Klaus Bellin
07.07.2012

Die besondere Bibliothek

Vor hundert Jahren erschienen die ersten Bände der Insel-Bücherei

Sie sprachen von »Flugschriften«. Vorerst. Irgendein Name musste ja her. Noch war alles bloß eine Idee, ein Traum, der nach seiner Verwirklichung suchte. Eine Buchreihe sollte es sein, so niveauvoll wie das gesamte Programm, gediegen und schön, nur viel, viel billiger, bloß zwanzig Pfennige das Stück. Stefan Zweig gefiel der Gedanke, er drängte, schickte seit Ende 1909 Brief um Brief nach Leipzig, wo Anton Kippenberg, der Chef des Leipziger Insel-Verlages, zwar Gefallen am Projekt fand, aber den Enthusiasmus seines Autors erst einmal vorsichtig bremste. Was denn, fragte Zweig, nur sechs Hefte im Jahr? Ein Risiko konnte er nirgendwo entdecken. Er habe Material genug für Jahre, schrieb er, und er machte auch gleich Vorschläge, nannte Namen und Titel, bot sogar eine finanzielle Beteiligung an und war überzeugt, »dass Ihr Verlag dadurch einen ganz ungeheuerlichen Aufschwung nehmen wird«.

Es brauchte noch ein paar Anläufe, bis Kippenberg im Februar 1910 erklärte: »In Bezug auf die Flugschriften stimme ich ganz mit Ihnen überein und lasse nun bald beginnen …« Trotzdem zog sich die Angelegenheit weiter hin. Stefan Zweig witterte schon, das Vorhaben sei inzwischen begraben worden, doch dann, am 5. Januar 1912, die erlösende Nachricht aus Leipzig: »Nein, Sie irren, der Plan der Insel-Hefte ist nicht zunichte geworden. Im Gegenteil, er ist mitten in der Verwirklichung.« Nun war auch ein Name gefunden, einfach und einprägsam: Insel-Bücherei. Und die ersten zwanzig Titel standen fest. Am 23. Mai schließlich, formuliert von Kippenberg, die Ankündigung im Buchhändler-Börsenblatt. Die gesamte Verlagstätigkeit solle sich in der Reihe widerspiegeln, die vor allem kleinere Werke bringen wolle, Gedichte, Novellen, Essays, Volksbücher, Reden, das Bändchen für fünfzig Pfennig. Kurz darauf, am 2. Juli 1912, wurden die ersten zwölf Titel ausgeliefert, gebunden in Pappe, die Deckel und Buchrücken mit farbigen Papieren überzogen. Die Nummer 1 Rilkes »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke«, Band 12 Flauberts »Die Sage von Sankt Julian dem Gastfreien«. Dazwischen Texte von Plato, Cervantes, Goethe, Bürger, Bismarck oder Hofmannsthal.

Da war Kippenbergs anfängliche Skepsis schon verflogen. Die Buchhändler hatten bereits im Juni das erstaunliche Interesse ihrer Kunden signalisiert und 20 000 Exemplare bestellt. Am 18. Juli meldete der Verleger m Brief an Stefan Zweig 50 000 verkaufte Bände. »Ich glaube, die Sammlung setzt sich durch sich selbst durch, ohne dass man im eigentlichen Sinne viel dafür zu tun braucht, man braucht sie nur inhaltlich auf der Höhe zu halten.« Im August waren 100 000 Exemplare abgesetzt, im März 1914 eine Million. In Führung lag von Anfang an Rilkes »Cornet«. Nach drei Wochen ließ Kippenberg bereits eine zweite Auflage mit gleich 20 000 Exemplaren drucken. »Wer hätte das gedacht«, schrieb er, als er Rilke davon berichtete.

