Von Uwe Sievers
30.06.2012

Leben nach Zahlen

MEDIENgedanken: Gesundheitswahn und Internet

Totale Selbstüberwachung als Wunsch und nicht als Bedrohung - dies ist das Leitbild dieser neuen Bewegung im Fitness- und Gesundheitsbereich. Deren Anhänger erfassen alles messbare, was ihr Körper hergibt und sammeln die Daten im Internet. Quantified Self soll durch die Kontrolle physikalischer Körperfunktionen zur Gesundheits- oder Leistungsverbesserung beitragen. Die Industrie hat den Trend erkannt und versorgt die Fans mit neuen Geräten.

Begeisterung für Bewegung gekoppelt mit Technikfaszination gelten als Auslöser für Quantified Self. Das Smartphone kam als verstärkende Technologie hinzu, es gibt inzwischen über 10 000 Apps zum Thema Gesundheit und Medizin. Nike, einer der führenden Hersteller für Sportbekleidung, hat kürzlich sein »Fuelband« und dazu eine iPhone-App vorgestellt. Dieses Armband mit Display misst die tägliche Bewegungsmenge und übermittelt die Daten an den Computer oder das iPhone. Von dort erfolgt die Übertragung in ein »Activity-Score«, das bewertet, ob man sich genug bewegt hat oder noch etwas Sport treiben sollte. Zahlreiche Auswertungen sind mit der Software möglich, der Kalorienverbrauch kann ermittelt werden, Trainingspläne können angelegt und Langzeitstatistiken erstellt werden.

Die kommerziellen Interessen sind unübersehbar: Die Quantified Self Bewegung sieht sich selbst als ein Netzwerk zum Austausch zwischen Nutzern und Herstellern innovativer Gesundheitslösungen. Die Zielgruppe der neuen Produkte rund um die Messung von Vitalitätswerten bilden Fitness-Freaks, Patienten und Technikbegeisterte. Internationale Medizingerätehersteller und Unternehmen aus dem Fitnessbereich bieten bereits eigene Geräte an. Überall werden Startups gegründet, um den Markt mit neuen Sensoren und Apps zu bereichern. Kürzlich startete Apple eine Kooperation mit Nike, um ein Gerät zu entwickeln, das im Schuh integriert Schritte zählt. Es übermittelt die Werte an das iPhone. Dieses verknüpft die Daten mit einem Routenplaner, um die Eigenschaften der gelaufenen Route auszuwerten. In einem Webportal können diese mit den Routen und Ergebnissen anderer Läufer abgeglichen werden.

Als die Bewegung 2008 in Kaliforniens Bay Area begann, geschah dies unter der Bezeichnung Self Tracking. Erst in den letzten Jahren wurde dafür der Begriff Quantified Self geformt. Gary Wolf, Redakteur beim Magazin »Wired«, gilt als Hauptinitiator. Ende 2011 traf man sich erstmals zu einem Kongress in Amsterdam, da die Bewegung inzwischen auch in Europa viele Interessenten hatte. Die diesjährige IT-Messe Cebit versammelte in einer Halle mit dem Schwerpunkt Gesundheit und Medizin mehrere Messestände mit Quantified-Self-Angeboten. Inzwischen kann die Bewegung nach eigenen Angaben rund 5000 aktive Anhänger verzeichnen.

Der Netzkongress Re:publica, der Anfang Mai in Berlin stattfand, beschäftigte sich gleich in mehreren Veranstaltungen mit diesem Thema. Dort stellte Kora Kimpel, Professorin an der Universität der Künste in Berlin ein Projekt der »Studio Class New Media« vor. Formen von Quantified Self wurden analysiert, um kritisch die Selbstvermessung zu hinterfragen. »Ist die Selbstvermessung ein vorauseilender Gehorsam zur Selbstdisziplin?«, erläuterte Kimpel eine zentrale Frage des Projekts. »Body Mass Index, Intelligenzquotient und EQ als Messwert für emotionale Intelligenz werden von Menschen als Maßstab akzeptiert, ohne zu wissen was und wie diese messen?« Zu den präsentierten Arbeiten der Forschungsgruppe gehörte ein Sensor, um die Tageslichtdosis zu ermitteln. Einmal am Körper angelegt, werden mit den gesammelten Daten über das Jahr hinweg Statistiken erstellt, um beispielsweise die Unterschiede der Tageslichtdosis zwischen den Sommer- und Wintermonaten zu vergleichen. Aus den Ergebnissen lassen sich Empfehlungen ableiten: Zu wenig Tageslicht abbekommen? Dann mehr im Freien bewegen. »Der Community Gedanke bei Quantified Self ist gut, aber viele personenbezogene Daten werden auf Server im Internet geladen, ohne dass bekannt ist, was dort mit den Daten passiert«, gab Kimpel zu bedenken. Eine andere Arbeit basiert auf einer Fotokamera, die am Körper getragen und mit dem Pulsschlag verknüpft wird. Immer wenn der Puls einen bestimmten Schwellwert überschreitet, wird automatisch ein Foto vom Umfeld des Trägers erzeugt. So kann sichtbar gemacht werden, welche Situationen Stress erzeugt haben.

Die Befürworter möchten möglichst ihr ganzes Leben in Zahlen und Statistiken erfassen, um zu erfahren, an welchen Werten sie drehen können, um sich selbst zu verbessern. Durch das Tracking erfolge eine bessere Fokussierung auf selbst gesetzte Ziele, meinte Florian Schumacher, Gründer eines Startups, während einer Veranstaltung. So sei eine Optimierung der eigenen Leistungen zu erreichen. Kritiker hielten dem entgegen, dass durch das Messen aus Training Wettbewerb werde. Der Mediziner Neisecke warnte: Was, wenn die App zur Steuerung der Insulinspritze einen Fehler enthält oder gehackt wird?

Oftmals werden mehr Werte erfasst als für die Beurteilung des Gesundheitszustandes nötig sind. Fachleute können dann aus den online gesammelten Werten ganz andere Erkenntnisse ableiten: Auf der Internet-Plattform Moodscope tragen Nutzer ihre Stimmung ein, benennen die vermeintlichen Gründe dafür und beschreiben ihren Umgang damit. Die Plattform ist gedacht, um von anderen zu lernen, wie man seinen Glückszustand verbessert. Allerdings geben die extremen Werte einzelner Nutzer, verbunden mit Angaben zum Alkoholkonsum, für Mediziner deutliche Hinweise auf eine vorliegende schwere Depression. Plattformen wie diese würden vereinzelt schon ausgewertet, um Profile von Bewerbern zu vervollständigen, berichtete Neisecke. Aus dem neuen Job oder der günstigen Krankenversicherung wird dann vielleicht nichts.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin.