Von Ingrid Heinisch
02.07.2012

Ein Denkmal des Unglaublichen

Seit 65 Jahren ist das einstige KZ Auschwitz eine Gedenkstätte. Sie zu erhalten bleibt ein seelischer und finanzieller Kraftakt

Es ist ein Widerspruch in sich: Die Besucherzahlen der KZ-Gedenkstätte von Auschwitz/Oswiecim steigen jährlich, die Millionengrenze ist längst überschritten. 70 Prozent der Besucher sind 25 Jahre alt und jünger. Einerseits. Andererseits zeigen Forschungsergebnisse, dass viele Jugendliche die Zeit des Faschismus nicht als Diktatur einordnen können, ja dass sogar jeder fünfte Lehramtsstudent nicht weiß, was Auschwitz bedeutet.

Heute vor 65 Jahren, am 2. Juli 1947, erließ das polnische Parlament ein Gesetz, das den Boden von Auschwitz für ewig als unantastbar erklärt und das Ziel formulierte, dort eine würdige Gedenkstätte zu errichten. Es erfüllte damit den Wunsch der Überlebenden, und die erfüllten den Wunsch ihrer toten Kameraden: Auschwitz darf nicht vergessen werden!

Die Überlebenden wollen erinnern

Schon im Vernichtungslager überlegten die Häftlinge, wie sie der Welt eines Tages von den unglaublichen Verbrechen der Nazis berichten würden. Der Widerstand im Lager hatte sich u. a. zur »Kampfgruppe Auschwitz« zusammengeschlossen und den Künstler Jerzy Brandhuber beauftragt, ein Mahnmal für die Nachkriegszeit zu entwerfen. »Das ganze Gelände westlich des Lagers von Birkenau und dem Krematorium sollte geräumt werden«, berichtete Brandhuber in seinen Erinnerungen. »Wie ein riesiger Appellplatz, Kilometer im Quadrat. In der Mitte ein riesiger Schornstein, wie im Krematorium, nur viel, viel größer. 50, 60 Meter hoch ... Drumherum die Reihen der Blocks und Häftlinge, die Appell standen, ausgerichtet in Abteilungen wie Steine, wie Urnen (nicht wie Gräber, denn Gräber gab es damals nicht). Abteilungen von 500, 600 Häftlingen, von fünf, sechs Millionen Steinen. So zählten wir damals. Und zwischen diesen Gruppen Leere, kein Gras, keine Bäume. Und nur rundherum, eine Reihe von Zäunen mit Lampen auf ihnen, Perlenschnur von Lichterchen, wie damals - Kilometer um Kilometer.« Ein Mahnmal so groß wie Auschwitz selbst - nur das konnte nach der Vorstellung der Häftlinge der Monstrosität des Verbrechens gerecht werden.

Das Gegenteil wäre nach dem Krieg beinahe geschehen. Auschwitz, zumindest das Vernichtungslager Birkenau drohte dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Bauern aus der Umgebung rissen die Baracken nieder, um mit dem Holz ihre Höfe wieder aufzubauen. Dass die letzten Häftlingsunterkünfte stehen blieben, ist Überlebenden zu verdanken. Immer mehr von ihnen kamen nach Oswiecim zurück, aus ganz unterschiedlichen Beweggründen. Manche suchten nach Angehörigen oder Kollegen, manche wollten sehen, was aus dem Ort ihres Martyriums geworden war. Adam Zlobnicki zum Beispiel: »Ich wollte eigentlich nur ein, zwei Jahre bleiben, aber letztendlich habe ich mich hier eingewöhnt. Außerdem wollte ich die Kollegen nicht im Stich lassen. Es kamen doch immer mehr Besucher, aber Arbeiter waren wir immer zu wenige.«

Aus diesen ein, zwei Jahren wurde sein ganzes Leben. Er wurde Auschwitz nicht mehr los. Er lebte dort, ja er wohnte dort mit seiner Frau. Im Stammlager wurden die drei Gebäude außerhalb des Zauns, wo die SS ihre Büros und andere Einrichtungen hatte, zu Wohn- und Bürohäusern für die Gedenkstätte umgewandelt. Der langjährige Direktor Kasimierz Smolen, auch er ein ehemaliger Häftling, wohnte im einstigen Büro des Kommandanten Rudolf Höss.

Fast alle Mitarbeiter der Gedenkstätte, vom Arbeiter bis zum Direktor, waren zuvor in Auschwitz Gefangene. Keiner von ihnen hatte gelernt, wie man ein Museum oder eine Gedenkstätte führt, aber schon im Juli 1947 gab es die erste kleine Ausstellung.