Ein sensationeller Siegeszug, so nie vorausgesehen und doch leicht erklärbar. Diese Reihe, ohne Konkurrenz auf dem Buchmarkt jener Tage, war anders als alles, was man kannte. Billigen Lesestoff gab's auch bei Reclam, aber dort konzen-trierten sich alle Bemühungen auf die Textvermittlung, der Rest, die Form, war nebensächlich. Für Anton Kippenberg, den Anwalt des schönen Buches, zählte beides: der Preis und die Ausstattung. Der Insel-Verlag, hervorgegangen aus einer 1899 gegründeten und bald ins Schlingern geratenen Zeitschrift, stand ja von Anfang an im Ruf, in jeder Hinsicht höchstes Niveau anzustreben. Man druckte vortreffliche Klassikerausgaben, Goethe als Maßstab, die großen Autoren der Weltliteratur, dazu Zeitgenossen wie Rilke, Hofmannsthal, Ricarda Huch und Stefan Zweig, und man legte Wert aufs bestens ausgestattete Buch. Kippenberg, seit 1906 allein verantwortlich, hat dabei mit Argusaugen auf Druck und Ausstattung geachtet. Er kümmerte sich noch ums letzte Detail eines Titelblatts, er liebte noble, auch glänzend illustrierte Bücher, und er übertrug all seine Liebe, seinen Enthusiasmus, den hohen Anspruch auf die Insel-Bücherei. Sie ist im Lauf der Zeit zum Markenzeichen des Verlages geworden. Und ist es bis heute geblieben.

In besseren Buchhandlungen ist ihr manchmal ein ganzes Regal gesichert. Da stehen die Bände würdig und in wechselnden Farben und Mustern nebeneinander, ein Kosmos des Geistes und Faszinosum fürs Auge, ein heiteres, buntes Spiel der Blüten, Tupfen, Ranken, Linien und Ornamente, verlockend und einzigartig. Kein Wunder, dass die unübertroffene Reihe seit Jahrzehnten die Sammler anzieht, die Liebhaber, Leute mit Sinn fürs perfekt und fantasievoll realisierte Buch. Eine der größten Kollektionen besitzt der nahe Heidelberg lebende Chemiker Helmut Jenne. Er hat, erstaunlich genug, erst Mitte der achtziger Jahre mit dem Sammeln begonnen. Im zweibändigen Jenne-Katalog ist der kostbare Besitz haarklein dokumentiert.

Eine Bibliografie, die sämtliche Titel seit 1912 erfasst, dazu alle Varianten, hat auch Herbert Kästner im Insel-Verlag vorgelegt, der zweite namhafte Sammler, ein inzwischen emeritierter Leipziger Mathematiker, der als Student die ersten Bändchen erwarb. In einem Video-Interview auf der Internetseite des Verlags erzählt er, wie er, jung und mittellos, Buchhandlungen und Antiquariate durchstreifte und sich langsam einen Grundstock an Weltliteratur und Bildbänden zulegte. Damals, in den Jahren des Nachkriegs, kostete ein Bändchen immer noch fünfzig Pfennige, und wer ein Gefühl besaß für Gestaltung, Papierqualität und Typografie, sagt Kästner, versorgte sich mit wichtigen Texten, die in den herrlichen, schmalen Inselbüchern erschienen waren.

Inzwischen gab es den Insel-Verlag gleich zwei Mal. Das alte Stammhaus residierte weiter in Leipzig, eine Zweigstelle zog nach Wiesbaden. Eine Weile, gleich nach dem Krieg, hoffte auch Johannes R. Becher, die alten Zeiten wiederbeleben zu können. Er hatte 1918, gefördert vor allem von Katharina Kippenberg, im Insel-Verlag einen Band mit ausgewählten Gedichten veröffentlicht und noch im Juli 1945, gleich nach der Rückkehr aus dem Exil, bekannt, dass dies der Verlag sei, zu dem er gehöre. Er half den Kippenbergs, die das Verlagshaus mit Geschick durch die dunkle Zeit der Naziherrschaft gebracht hatten und nun in Marburg gelandet waren, so gut er's vermochte, man schrieb sich wieder Briefe, er verhandelte über ein neues Gedichtbuch, aber als das Manuskript 1947 fertig war, waren schon alle Illusionen dahin, vereitelt von Währungsreform und deutscher Teilung. Das Insel-Schiff segelte fortan in verschiedenen Wassern, jedes mit eigener Mannschaft und nach eigenem Kurs, aber zum Glück doch nicht so, dass man außer Sichtweite geriet. Eisige Reclam-Verhältnisse haben zwischen Leipzig und Wiesbaden (später Frankfurt/Main) glücklicherweise nie geherrscht.

