Von Robert D.Meyer
09.07.2012

Petrus war ein Antifaschist

In Gera protestierten deutlich mehr Menschen gegen ein NPD-Festival als in den Vorjahren

Mehr als 2000 Menschen haben am Sonnabend in Gera gegen ein Rechtsrock-Festival der NPD protestiert. Zeitgleich versammelten sich knapp 1000 Anhänger der rechtsextremen Szene zu dem Festival »Rock für Deutschland« auf dem Bahnhofsvorplatz der ostthüringischen Stadt.

Was auf den ersten Blick wie eine harmlose Veranstaltung klingt, ist eine der größten rechtsextremen Konzertveranstaltungen in der Bundesrepublik. Zum mittlerweile zehnten Mal fand das von der NPD organisierte »Rock für Deutschland« (RfD) im thüringischen Gera statt, und zum zehnten Mal formierte sich gegen das Ereignis breiter Widerstand. Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Wesentlichen Anteil daran hat die Mordserie der Zwickauer Terrorzelle »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU). Thüringen, das ist auch Dreh- und Angelpunkt einer der größten Geheimdienstskandale seit dem Bestehen der Bundesrepublik, Heimat des durch die Mordserie einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordenen Nazibündnisses »Thüringer Heimatschutz« (THS), in dem auch die drei mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe Mitglieder waren. Die Bevölkerung Geras haben die schockierenden Erkenntnisse der letzten Monate jedenfalls aufgeschreckt. Mehr als 2000 Menschen beteiligten sich an den Gegenprotesten. In den Vorjahren waren die Organisatoren noch froh, wenn es halb so viele Antifaschisten auf die Straße gezogen hat.

Zum ersten Mal beteiligte sich auch die Landesregierung an den Protesten. Früher, so berichten viele Geraer, habe sich Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) überhaupt nicht für den Protest gegen die Neonazis interessiert. