Von Ulrike Henning
06.07.2012

Grundschullehrer scheitert an Bayer

Arzneimittelopfer: Hersteller kannte Risiken von Duogynon / Gericht lehnt Klage als verjährt ab

In Berlin wies das Landgericht heute die Klage eines Arzneimittelopfers gegen die Firma Schering ab. Die Ansprüche des Kläger seien verjährt.

André Sommer lässt nicht locker: Am Donnerstag fand der Prozess zu seiner Haftungsklage gegen den Arzneimittelkonzern Bayer, zu dem seit 2006 die Schering AG gehört, statt. Schering hatte von 1950 bis 1980 den hormonalen Schwangerschaftstest Duogynon in Deutschland verkauft - um den geht es Sommer und anderen Geschädigten. Der Grundschullehrer aus dem Allgäu wurde mit Genitalfehlbildungen und einer außen angewachsenen Blase geboren, nachdem seine Mutter das Mittel 1975 geschluckt hatte. Und das, obwohl Schering wahrscheinlich seit Ende der 1960er wusste, dass Duogynon die Frucht im Mutterleib schädigen könnte.

Ein für das Unternehmen tätiger Wissenschaftler schrieb bereits im November 1967 an die Firmenleitung: »Die offenkundige Korrelation zwischen der Zunahme angeborener Missbildungen und dem Verkauf des Schwangerschaftstests erscheint ziemlich alarmierend.« In Großbritannien wurde das Mittel bereits 1970 als Schwangerschaftstest verboten. In Deutschland gab es danach immer wieder Warnungen vor Duogynon, so von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und 1978 sogar in der Tagesschau.

Laut der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) waren die Risiken des Präparates - darunter Herzfehler, fehlende Gliedmaßen, Gaumenspalten und Nierenschäden - schon früh bekannt. CBG unterstützt Betroffene und versuchte mit diesen, von Bayer eine Entschuldigung zu erhalten. Das Unternehmen mauert jedoch und war damit auch im ersten Prozess Ende 2010 erfolgreich: Das Landgericht Berlin entschied, dass Auskunftsansprüche von Sommer verjährt seien. Am Donnerstag urteilte das Gericht nun, dass auch die Schmerzensgeldansprüche Sommers verjährt seien. Sommer hatte mindestens 50 000 Euro von Schering gefordert. Zudem wollte er erreichen, dass das Gericht die Haftung für alle weitere Schäden feststellt, die er durch das Medikament erlitten habe. Beides wies die Kammer nun zurück.

Bayer beruft sich darauf, dass Ermittlungen gegen Schering 1982 eingestellt wurden. Die unabhängigen Experten und Fachorganisationen, die den Nachweis für den Zusammenhang zwischen Duogynon und Fehlbildungen ausgeschlossen hätten, werden aber nicht benannt. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin-Wedding ist erst recht nicht bereit, weitere Unterlagen zur Einsicht freizugeben.

Nun zeigen bislang unbekannte Dokumente, dass etwa der britische Schering-Mitarbeiter Dean die Gefährlichkeit des Mittels auch nach außen kommunizierte. Schering aber versuchte Ende der 1960er, kritische Wissenschaftler bewusst zu diskreditieren. Darauf bezog sich auch Jörg Heynemann, Sommers Anwalt: Schering habe unredliche Mittel benutzt, um die Wirkung von Duogynon zu vertuschen. Hierfür bot Heynemann nicht nur Beweismittel an, sondern nannte auch einen ehemaligen Mitarbeiter als Zeugen.

Aus Sicht der Betroffenen hat die Angelegenheit die Dimension einer zweiten Contergan-Affäre. Über 300 Menschen haben sich inzwischen an Sommer gewandt, sie meldeten 133 Skelettmissbildungen, 63 Organschäden, 56 urologische Schäden und 47 Todesfälle. Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) liegen seit 1979 sechs Berichte über Verdachtsfälle von Fehlbildungen in Zusammenhang mit Duogynon. Die Hersteller waren allerdings erst seit 1978 verpflichtet, Produktrisiken zu erfassen. Nun beauftragte das BfArM die Charité mit der Auswertung, das gestaltet sich aber wegen fehlender Angaben schwierig.

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