Die Insel-Bücherei blieb trotz alledem, was sie immer gewesen ist, eine schöne, anspruchsvolle, exquisite Edition. Sie geriet im Westen allmählich in bedrohliche Turbulenzen. Diverse Taschenbuchreihen, schließlich auch die Gründung des Deutschen Taschenbuch Verlages 1961 erhöhten den Konkurrenzdruck. Die Jahre mit den hohen Auflagen und kulanten Preisen waren endgültig dahin, Klassikerausgaben blieben liegen, Titel, die früher reißenden Absatz fanden, waren plötzlich nicht mehr gefragt. Ganz anders im Osten, wo die Filiale trotz heftigen Drucks in privater Hand blieb und sich einige Freiräume erhielt. Da behaupteten die schmalen Bändchen mühelos ihren Platz in der Lesergunst. Kunststück: Das Programm blieb attraktiv, man druckte deutsche und internationale Belle-tristik, kunstwissenschaftliche Titel, bibliophile und Faksimile-Ausgaben und das zu einem Preis, der allen wirtschaftlichen Grundsätzen Hohn sprach. Der Einfachband kostete bis zum Ende der DDR 1,25 Mark, der Doppelband 2,50. Man schrieb damit in Leipzig all die Jahre tiefrote Zahlen. Versuche, den Preis zu erhöhen, scheiterten an staatlichem Widerspruch.

Sicher, das Frankfurter Haus unter Siegfried Unseld hatte bis 1990 in jeder Hinsicht die Nase vorn. Kein Zensor redete rein, kein Ministerium befand über Vorhaben, Devisen und Papier. Und dennoch hat man sich in Leipzig bravourös gehalten und ein Programm realisiert, das die Intentionen der Insel-Väter nie aus den Augen verlor. Jetzt, hundert Jahre nach den ersten Bänden der Insel-Bücherei, steht die Edition noch immer wie ein Leuchtturm in der Bücherlandschaft, geliebt, bewundert, unerreicht, ein Ort, wie André Heller sagt, »zu dem sich das Feinsinnige, die Zwischentöne, die Genauigkeit, die Schönheit und das Behutsame hinretten können«.


Der Cornet ist nun in derselben Sammlung aufs Neue gedruckt worden und hat seinem jetzigen Verleger die vergnüglichste Überraschung bereitet, stellen Sie sich vor, 8000 Exemplare in 3 Wochen, - wir drucken 20 000 andere, der Himmel weiß, wie es zugeht …
Rilke an die Fürstin Marie von Thurn und Taxis, 3. August 1912

Die hübscheste kleiner, billigster Büchlein, die wir haben, ist die »Inselbücherei», die der Leipziger Insel-Verlag herausgibt und von der schon über vierzig Bändchen fertig sind, jedes mit Sorgfalt gedruckt, in hübschem, fröhlichem Kartonband, jedes der besten Bibliothek durchaus würdig, und jedes für fünfzig Pfennige.
Hermann Hesse: Für Bücherliebhaber, 1913

Die Inselbücherei, die billigste Bibliothek, schenkt, was an Kostbarem in Jahren gespart und gesammelt ward, an die Millionen: hier beginnt der Insel-Verlag, der aristokratisch angefangen und es im Sinne der Haltung bis heute geblieben ist, durch die Tat demokratisch zu werden.
Stefan Zweig: Anton Kippenberg, 1924

Der Verlag hat extra ein Jubiläumsprogramm aufgelegt. An der Spitze die Nummer 1 von 1912, Rilkes »Cornet», jetzt Nummer 1350, ein von Karl-Georg Hirsch hinreißend gestaltetes, bibliophiles Bändchen: das Bezugspapier, eine Hirsch-Collage, in Schwarz-Grau, rotes Deckelschild, schwarzes Vorsatzpapier und dazu die markanten Schabblätter des Grafikers und Illustrators.
Daneben gibt es 650 nummerierte, signierte und mit jeweils eigenem Umschlag versehene Exemplare einer Vorzugsausgabe und zehn weitere Titel. Das reicht, wie das nebenstehende Foto zeigt, von Goethes Mond-, Rilkes und Brechts Liebesgedichten über Balzac, Poe und Hesse bis zu Siegfried Unselds erfolgreicher Studie »Goethe und der Gingko«.

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