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Von Gunnar Decker
28.06.2012

Obsession und Poesie

Marieke und ihre Männer

Jean-Luc Godard hat 1963 den Prototyp aller Liebe-als-Obsession-Filme gedreht. Jedoch von ihrem Ende her. »Die Verachtung« mit Michel Piccoli und Brigitte Bardot spürt jenem nicht aussprechbaren Ferment nach, das zwei Menschen zueinander zieht. Was ist es, das dies möglich macht? Und was passiert, wenn es bei einem von beidem plötzlich verschwindet? Bleibt dann bloße Verachtung? Wie Godard diesen gleichsam chemischen Prozess der Anziehung und Abstoßung zweier Menschen in Szene setzt, das wird zur Transformation der elementaren triebhaften Gewalt des Sexuellen ins Bild. Die verlorengegangene Macht der Liebe lebt weiter - in der Magie der Bilder.

Der Film der belgischen Regisseurin Sophie Schoukens versucht, einen ähnlichen Weg zu gehen. Wir sehen eine junge Frau, die sich nichts aus jungen Männern macht. Sie hat Verhältnisse zu sehr viel älteren, so alt, dass sie ihre Väter sein könnten. Aber nicht nur das. Sie fotografiert die nackten alten Körper, zerschneidet die Fotos und versteckt sie. Da kommt dann also Godard zum Zuge - der Fetisch Bild, das Auge, das nach Innen und Außen zu blicken vermag. Marieke sieht - und erträgt - das Intimste nur durch ein Kameraobjektiv, das Nähe und Distanz zugleich ermöglicht.

Es hätte interessant werden können. Godard gelang es mit einer nicht aufgeklärten Obsession im Zentrum eine ganz andere Geschichte zu erzählen: die des Odysseus als Sinnbild des heimatlosen Menschen. Denn in seinem Film wird auch die Geschichte eines Filmdrehs erzählt (der großartige alte Fritz Lang spielt sich selbst). Bei Sophie Schoukens bleibt dagegen nur das Puzzle eines Fotos, von dem wir bereits wissen, was es zusammengesetzt ergibt. Was sich bei Godard mythisch weitete: der moderne Mensch in der großen Geschichtserzählung ausgesetzt, das wird in »Marieke und ihre Männer« zur Aktennotiz eines Therapeuten.

Auch hier wird - wenn auch ungewollt - eine Geschichte in der Geschichte erzählt: die der Banalisierung unserer Art, auf das Unerklärliche zu blicken, das Menschen in ihrem elementarsten Verhalten zu anderen zeigt: Zuwendung oder Abwendung. Die labyrinthischen Wege der Erotik werden so ihrer Aura des Poetischen beraubt. Als sexuelles Fehlverhalten abgetan, steht das Seltsam-Unerklärliche als krankhaft-abnorm vor uns.

Wir leben in Zeiten der Eindeutigkeiten. Keine Geheimnisse mehr, bloß noch lösbare Rätsel. Des Rätsels simple Lösung in Mariekens Fall: Sie hatte als kleines Kind mit angesehen, wie sich ihr Vater das Leben nahm. Darum also nun die alten Männer, die Fotos, die Schere. Das erste Mal sah ich diesen Film auf dem Filmfestival in Marrakesch. Das einheimische Publikum betrachtete mit kühler Aufmerksamkeit, was Sophie Schoukens aus Belgien für eine Geschichte mitbrachte. Der Kontrast des halbpornografischen Geschehens zur Kulisse der quasi-mittelalterlichen Stadt hätte nicht größer sein können.

Der Verleih nennt es ein »sensibles Drama«. Eine ziemlich idiotische Wortschöpfung. Vergleicht man Sophie Schoukens mit Godard, dann ist das wie Maulwurfshügel neben Mount Everest, um einmal einen Vergleich von Peter Hacks in anderer Sache zu bemühen.

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