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Von Gunnar Decker
05.07.2012

Glück im Unglück

Woody Allen: A Documentary

Vor einigen Jahren gab es bereits einen Film über Woody Allen. Da war aber nicht er die Hauptattraktion, sondern es waren seine Eltern. Fast hundert Jahre alt, schien es ihnen sichtlich unangenehm, so einen Sohn zu haben. Warum ist er denn auch nicht Apotheker geworden, als Kind schien er doch durchaus intelligent? Filme machen ist kein Beruf, nur Zeitverschwendung! Da Allen das Kind seiner Eltern ist, stimmt irgend etwas in ihm ihnen zu. Hat das alles überhaupt einen Wert?

Seine Schwester sagt, er sei einfach das falsche Kind für seine Eltern gewesen. Voll abwegiger Gedanken und abwegiger Träume, vor allem über den Tod - aber auch über Gott und Sex. Sein Witz hat etwas von einem ins 21. Jahrhundert ausgesetzten Arthur Schopenhauer, dessen geistreicher Pessimismus nur einer Minderheit zu (über)leben hilft, dieser allerdings sehr. Inzwischen sind mehrere Generationen aufgewachsen mit pointierten Sentenzen (Allens eigentliches Metier) wie der, er sei »Gottes loyale Opposition« oder Masturbation sei »Sex mit jemandem, den ich mag«.

Nun geht Woody Allen langsam auf die achtzig zu - und das ist Anlass für eine neue Dokumentation, diesmal von Robert B. Weide. Und Allen, der bislang im Interview auf geradezu sarkastische Weise scheue Mensch, erzählt auf einmal gern von sich. Das muss am Alter liegen. Wenn schon alles mit der Zeit vergessen werden wird, was einmal passierte, wer sagt denn, dass man selber mit diesem Vergessen den Anfang machen muss? Mit Träumen und Irrtümern von gestern, mit Illusionen von heute und dem Selbstbetrug von morgen so zu spielen, dass es Geist und Witz erlangt - was will man im Leben denn mehr erreichen? Selbsterkenntnis ist schließlich, wie das Wort schon sagt, nicht für andere, sondern einen selbst da.

Gut fünfzig Filme in vierzig Jahren und jeder zweite ein Klassiker! Seine junge Frau und die gemeinsamen Kinder kommen in Weides Dokumentation nicht zu Wort, aber man hört, es verblüffe sie immer noch, dass er in Europa nicht über die Straße gehen könne, ohne erkannt zu werden. In den USA ist das anders, sogar in New York, jenem Moloch, mit dem Allen eine Hassliebe verbindet - selbst da ist er der große Unbekannte geblieben. Kein Wunder, seine Filme sind so europäisch wie sie heute nur ein Amerikaner jüdischer Herkunft drehen kann, der es für normal hält, nicht verstanden zu werden. Das ist der Stoff, aus dem alle seine Filme sind. Ist Allen ein Masochist? Nein, eher ein Sadist sich selbst gegenüber. Der Unterschied: wie immer eine intellektuelle Spitzfindigkeit, die für die einen alles, für die anderen nichts bedeutet.

Wie schön, da sehen wir einen der ganz Großen des Weltkinos im Schlafzimmer auf seinem Bett sitzen (es sieht dort ebenso unauffällig, fast spießig aus, wie es bei seinen Eltern ausgesehen haben mag) - im Nachttisch liegen seine ungeborenen Filme, jene Zettel, auf denen er sich Notizen macht, alles quer durcheinander, manches nur auf abgerissene Stücken von Servietten oder Zeitungsränder geschrieben. Die breitet er nun auf dem Bett aus. Aus der einen Idee wird vielleicht noch ein Film, aus der anderen nicht. Das ist so ungerecht wie alles im Leben.

Allen ist ein altmodischer Mensch. Seine Schreibmaschine (kein Computer!) hat er schon länger als ein halbes Jahrhundert - eine »Olympia«, deutsches Fabrikat, sehr robust. Dem Regisseur zeigt er sogar sein Elternhaus in Brooklyn: »Es sieht nach nichts aus und so war es auch.«

So ist es auch mit Allens Witz bis heute geblieben: Für die einen ist er alles, für die anderen nichts. Das liegt an seiner Entstehung. Als Notwehr gegen die heimtückische Welt praktiziert, will er damit nicht etwa andere unterhalten oder gar gefallen. Im Gegenteil: Allens Humor ist so gut versteckt, dass man ihn für bitteren Ernst halten könnte. Er ist dabei nicht nur monologisch, sondern auch narzisstisch. Das »Stadtneurotiker« - dieser Spiegel unserer künstlich hochgezüchteten Existenz mitsamt Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Glückserwartung - ist ein Spiegel aller Fortschrittseuphorie. Da hat jemand zweifellos alles im Griff - nur seine Nerven nicht.

Wir sehen Ausschnitte nicht nur aus Allens Filmen aus vier Jahrzehnten, Kommentare von Kollegen und Freunden, sondern auch Mitschnitte seiner ersten Auftritte in fremden Shows, dann mit eigenen Programmen im Fernsehen. Allen ist einen langen Weg gegangen: als Gagschreiber für andere, als Drehbuchautor und Schauspieler. Aber irgendwann, das war Ende der sechziger Jahre, war ihm klar geworden, dass er alles in die eigene Hand nehmen musste, wenn die Neurose zur Kunstform werden sollte: Drehbuch, Regie und Hauptrolle.

Allens Filme sind inzwischen ein Paralleluniversum, in dem man immer wieder neu auf Expedition gehen sollte: von »Stardust Memories« (seinem am wenigsten erfolgreichen Film, den er, wie sollte es anders sein, jedoch am meisten liebt), diesem tief melancholischen Selbstporträt in Form einer Hommage an Ingmar Bergman und Federico Fellini, bis zu seinen jüngsten Filmen wie »Matchpoint« oder »Scoop«, in Letzterem er selbst als unglücklichen Magier Splendini (an der Seite einer hinreißenden Scarlett Johansson als sich ständig selbst im Weg stehender naiver Jungjournalistin).

Die neuen Filme hat er dann konsequenter Weise gleich in Europa gedreht: »Vicky Cristina Barcelona« oder »Midnight in Paris«. Sogar zu den Dreharbeiten dieser traumhaften Zeitreise nach Paris, mitten hinein in die Salons der 20er Jahre (sein erfolgreichster Film seit Langem, sogar in den USA!), ließ er sich für die Dokumentation begleiten - so viel Offenheit gab es noch nie. Ein surreales Spiel mit den Anfängen der modernen Kunst, wo sich die Fitzgeralds mit Hemingway treffen, Gertrude Stein jeden mit jedem verkuppelt und Picasso und Dali zuschauen, wenn Josephine Baker tanzt.

Nein, kein Kulissenfilm. Wir sind dabei, wie in »Midnight in Paris« ein Traum erwacht vom Anders-Leben, vom Anders-Sehen und Anders-Lieben: Menschen werden schöpferisch. Das ist für Allen, diesen hartnäckigen Propheten des Unglücks, das einzige Glück, das zählt. Zugleich ist es sein Haupt-Unglück angesichts der US-amerikanischen Kultur, die er für steril und bigott hält. Dagegen Allens Bild vom ständig an der Schwelle zum Pathologischen stehenden modernen Intellektuellen als schwer hysterischer Ruine des einstigen »Vollmenschens«. Oder, um es einmal ganz simpel unter uns späten Bürgern Europas zu sagen: Woody Allen wirkt wie eine Sentenz Nietzsches, der einen Satz von Hegel ruiniert und zugleich rettet.

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