07.07.2012
Fragwürdig

Jeder Treffer jetzt ein Tor?

Hellmut Krug / Der frühere FIFA-Schiedsrichter ist Experte bei der Deutschen Fußball Liga im Schiedsrichterwesen.

nd: Herr Krug, die Regelhüter des Fußballs, das International Football Association Board, haben die Einführung der Torlinientechnik gestattet. Begrüßen Sie diese Entscheidung?
Krug: Ja, absolut. Vor allem aus Sicht der Schiedsrichter war die Entscheidung längst überfällig. Das haben wir nicht zuletzt bei dem EM-Spiel Ukraine gegen England gesehen. Dass der Ball hinter der Linie war, war eine Sache von ein paar Zentimetern und ging rasend schnell. Was von den Schiedsrichtern in der Frage ›Tor oder nicht Tor?‹ verlangt wird, ist oft menschenunmöglich. Den Unparteiischen wird mit der Technik eine erhebliche Last genommen.

Kann man jetzt sagen, dass in Zukunft jeder Treffer auch wirklich ein Tor ist?
Da muss man von ausgehen. Wir haben uns ja auch schon länger intern damit beschäftigt. Insbesondere das System mit der Magnetfeldtechnik und dem Chip im Ball scheint zu funktionieren.

Zwei Systeme wurden jetz genehmigt. Sie bevorzugen also den Chip im Ball gegenüber der Torkamera?
Wichtig ist, dass das System hundertprozentig funktioniert. Bei der Torkamera ist es so, dass eine vollständige Verdeckung des Balles, beispielsweise durch den Torwart, den Beweis erschweren würde. Insofern scheint das System mit dem Chip im Ball das sicherere zu sein.

Sie sagten, Sie haben sich schon länger damit beschäftigt. Seit wann wurden derartige Systeme getestet? Und warum hat es so viel Zeit bis zur Zustimmung gebraucht?
Seit 2005 wurde getestet, erstmals bei der U17-Weltmeisterschaft. Da gab es jedoch anfänglich noch Probleme mit der Technik. Dass es mit der Entscheidung so lange gedauert hat, hatte vor allem mit der Sorge zu tun, dass die Technik möglicherweise die Tatsachenentscheidung der Schiedsrichter infrage stellen könnte. Tatsachenentscheidungen haben wir bei Strafraumsituation, Foulspielen, Abseits oder persönlichen Strafen. Da gibt es in vielen Fällen einen gewissen Ermessensspielraum. Bei der Frage, ob der Ball im Tor war oder nicht, gibt es dagegen keine Grauzonen, sondern nur Schwarz oder Weiß.

Gibt es bei der Entscheidung pro Technik auch Verlierer?
Nein, sicher nicht. Es gibt nur Gewinner, denn es geht hier um Gerechtigkeit im Fußball. Fragen Sie mal in der Ukraine nach, da ist wirklich eine kleine Welt zusammengebrochen, als die Nationalmannschaft ausgeschieden ist. Selbst wenn ein Klub vielleicht mal von einer Fehlentscheidung profitiert, wird er beim nächsten Mal eben darunter leiden. Und das kann in niemandes Interesse sein.

Wann wird die Technik tatsächlich eingeführt?
Die FIFA testet die Technik zunächst bei der Klub-WM Ende des Jahres und 2013 beim Confederations Cup. Wenn sie funktioniert, wird die Technik möglicherweise bei der WM 2014 zum Einsatz kommen. In Deutschland müsste ein System erst einmal eine Zertifizierung durchlaufen und dann unter Wettkampfbedingungen getestet werden. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass die Technik in der Bundesliga sicherlich nicht vor der Saison 2013/14 zum Einsatz kommen wird.

Interview: Alexander Ludewig

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