Von Hendrik Lasch
07.07.2012

Kinder der Not boomen in der Krise

Genossenschaften in der Bundesrepublik auf dem Vormarsch

Heute ist der Tag der Genossenschaften - im Internationalen Jahr der Genossenschaften. Einst galten sie als altbacken, jetzt sind Genossenschaften in Deutschland auf dem Vormarsch. Ein Grund: die Krise des »Shareholder Value«. Nachdem ungezügelte Finanzspekulationen zuerst Märkte und dann Realwirtschaften in die Krise gestürzt haben.

Am kommenden Montag lassen sich ehemalige Verkäuferinnen der Drogeriekette Schlecker aus Meiningen erklären, wie sie eine Genossenschaft gründen können. Ihre und die Hoffnung ihrer bisherigen Kunden: Das Modell könnte ihre Jobs retten - und den Laden, der für den Ort in Thüringen nicht unwichtig war.

Gelingt das Vorhaben, könnte es symbolträchtiger nicht sein. Ein Discountriese, der so lange maximale Gewinne zu scheffeln trachtete, bis das Unternehmen in die Binsen ging, muss Platz machen für ein Geschäftsmodell, bei dem Rendite kaum eine Rolle spielt, statt dessen Arbeitsplätze und Nahversorgung, kurz: der »Förderzweck« für die Mitglieder. Es ist die Kernidee der Genossenschaften, seit das Modell vor 150 Jahren in Deutschland von Männern wie Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch erfunden wurde.

Es gab Zeiten, da galt es als nicht mehr besonders attraktiv: »Man hielt es für altbacken oder ein Relikt des Sozialismus«, sagt Gerald Thalheim, Vorstandssprecher des Mitteldeutschen Genossenschaftsverbands (MGV). Vor zehn Jahren noch seien »pro Jahr 30 Genossenschaften gegründet worden - bundesweit«, ergänzt Eckhard Ott, Vorstandschef des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV). Eine stolze Bilanz sieht anders aus.

Etwa so wie die der vergangenen drei Jahre. In dem Zeitraum wurden in Deutschland gut 700 Genossenschaften eingetragen. Daran hat die Novelle des Genossenschaftsgesetzes von 2006, die etwa die Mindestzahl der Gründungsmitglieder von sieben auf drei herabsetzte, vermutlich den geringsten Anteil. Und auch die Beratung von Unternehmensgründern durch Kammern oder Universitäten, bei der das Modell der Genossenschaft notorisch unterbelichtet ist, hat sich in den zurückliegenden Jahren nur unwesentlich verbessert.

Dass die Genossenschaften in der Bundesrepublik eine Art Boom erleben, ist vielmehr der maroden Lage des Wirtschaftssystems geschuldet. Das ungehemmte Streben nach Rendite ruinierte Banken und ganze Volkswirtschaften - und ist durch und durch diskreditiert. Von einer »Krise des Shareholder Value« spricht Thalheim, und auch Ott beobachtet, dass sich »große Teile der Bevölkerung fragen, ob Renditemaximierung noch als oberstes aller Prinzipien taugt«.

Als alternative Unternehmensform bieten sich Genossenschaften an. Sie seien als »Kinder der Not« nicht zufällig zu Hochzeiten des Manchesterkapitalismus entstanden. Kerngedanke war und bleibe, dass sich Menschen »zu einem gemeinsamen Zweck zusammenschließen«, wie Ott formuliert. Die Rechtsform, in der jedes Mitglied unabhängig vom eingezahlten Kapital je eine Stimme hat, »zwingt zu kooperativem Wirtschaften«, ergänzt Thalheim. Zudem sei sie »auf Dauer angelegt«. Wer eine Genossenschaft verlässt, erhält nur sein eingezahltes Geld zurück, profitiert aber nicht von der möglichen Wertsteigerung des Unternehmens: »Für Kapitalanleger ist das nicht interessant.«

Wohl aber für Menschen, die etwa gemeinsam ihren Strom erzeugen wollen: Zwei Drittel der Neugründungen sind Energiegenossenschaften. Auch Ärzte bilden - wie zuletzt im sächsischen Görlitz - immer öfter Genossenschaften, um gemeinsam Ärztehäuser zu betreiben. Als attraktiv stellt sich die Rechtsform zudem für Bürger heraus, die öffentliche Einrichtungen in Betrieb halten wollen, nachdem sie von klammen Kommunen aufgegeben werden mussten. Freibäder werden ebenso schon als Genossenschaft betrieben wie eine Festhalle in Annaberg-Buchholz, die einst der Stadt gehörte. Kein Wunder, sagt Eckhard Ott vom DGRV: Kernelemente der Genossenschaften seien »Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung«.

Sind es also goldene Zeiten für Genossenschaften, die 2012 von der UNO zudem mit einem Internationalen Jahr geehrt werden? Nicht ganz, sagt Ott. Zwar gibt es in der Bundesrepublik 7500 Genossenschaften mit 21 Millionen Mitgliedern. Bei vielen Unternehmungen sei aber in der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt, dass sie in genossenschaftlicher Form erledigt würden. »Das Modell ist verbreitet, aber nicht entsprechend bekannt«, sagt der DGRV-Chef. Zudem müsse es bei Gründern noch populärer werden.

Hoffnungen setzt Ott etwa auf Schülergenossenschaften als ein »hervorragendes Spielfeld«, um gemeinschaftliches Wirtschaften und demokratisches Miteinander einzuüben. Der beste Werbeträger seien aber funktionierende Genossenschaften - vielleicht sogar in ehemaligen Schlecker-Läden.