Von Anouk Meyer
06.07.2012

Die Geister, die ich rief

Theatertruppe zeigt im Spreepark »Spuk unterm Riesenrad« nach der Fernsehserie

Im Tümpel hinter der Bühne quaken die Frösche, eine Entenschar paddelt gemütlich zwischen den vermüllten Schwanenbooten umher. Eine leichte Brise setzt das Riesenrad wie von Geisterhand in Bewegung. Nur wenige Meter abseits des Uferwegs im Treptower Park liegt der ehemalige Rummelplatz Spreepark in tiefer Ruhe. Normalerweise. Denn jetzt hat eine junge Theatertruppe den einstigen Vergnügungspark aus dem Dornröschenschlaf erweckt - und zeigt am Originaldrehort das Theaterstück »Spuk unterm Riesenrad«, frei nach der beliebten DDR-Kinderserie. Heute ist Premiere.

Noch fehlen einige Wegweiser, damit sich die Besucher auf dem 28,5 Hektar großen Gelände nicht verlaufen, und auch die Technik sitzt noch nicht einwandfrei. »Aber wir haben ja noch zwei Tage Zeit«; lacht Produzentin Eva-Maria Brück-Neufeld bei der Hauptprobe am Mittwoch. In einem echten Kraftakt hat sie zusammen mit Regisseurin Anne Diedering die Inszenierung in nur zwei Monaten gestemmt. Zwar hatte das Ost-West-Gespann die Idee zu dem Theaterstück bereits im Winter, doch bis alle Genehmigungen erteilt, die Sicherheitsbestimmungen erfüllt waren, war es Ende April.

Nicht viel Zeit, um Darsteller und ein Team zu finden, das Geld zusammenzubringen und Strom- und Wasseranschlüsse legen zu lassen - doch die beiden engagierten Frauen haben es geschafft. Beide kennen und lieben die DDR-Kinderserie von C.U. Wiesner aus dem Jahr 1979, die auch in der Bundesrepublik mit viel Erfolg lief.

Für die gelernte Schauspielerin Anne Diedering ist es die erste große Regiearbeit, und entsprechend unruhig läuft die 33-jährige gebürtige Chemnitzerin umher, kritisiert und feuert an. »Immerhin, dem Autor hat's sehr gut gefallen«, erzählt sie nach der Probe erleichtert.

Schon die Umgebung ist großartig: Von den 260 überdachten Zuschauerplätzen aus hat man einen guten Blick auf die Naturbühne und das direkt dahinter aufragende, 40 Meter hohe Riesenrad. Um Rummel-Atmosphäre zu schaffen, wurden um die Publikumsränge einige Buden aufgebaut, und auch die Wege rund um den Platz werden ins Stück integriert: Da fahren Opa und Oma Kröger, das sympathische alte Ehepaar, mit dem Auto weg, knattert der stets über die eigenen Worte stolpernde Oberwachtmeister Bullerjahn mit dem Moped herum, flüchten die zum Leben erweckten Holzfiguren ins Gebüsch.

Zwar wurde das Drehbuch recht frei interpretiert, um es theatertauglich zu machen, doch sind die Leinwandprotagonisten leicht wieder zu erkennen. Und auch das Gerüst der Geschichte bleibt: Die Geschwister Tammi und Keks besuchen in den Ferien ihre Großeltern, die im Spreepark die Geisterbahn betreiben. Opa Kröger, der gerade drei neue Figuren erstanden hat, lässt die Kinder allein - nicht wissend, dass die drei Neuzugänge verzauberte Menschen sind, die durch die Berührung mit Wasser zum Leben erwachen.

Natürlich passiert genau das; Hexe, Zwerg und Riese erwachen in einer für sie völlig neuen Welt. Doch die drei passen sich schnell an und flüchten mit einem fliegenden Staubsauger zur Burg Falkenstein in den Harz, die Verfolgertruppe immer auf den Fersen. Können Tammi und Keks die Figuren wieder einfangen?

Recht geschickt wird im Theaterstück die Originalhandlung der siebenteiligen Fernsehserie, samt allerlei Anspielungen auf die Mangelzustände im real existierenden Sozialismus, auf heutige Verhältnisse angepasst. Vor allem die Bürokratie kriegt in etlichen abfälligen Bemerkungen ihr Fett weg. Andere Gags wie zum Beispiel die albernen Wortspiele des Polizisten werden arg überstrapaziert. Doch für Kinder dürfte das Freiluft-Theater mit Gesang und Tanz ein großer Spaß werden.

Den Macherinnen wünscht man viel Erfolg, haben sie die Low-Budget-Produktion doch voll auf eigenes Risiko produziert, mit Hilfe einiger Firmensponsoren und mühselig per Internet gesammeltem Geld. Und vielleicht lenkt die Sommerproduktion im Spreepark - dem einstigen VEB Kulturpark Berlin - auch wieder ein wenig Aufmerksamkeit auf das Areal. Das wartet nach der Insolvenz von Familie Witte nach wie vor auf einen Investor, der den Kampf mit der Stadt um Altlasten, Landschaftsschutzgebiet und Besucherparkplätze aufnimmt.

Bis 29. Juli, Mi. und Sa. 15 und 19 Uhr, Do. und Fr. 19 Uhr, So. 18 Uhr, keine Vorstellung am 21.7.; Zugang über Haupteingang des Spreeparks, Infos: www.spuk-unterm-riesenrad.de

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