Von Antje Schrupp
30.06.2012

BLOGwoche: Unsanftes Erwecken

Gerade mal einen Tag hat es gedauert, bis die Lufthansa ihre dümmliche« Special-Women«-Partnercard-Aktion wieder einstellen musste, nachdem Anatol Stefanowitsch darüber gebloggt hat, Anke Domscheit-Berg dann über Twitter die Medien aufforderte, darüber zu berichten, und sich die Nachricht dann in gewohnter Geschwindigkeit [...] durchs Internet verbreitete. Vor ein paar Monaten gab es schon mal einen ähnlichen Fall, wo die Eon-Tochter »e-wie-einfach« einen gewaltverharmlosenden Videoclip für lustige Werbung hielt. Auch hier dauerte es nicht mal einen Tag, bis »das Internet« die Verantwortlichen dazu brachte, den Clip wieder abzuschalten. Der Grund ist natürlich nicht, dass die üblichen Witzbolde jetzt verstanden hätten, was an ihrer Art von »Humor« problematisch ist. [...] Ich vermute, wenn man eine repräsentative Umfrage machen würde, wäre die Mehrheit der Leute wohl der Meinung, diese Art von Werbung sei doch irgendwie ganz witzig oder zumindest harmlos. Das zeigt sich ja auch in der Mehrzahl der Kommentare zu diesen Vorfällen ebenso wie an den bemühten Rechtfertigungsversuchen der zuständigen Werbeagenturen und Marketingabteilungen [...]. Der Punkt ist: Das nützt ihnen nichts mehr! Offenbar genügt es, wenn eine gewisse Anzahl problembewusster Menschen [...] im Internet ihren Unmut kundtut [...]. Sie haben durch ihre Vernetzung [...] genug Einfluss, um den Verantwortlichen das Leben unangenehm zu machen. [...] Denn Teilöffentlichkeiten gibt es nicht mehr. Eine einzige undichte Stelle genügt, im Fall der Lufthansa der eine Mann, der sich von diesem Werbebrief nicht gebauchpinselt fühlt, sondern sich ärgert und diesem Ärger unkompliziert Luft machen kann. Öffentlich. Noch bis vor wenigen Jahren konnten sich die Werbeleute darauf verlassen, dass sie ruhig »sexistische Kackscheiße«[...] produzieren können, ohne dass das zu größerem Aufheben führt. [...] Aber heute muss man eben damit rechnen, dass nicht nur diese Männer, sondern auch die übrige geschätzte Öffentlichkeit von solcher Werbung etwas mitbekommt. Damit ist ein Faktor dazu gekommen, der den Mehrwert, den sexistische Werbung auf der Einnahmenseite möglicherweise bringt, durch negatives Image auf der anderen Seite wieder zunichte macht.

Die Autorin ist Journalistin und Politikwissenschaftlerin und lebt in Frankfurt am Main; zum Weiterlesen: www.antjeschrupp.com

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