Von Jochen Preußler
30.06.2012

Kleine Wassertropfen, jedoch ...

Arvid Lundgren - ein tapferer Schwede im Widerstand gegen Hitler

Am 28. Juni wäre er 100 Jahre alt geworden - Arvid Lundgren, ein Schwede, den die meisten in seinem Heimatland und in Deutschland nicht kennen. Er hat keine großen wissenschaftlichen Leistungen vollbracht wie sein Landsmann Alfred Nobel, aber in einer Hinsicht gleichen sie sich: in der Erkenntnis, dass der Mensch für den Frieden, gegen den Krieg und die Barbarei etwas tun muss. Arvid hat sich darum schon als junger linker Sozialdemokrat aus eigener Initiative am Widerstand gegen die Nazibarbarei in Deutschland beteiligt. Das war 1943/44 - bis die Gestapo ihm auf die Schliche kam und er sich zum Glück noch rechtzeitig wieder nach Stockholm absetzten konnte.

Auf der kürzlich in Berlin gezeigten Ausstellung »Berliner Arbeiterwiderstand 1942-1945« war in der bildreichen Dokumentation über die etwa 500 Mitstreiter der größten Widerstandsgruppe in der deutschen Hauptstadt, der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe, auch Arvid Lundgren zu finden, ebenso sein Kollege Arne Karlsson. Beide waren während des Krieges an der Berliner Gesandtschaft Schwedens als Kraftfahrer tätig und leisteten den deutschen Antifaschisten wertvolle Unterstützung. Sie führten geheime Kurierdienste aus, halfen bei der Beschaffung von Papieren, besorgten für die illegal lebenden Widerstandkämpfer Lebensmittel, leiteten Flugblätter und wichtige Kontaktinformationen an in Schweden lebende Hitlergegner weiter, so auch über das Raketenprogramm der Nazis in Peenemünde, und versteckten vor einer Razzia einen dringend benötigten Vervielfältigungsapparat der Widerstandsgruppe.

Ich hatte 1985 in Stockholm Gelegenheit, mit Arvid Lundgren über seine Motive zu sprechen, warum er sich als Schwede so selbstlos in den Dienst des deutschen Widerstands stellte. Der bescheidene Mann sagte mir damals, ihm sei nicht gleichgültig gewesen, was im südlichen Nachbarland seiner Heimat geschah. Schon als Jugendlicher habe er die Klassiker des Marxismus in deutscher Sprache gelesen und das Buch »Barrikaden am Wedding«, von Klaus Neukrantz über den Berliner Blut-Mai von 1929 förmlich verschlungen; er wollte nun partout die Protagonisten dieser Erzählung kennen lernen. Bei seinen Besuchen in den 30er Jahren in Berlin hat er freundschaftliche Verbindungen mit deutschen Antifaschisten aufgenommen. Die Verbindung mit dem kommunistischen Arbeiter Georg Leichtmann riss nie ab. Und über seine Weddinger Bekanntschaften fand er die Verbindung zur Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe.

Arvid Lundgren hatte sich 1943 auf einen Zeitungsartikel hin zum Bau eines Luftschutzbunkers für die schwedische Gesandtschaft in Berlin gemeldet. Die erwähnten Kontakte hatte er zunächst ohne Wissen der Botschaft, dann sogar mit Wohlwollen des Außenministeriums in Stockholm geknüpft, das exakter über die Lage in Berlin informiert sein wollte.

»Ich war mir selbst darüber im klaren, dass ich mit dem Tode spielte«, erzählte Lundgren mir, »aber ich wollte gerade jetzt etwas gegen die braune Gefahr, gegen Krieg und Faschismus tun. Dabei erschien es mir egal, ob einer nun Sozialdemokrat, Kommunist oder bürgerlicher Einstellung war.« Arvid wurde sogar in den waghalsigen Plan der Gruppe eingeweiht, den Vorsitzenden der KPD, Ernst Thälmann, aus dem Zuchthaus Bautzen zu befreien. Er sollte den Fluchtwagen stellen. Aber das Vorhaben kam nicht zustande. 1944 musste Arvid Lundgren dann seine gefährliche Tätigkeit abbrechen. Er erhielt von offizieller schwedischer Seite die Warnung, dass ihm die Gestapo auf der Spur sei.

Nach dem Kriege erfuhr der tapfere Schwede eine Reihe von Ehrungen. Mit Grete Drögemüller, einem Mitglied der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe pflegte er nach seiner Rückkehr in die Heimat einen ausgiebigen Briefwechsel, der später auch veröffentlicht wurden. Im Sommer 1944 schrieb Grete an ihn, der kein Lob für seinen Einsatz mochte: »Du lieber dummer Arvid! Lieb darum, weil du mir einen so netten Brief geschrieben hast, und dumm, weil du dir immer noch nicht abgewöhnen kannst, deine uns geleistete Hilfe mit rechten Augen anzusehen. Das alles, was du uns geholfen hast und heute noch hilfst, ist genauso wertvoll wie das, was wir beisteuern. Und was wir beisteuern, sind wohl nur kleine Wassertropfen, aber wie aus vielen Wassertropfen auch ein Fluss entsteht, hoffen wir, aus dem Nichts Bewegung zu schaffen!«

Arvid Lundgren starb 1994 in Stockholm.

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