Sie hielten es für ihre Pflicht, auch wenn es ihnen nicht leicht fiel. So wie Adam Zlobnicki: »Manchmal träume ich, ich wäre wieder im Lager, ich will fliehen, man schlägt mich - wie es im Lager täglich vorkam. Wenn ich aufwache, bin ich erschöpft, aber doch zufrieden, dass ich nicht mehr im Lager bin und alles nur ein Traum war.« Nach seiner Pensionierung engagierte er sich weiter für die Gedenkstätte. Wie Brandhuber, wie Smolen ist auch Adam Zlobnicki in Oswiecim gestorben.

Junge Besucher mit neuen Fragen

Anfangs kamen fast nur polnische Besucher, viele von ihnen auf der Suche nach den Spuren von Angehörigen. »Ihnen musste man nicht erklären, was geschehen war«, sagt Krystina Oleksy, Vorsitzende des Vereins zum Gedenken der Opfer Auschwitz-Birkenaus. Heute sind es über eine Million Besucher im Jahr aus der ganzen Welt, die meisten sind jung und versuchen zu verstehen. Sie haben Fragen, die die alte Ausstellung, in der es vor allem um Fakten ging, nicht beantworten kann. Fragen nach dem Warum, nach der Vorgeschichte. »Junge Menschen«, so Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, »werden hier mit sich selbst konfrontiert, mit der Frage nach dem Opfer und dem Täter. Beides ist in jedem Menschen angelegt.«

Eine neue Ausstellung soll den veränderten Bedürfnissen Rechnung tragen, sie soll die Geschichte des Stammlagers Auschwitz und des Arbeits- und Vernichtungslagers Birkenau zusammenführen. Bis dahin ist es ein langer Weg; zuvor müssen die alten Gebäude konserviert werden. Eine Sisyphus-Aufgabe, denn nichts im KZ war für einen langen Zeitraum geplant. Die Gebäude sollten nur einen kurzen Zweck erfüllen: die Unterbringung der Häftlinge bis zu ihrem Tod. Einzig die Krematorien I und II waren aus Beton, doch die sprengte die SS vor ihrer Flucht im Januar 1945. Zurückgeblieben sind nur die Ruinen. Auch sie gilt es zu bewahren, genau im Zustand des momentanen Zerfalls. Nichts darf hinzugefügt oder verändert werden, auch wenn es der Stabilität der Konstruktion dienen würde. Das gilt auch für die Pferdestallbaracken, die billig zusammengeschustert worden waren und im Laufe der Jahre verfielen.

Es gab keine Erfahrungen unter den Konservatoren, wie man mit diesen Bedingungen umgehen sollte. Außerdem fehlte Geld. Lange Zeit bestand Polen darauf, allein für den Betrieb und Erhalt der Gedenkstätte zuständig zu sein. Vor 20 Jahren erging der erste Aufruf zur Rettung der Überreste von Auschwitz. Bund und Länder der Bundesrepublik beteiligten sich mit jeweils zehn Millionen Mark, der Norddeutsche Rundfunk veranstaltete eine Spendenaktion, die auf eine große Resonanz in der Bevölkerung traf.

Wie sich zeigte, genügte das alles nicht. Es handelt sich ja nicht nur um die Gebäude: Allein der Stacheldrahtzaun ist 13 Kilometer lang und hat 3600 Betonpfeiler, dazu kommen die Überreste der Habseligkeiten ermordeter Juden, die die SS sammelte. Schuhe, Brillengestelle, Prothesen, Koffer, Zahnbürsten. Nicht zu sprechen von Dokumenten, die das Archiv verwahrt und von denen viele zu zerfallen drohen. Besonders dramatisch ist der Zustand der Baracken im Frauenlager in Birkenau, das bei einem Hochwasser überflutet wurde.

Vor drei Jahren wurde deshalb die Stiftung Auschwitz-Birkenau ins Leben gerufen. Mit einem Fonds von 120 Millionen Euro soll der Erhalt der Gedenkstätte gesichert werden. Deutschland will dazu mit 60 Millionen Euro beitragen, die in fünf Raten ausgezahlt werden sollen. Damit entsteht für die Gedenkstätte zum ersten Mal Planungssicherheit für langfristige Arbeit. Vorgesehen ist das Geld ausschließlich für die Konservierung, nicht für pädagogische Aufgaben. Dem Internationalen Bildungszentrum, das auf Wunsch der ehemaligen Häftlinge gegründet wurde, fehlt es ebenfalls an Mitteln und Räumen. Geplant ist der Umzug ins sogenannte Theater, dessen Umbau in ein Kommunikationszentrum fünf Millionen Euro kosten würde. Dieses Projekt liegt den Überlebenden besonders am Herzen: damit künftige Generationen Auschwitz nicht vergessen.

Spendenkonto: Bank PKO BP, SWIFT: BPKOPLPW, PL 211020 10420000 880202108884

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken