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Von René Heilig
05.07.2012

Was tun mit dem Verfassungsschutz?

Abschaffen oder reformieren - auch die Linkspartei ist sich da uneins

Die Rechtsblindheit deutscher Sicherheitsbehörden, die zehn rechtsextremistische Morde, Bombenanschläge und Banküberfälle ermöglicht hat, ist ein bundesweiter Skandal erste Güte. Im Zentrum der Kritik - Geheimdienste. Was tun mit den Relikten des Kalten Krieges? Die Frage treibt plötzlich Politiker aller Parteien um.

»Man muss natürlich grundsätzlich über die Arbeitsweise dieser Behörde Verfassungsschutz sich Gedanken machen, über den Aufbau, die Mentalität, ob es noch zeitgemäß ist, ob man einiges ändern muss, und dann natürlich auch die Frage der Kontrolle durch die parlamentarischen Gremien.« Das sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) nachdem die Vernichtung von Verfassungsschutzakten zur Operation »Rennsteig« aufgeflogen ist und der Chef des Bundesamtes (BfV), Heinz Fromm, um seine Berentung ersucht hatte.

Eilig hatte Friedrich denn auch die Mitglieder des Bundestag-NSU-Untersuchungsausschusses eingeladen, die noch vorhandenen BfV-Akten zum Thüringer Heimatschutz, der Keimzelle des terroristischen »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU) zu lesen. Im Geheimen versteht sich, Notizen nicht erlaubt. Was Friedrich quasi als letztes Bollwerk gedacht hatte, um nicht - wie seine Vorgänger Otto Schily (SPD), Wolfgang Schäuble und zunehmend auch Thomas de Maizière (beide CDU) - selbst in den Skandalstrudel gezogen zu werden, lässt bei Lichte besehen Respekt vor den Volksvertretern vermissen. Seit März liegen die entsprechenden Beweisbeschlüsse des Untersuchungsausschusses und damit die Pflicht zur Herausgabe auf dem Tisch seines Ministeriums und des BfV. Nun, in die Enge getrieben, lässt er die Abgeordneten wenige Stunden vor der Fromm-Vernehmung mal rasch blättern in 34 Ordnern mit Tausenden ungeschwärzten Seiten. Acht Ordner davon betreffen die Operation »Rennsteig« an der das BfV, das Thüringer Landesamt und der Militärische Abschirmdienst (MAD) zwischen 1997 und 2003 beteiligt waren.

Zeit wird knapp

Nachdem Fromm nicht mehr zu halten war, hat auch die schwarz-rote Koalition in Thüringen festgestellt, dass der Chef des dortigen Landesamtes, Thomas Sippel, nicht mehr das Vertrauen des Parlaments genießt. Bislang schickte das Landesamt dem Untersuchungsausschuss drei Aktenordner - plötzlich tauchen ganz viele auf. Zwischen 300 und 600 sind avisiert.

Zeit ist ein großes Problem vor allem für den Berliner Untersuchungsausschuss. Nach Fromms Vernehmung ist Sommerpause, die Weihnachtsferien sind auch noch abzurechnen, bis im März der Wahlkampf beginnt. Schon jetzt ist absehbar, dass die Untersuchungen nicht ohne Substanzverlust abgehen. Zumal schon jetzt diverse Vorstellungen über notwendige Schlussfolgerungen für die Sicherheitsarchitektur auf dem Medienmarkt ausgelegt werden. Darunter sind auch solche, die in den Versagerbehörden und deren vorgesetzten Ministerien entstanden sind. Da ist wohl Vorsicht angesagt. Ebenso bei dem Gedanken, der Polizei Geheimdienstaufgaben zu übertragen.

»Wir brauchen bei den Behörden einen umfassenden Mentalitätswechsel. Verfassungsschützer müssen nicht in erster Linie Geheimdienstler sein, sondern geschulte Demokraten, mit einem richtigen Gespür für die Gefahren, die unserer Demokratie drohen«, sagt Thomas Oppermann. Der parlamentarische SPD-Geschäftsführer ist Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums und dort noch nicht als Reformator aufgefallen.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger meint, Reformen würden »immer aktueller, seitdem wir gesehen haben, was bei der ›Zwickauer Zelle‹ und den NSU-Taten (...) schiefgegangen ist.« Man brauche eine Veränderung, »damit wir zukünftig einen gut kontrollierten und handlungsfähigen Verfassungsschutz haben«. Grünen-Chefin Claudia Roth sprach sich dagegen für eine mögliche Abschaffung aus. »Verfassungsschutzämter in Bund und Ländern haben sich zum blinden Fleck der Demokratie entwickelt«, sagte sie der »Frankfurter Rundschau«.

Feuerwehr als Vergleich

Und wie schaut es bei der LINKEN aus? Eigentlich ist alles klar, denn: »Wir wollen die Geheimdienste abschaffen«, liest man im Parteiprogramm. Doch so einfach ist das wohl nicht. Der Bundesvorsitzende Bernd Riexinger stellt im dpa-Gespräch die Frage: »Wozu braucht es einen Inlandsgeheimdienst, der die Ermittlungen zur NSU-Mordserie in die Irre führt und dann auch noch Akten schreddert, die damit im Zusammenhang stehen? Das ist nicht nur unprofessionell, sondern in höchstem Maße demokratiegefährdend.«

Schweres Geschütz gegen eine Abschaffung des Dienstes hingegen fährt der parteilose Bundestagsabgeordnete und Linksfraktionsvertreter im Parlamentarischen Kontrollgremium Wolfgang Neskovic auf. Der einstige Bundesrichter warnte vor einem Verfassungsverstoß. Man dürfe das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. »Die Feuerwehr wird auch nicht abgeschafft, wenn sie bei der Brandlöschung versagt. Ein Verfassungsschutz ist notwendig, weil die Verfassung echte Feinde hat. Die Aufgabe, die Verfassung zu schützen, kann ohnehin nicht abschafft werden. Das lässt unsere Verfassung nicht zu. «

Statt Abschaffung des Verfassungsschutzes müsse man den Verfassungsschutz gründlich evaluieren und umfassend reformieren. Die Dienste würden sich der administrativen und auch der parlamentarischen Kontrolle mit dem Zauberwort »geheim« entziehen. »Immer dann, wenn die Exekutive oder das Parlament kontrollierend auf die Geheimdienste Zugriff nehmen, entmutigen sie die Kontrollorgane, indem sie auf den Geheimnisschutz verweisen«, fasst Neskovic seine Erfahrungen als Geheimdienstkontrolleur zusammen.

»Der Verfassungsschutz hat nicht nur Fehler gemacht, er ist der Fehler«, betont dagegen Fraktionskollegin Ulla Jelpke. Die Vernichtung von Akten zum V-Leute-Einsatz in der Neonaziszene sei nur das i-Tüpfelchen in einer Kette von Skandalen. Definitiv verlangt Jelpke die Auflösung der »demokratisch nicht zu kontrollierenden« Verfassungsschutzämter.

Petra Pau, Obfrau im Bundestagsuntersuchungsausschuss kann sich die Auflösung auch in drei Schritten vorstellen. Erstens: Schluss mit der V-Leute-Praxis. Zweitens: Aufgabe der Geheimniskrämerei. Drittens: Umbau zu einer Art wissenschaftlichem Dienst zur Beratung der Politik. Grundsätzlich bleibt sie aber bei der LINKEN-Forderung nach einem unabhängigen Beobachtungszentrum für Rechtsextremismus. Foto [M]: photocase/jala

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • NSU und Verfassungsschutz

    Die Aufdeckung der neun Morde und weiteren Straftaten des NSU hat einen politischen Skandal ausgelöst und grobe Unterlassungen und Versäumnisse des Verfassungsschutzes ans Licht gebracht. Hinweise auf Morde und auf weitere Straftaten wurden früh ignoriert, wichtige Akten vernichtet.

