Von Lucía Tirado
30.06.2012

Unbändige Gloria

»Bye Bye Blondie« als beeindruckendes Musiktheater im Ballhaus Ost

Diese Frau ist voller Zorn. Sie sagt, sie sei drauf und dran, der ganzen Welt die Eier zu zerquetschen. Sie mache das nicht mit Absicht. Nein. Sie könne nicht anders. Als Gloria funkelt Ruth Rosenfeld den Dirigenten Arno Waschk an. Die Sängerin ist zusammen mit dem Ensemble Thema in der vom Hauptstadtkulturfonds geförderten Produktion »Bye Bye Blondie« im Ballhaus Ost zu erleben. Ein musikalisches Ereignis, das erneut auf beeindruckende Weise im Zusammenspiel der Künste die Bandbreite dieser Spielstätte in der Pappelallee zeigt.

Neue Musik in ihrer herausfordernden, kompromisslosen Sprache trifft gut das Wesen der Gloria aus dem Roman von 2004 »Bye Bye Blondie« der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes, nach dem frei das aktuelle Stück unter Regie von Sophia Simitzis entstand. Schrill und hart setzt die Komponistin Eunsun Lee Akzente in der instrumentalen Besetzung mit Piano, Violine, Gitarre, Saxofonen und Percussion. So, wie es die Geschichte braucht, die durch die gewollt sperrige Videoarbeit in Schwarzweiß von Heta Multanen gestützt wird. Platziert auf der Leinwand wie auf einem ausgerissenen Fetzen.

Gloria verkörpert schon als Jugendliche all das, was andere stört. Zu wild, zu laut, zu widerborstig. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, wählt sie sich zur Devise. Angesichts dessen, wie viel Entwürdigendes andere sich bieten lassen, wächst ihre Wut noch. Sie wird für ihre Umwelt so unbequem, dass sie im Irrenhaus landet. Nichts Ungewöhnliches in Frankreichs Geschichte, worauf die Buchautorin hier zurückgriff. Schon früher entledigte man sich in der Art störender, dann angeblich unter Hysterie leidender Frauen. Die Autorin Virginie Despentes ist dafür bekannt, mit ihren Büchern Staub aufzuwirbeln, mit ihren Arbeiten zu Sexualität und Gewalt zu verstören. Skandale hat ihr das eingebracht. Erfolg auch. Unbeirrt bleibt sie auf dem Weg, auch wenn es heißt, sie nehme sich inzwischen mit Gewaltdarstellungen etwas zurück.

Tragisch lässt sie die große Liebe der Gloria enden, für die ihre Heldin ihren Widerstand aufzugeben bereit gewesen wäre. In dem Moment, wo sie ihre Rüstung weit geöffnet hat, wird sie erneut verletzt. Reicht die Kraft für neue Wut?

Die Rosenfeld bleibt aber vorerst Zorngestalt, sträubt sich, wo sie nur kann, schlägt zu im Video, dass Blut fließt. In der Ausstattung von Inga Timm findet sie reichlich Gelegenheit zum Anecken, lässt hier etwas fallen, reißt da etwas herunter. Schön ist ihre Stimme und kraftvoll. Manchmal spricht sie. Auch die Musiker haben ein paar Worte zu sagen. Die sind mitunter schlecht zu verstehen. Manchmal nicht durchs Mikrofon verstärkt. Und natürlich - aber das ist sicher gewollt - auch nicht in der Qualität vorgetragen, wie sie die Sängerin zu bieten hat.

Der Roman ist intelligent umgesetzt. Eine gute Stunde kurz, prägnant gemacht und logisch aufgebaut wurde seine Aussage zum modernen Musiktheater. Das Video verweist auf Kapitel. Anfangs sieht man die resignierte Gloria, dann baut sich die Lebensgeschichte von der Jugend bis dahin auf.

Am Ende sagt Gloria, sie mache von nun an nicht mehr so viel Theater. Hat das Schicksal sie gebrochen? Gibt sie auf? Sie setzt sich auf einen Hocker, klimpert mit den Wimpern und singt was Nettes. Jedenfalls versucht sie's. Im Gehen wirft sie den Hocker um. Es kotzt sie an. Es funktioniert nicht. Bye Bye Blondie.

30.6., 20 Uhr, Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Prenzlauer Berg, Tel.: 44 03 91 68, www.ballhausost.de

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