch: »Der Fußball trägt den Sieg über die Politik davon, nur die Stadien vereinen die Ukrainer: In den Stadien werden sie die Präsidenten auspfeifen und die Nationalhymne singen.«

»Totalniy Futbol« ist eine spannende Anthologie. Vier polnische und vier ukrainische Autoren schreiben über die Austragungsorte - hier Warschau, Posen, Breslau und Danzig, dort Kiew, Donezk, Lemberg und Charkiw. Was findet der Leser in dieser Sammlung? Reportagen und Essays. Anrührende Storys. Geschichten über besondere Städte, besondere Menschen und über eine Vergangenheit, die nicht vergehen will. Erinnerungen werden wach: an Krieg und Holocaust, Vertreibung und Zwangsherrschaft.

Juri Andruchowytsch, noch ein Ukrainer, porträtiert die Trainer-Legende Valeri Lobanowskj (1939-2002) - jenen Mann, der den Eliteklub Dynamo Kiew formte. Der polnische Erzähler Pawel Huelle geht mit einem Ex-Fußballer und Werftarbeiter durch das zernarbte Danzig. Und die Lembergerin Natalka Snjadanko zeigt, wie in ihrer Heimat Erinnerungen gegeneinander kämpfen. »Wie soll ich den Namen meiner Heimatstadt schreiben - Lwiw, Lwów oder Lemberg? Soll ich ihn je nach Land des Empfängers ändern oder eine Variante durchgängig beibehalten? Welche wäre dann politisch korrekt? Das russische Lwow verbietet sich in der Regel aufgrund schmerzlich-aktueller politischer Erfahrungen. Jeder dieser Namen steht für eine eigene Geschichte meiner Stadt.«

»Totalniy Futbol«: Das ist kein Reiseführer und keine Kickerfibel. Es ist ein veritables Lesebuch, unterhaltsam, packend, melancholisch, ergänzt um Schwarz-Weiß-Fotos von düsterer Schönheit. Eine ebenso liebevolle wie kritische Annäherung an eine Region im Umbruch. »Nutzen Sie die Gelegenheit, um dieses unverständliche und überraschende Osteuropa zu entdecken«, schreibt Serhij Zhadan. »Und uns, die wir hier wohnen, die Maradona spielen sahen, die den Glauben an den totalen Fußball nicht verloren, wünsche ich, dass diese Meisterschaft eine wunderbare Gelegenheit zur Verständigung werden wird.«

Serhij Zhadan (Hrsg.): Totalniy Futbol: Eine polnisch-ukrainische Fußballreise. Aus dem Ukrainischen von Lisa Palmes. Suhrkamp Verlag. 242 S., brosch., 18 €.

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