Von Ulrike Henning
27.06.2012

Pendeln nervt und macht krank

Wachsender Druck in der Arbeitswelt lässt Ausfall durch psychische Krankheiten steigen

Bei der jährlichen Auswertung von Versichertendaten durch die Techniker Krankenkasse (TK) zeigte sich: Berufspendler sind mehr von Arbeitsunfähigkeit durch psychische Erkrankungen betroffen als die an ihren Wohnorten Tätigen.

Bundesweit arbeiten 45 Prozent der bei der Techniker Krankenkasse (TK) versicherten Berufstätigen außerhalb ihres Wohnkreises, insbesondere ältere Männer pendeln. Beim »starken Geschlecht« ist ab einem Alter von 30 Jahren auch der Anteil jener Männer größer, die über 50 Kilometer vom Wohnort entfernt tätig sind. Frauen arbeiten eher dort, wo sie auch wohnen, was der gängigen Rollenverteilung zu entsprechen scheint: Sie kümmern sich, oft zusätzlich, um Kinder und Heim.

Auch in einem weiteren Punkt scheint die allseits geforderte Mobilität Berustätige zu stressen: Die TK fand in den Daten von 3,7 Millionen Erwerbspersonen, dass auch ein Arbeitsstättenwechsel die psychische Gesundheit gefährdet. Die Betroffenen sind gut einen halben Tag länger wegen psychischer Störungen arbeitsunfähig als permanent in einem Unternehmen Beschäftigte. Noch deutlicher wirkt sich der Wechsel des Wohnkreises - aus welchen Gründen auch immer - in diesem Bereich negativ aus. Die Umzügler sind fast 2 Tage länger mit entsprechenden Diagnosen krankgeschrieben.

Bei der Suche nach Ursachen für diese Trends konzentrierte sich Christian Welzel vom Unternehmen aktiVital auf die Arbeitswelt. Unternehmen müssten sich den Pendlern als einer gesundheitlichen Risikogruppe zuwenden und ihnen helfen, den subjektiven Stress von Reisezeiten zwischen ein und drei Stunden pro Tag zu kompensieren. Dem Verlust von Freizeit und damit von Erholungschancen könne durch zeitliche Bonussysteme entgegengesteuert werden, oder auch durch Möglichkeiten zum sportlichen Training in den Betrieben selbst. Dennoch sei jeder Einzelne auch selbst für den Schutz seiner Gesundheit verantwortlich. Welzel beschrieb das Dilemma so: »Der Arbeitsplatz ist heute ein wertvolles Gut, er kann aber auch krank machen«. Auf weitergehende Probleme wie die Wohnlichkeit von Großstädten für Familien oder die Bezahlbarkeit des Lebens am Arbeitsort wurde in diesem Zusammenhang nicht eingegangen.

Insgesamt stiegen nach den TK-Daten die Fehlzeiten 2011 gegenüber 2010 um etwa einen halben Tag an, was einer Steigerung um 4,3 Prozent entspricht. Schlechter sieht das mittelfristig aus, denn seit 2006 stiegen die krankheitsbedingten Fehlzeiten um 21 Prozent. Spitzenreiter bei den Arbeitsunfähigkeitsfällen und -tagen im Jahr 2011 sind die neuen Bundesländer, ausgenommen Sachsen. Überproportional wuchs seit 2006 der Ausfall aufgrund psychischer Störungen - und zwar um 60 Prozent. Einen Zuwachs von 50 Prozent gibt es bei Medikamentenverordnungen zur Behandlung des Nervensystems. Übertroffen wurde dieser noch von Verordnungen gegen Erkrankungen des kardiovaskuläre Systems. Die wuchsen seit 2000 von 100 auf 172 Prozent im Jahr 2011 und resultierten vor allem aus der Verschreibung von Blutdrucksenkern.

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