5 Kommentare

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  • Rene-Tenz / 05. Jul 2012 18:07

    Gefahrenabwehr

    Der sogenannte Verfassungsschutz ist in dieser politischen Ausrichtung und Struktur nicht tragbar .
    Es ist mE nicht vermittelbar,warum ein Dienst mit der bekannten braunen Vergangenheit und nicht ernsthaft gebrochenen Tradition (Gehlen und Andere) nicht der Evaluierung und Abwicklung unterliegen soll.
    Es ist unseren Mitbürgern ausländischer Herkunft nicht glaubhaft zu machen,dass dieser Dienst sie vor Gefahren bewahren kann.
    Es ist den Teilnehmern am politischen Prozess,an der Gestaltung der Demokratie ,insonderheit jenen,die nicht im konservativen Lager stehen, nicht erklärbar,weshalb sie noch länger ausgespäht und behindert werden sollen.
    Es ist einer grossen Mehrheit nicht glaubhaft,das es nicht gelingt,rechtsextreme Gefahren rechtzeitig zu erkennen,davor,einschließlich der internationalen Vernetzung zu warnen und konsequent dagegen vorzugehen .

    Im Verlauf der Evaluierung bekannt werdende Rechtsbrüche
    müssen sanktioniert werden.
    Aus Mangel anderer Alternativen sollten nach grundsätzlicher Überprüfung verbleibende bzw zu gestaltende Verantwortungsbereiche in einen neu zu schaffenden Nachrichtendienst unter dem Dach des ebenfalls zu evaluierenden neuen zentralen BND eingebunden werden.
    Die Evaluierung muss durch einen wissenschaftlichen Rat (Gremium anerkannter Wissenschaftler) unter Aufsicht einer Kommission aus Abgeordneten des Bundestages (BT) erfolgen.Die Opposition erhält in dieser BT-Kommission grundsätzlich den Vorsitz ihre Besetzung erfolgt zu gleichen Teilen aus Regierungsparteien und Opposition.
    Der Prozess der Neugestaltung eines solchen Dienstes sollte durch eine kritische Öffentlichkeit ,in der auch die Opfer der Dienste (politisch Verfolgte,mit Berufsverbot belegte usw) gehört werden,begleitet werden.
    Ich weis um die gesellschaftliche Realität und rechne mit der berühmten Geste zur Stirn als wohlgemeinte Replik auf diesen (utopischen) Versuch.

  • Rotspoon / 05. Jul 2012 19:40

    Es bedarf keines Dienstes

    Den Westdeutschen wurde 1949 ein Grundgesetz beschert, den Ostdeutschen wurde selbiges übergestülpt. Die Gründungsväter - der Mütter waren nur ganz wenige - ließen die Geheimdienste am Leben, weil sie sich eine offene Demokratie nicht vorstellen konnten. Im Osten nahm man das braune Erbe nicht an, verfuhr geheimdienstlich im Innern aber nicht weniger rigoros.

    Es bedarf einer kräftigen neuen deutschen Verfassung, die sich das VOLK in freier Diskussion gibt, fern vom Kuratel der Parteien. Und das Volk - niemand sonst, keine Stellvertreter oder Beamte, hat über die Verfassung zu wachen.

  • Rene-Tenz / 05. Jul 2012 19:59

    Re: Es bedarf keines Dienstes

    Lieber Rotspoon,
    es ist Dir wohl klar,dass Dein Modell das einer ferneren Gesellschaft ist.Du glaubst doch nicht an den Weihnachtsmann. Eine solche Verfassung,wie sie Dir eventuell vorschwebt braucht veränderte gesellschaftliche Verhältnisse.

  • Rene-Tenz / 05. Jul 2012 20:08

    Re: Re: Es bedarf keines Dienstes

    Für eine neue Verfassung ,die aus einem demokratischen Prozess entsteht bin ich natürlich auch.

  • Kukuch / 06. Jul 2012 09:05

    Das ist die Demontage des Restes unserer Demokratie

    Es ist einfach nicht zu fassen, daß den gewählten Vertretern der Bürgerinnen und Bürger von einem staatlichen Organ etwas vorenthalten wird. Es sind sämtliche Akten der Geheimdienste offenzulegen oder man sollte diese abschaffen.
    Dr. Kurt Kutzschbauch 12559 Berlin

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