Von Tom Mustroph, Lüttich
30.06.2012

Das Rennen der Ungewissheiten

Die Tour de France startet heute in Lüttich und wird ein altes Problem nicht los

In Belgien startet heute die Tour de France. Die vermeintlichen Favoriten fehlen, vor allem weil das Thema Doping die Radsportszene immer noch nicht ruhen lässt.
Bei sommerlichen Temperaturen, unter den rockigen Klängen einer Liveband und mit dem kleinen Späßchen des Neulings Marcel Kittel wurde die 99. Tour de France in Lüttich feierlich eröffnet. Zur Teampräsentation fuhr der 24-Jährige auf einem tiefer gelegten Strandfahrrad vor. Das bescherte dem Kraftpaket aus Arnstadt viele Lacher und die Aufmerksamkeit der Fotografen. Die hatten bei einer der konventionellsten Teampräsentationen der vergangenen Jahre wenige lohnende Motive.

Immerhin war die Place St. Lambert im Herzen Lüttichs mit vielen Schaulustigen gefüllt. Darüber hinaus war in der Stadt aber wenig Tour-Stimmung zu spüren. Kein Vergleich mit 2004, als die wallonischen Fans den damaligen Startort Lüttich in ein wahres Mekka des Radsports verwandelt hatten. Der Reiz des Außergewöhnlichen ist verflogen.

Als Euphoriebremse kommt das Fehlen der beiden derzeit besten Rundfahrer hinzu. Alberto Contador fehlt wegen einer Dopingsperre, Andy Schleck wegen einer Sturzverletzung. Sportlich wertlos ist die über 3479 Kilometer von Belgien nach Nordfrankreich und dann über Alpen und Pyrenäen nach Paris führende »Große Schleife« aber nicht. Es werde sogar spannender, prognostizierte Deutschlands Gelbhoffnung der ersten Tage, Zeitfahrweltmeister Tony Martin. »Jetzt konzentriert sich die Aufmerksamkeit nicht nur auf diese beiden Stars.
Auch andere können ins Rampenlicht fahren«, meinte Martin. Er selbst fasst beim heutigen Prolog einen Platz unter den besten Fünf ins Auge. Heimlich schielt er schon nach ganz oben.

»Ein Auftaktsieg und das gelbe Trikot wären schön. Man könnte es auf den folgenden Flachetappen gut verteidigen«, meinte Martin. Ganz vorn erwartet er seinen Vorgänger als Weltmeister Fabian Cancellara aus der Schweiz sowie den Briten Bradley Wiggins. Der ist für Martin auch der große Favorit für den Sieg am Ende der Tour in Paris: »Er ist erstklassig im Zeitfahren und in den Bergen. Er hat einfach keine Schwächen.«

Dem Kapitän der Sky-Mannschaft kommt der Kurs mit über 100 Kilometern Einzelzeitfahren und nur drei Bergankünften – je eine in den Vogesen, den Alpen und den Pyrenäen – sehr entgegen. »Der Zeitpunkt für mich ist günstig. Ich werde alles für den Sieg in Paris tun«, versprach der frühere Bahnrad-Olympiasieger, dessen Rundfahrttalent in den letzten Jahren durch zahlreiche Stürze an seiner Entfaltung gehindert wurde. In diesem Jahr hat er jedoch schon drei schwere Rundfahrten gewinnen können.

Bereits vor dem Start holte die Dopingproblematik die Tour mal wieder ein. Dem Kapitän der Mannschaft Lampre, Michele Scarponi, droht eine Sanktion, weil er sich Trainingspläne vom umstrittenen Dopingarzt Michele Ferrari schreiben ließ, der vom italienischen Verband mit einem Bann belegt worden war.

In Frankreich wiederum wurde gegen das Europcar-Team um den heimischen Publikumsliebling Thomas Voeckler eine Vorermittlung wegen Dopingverdachts eingeleitet. Die Vorwürfe beziehen sich laut »L'Equipe« auf den August 2011. Die Tour startet so ächzend wie einst eine Abraumlore in dem alten Bergbaurevier rings um Lüttich.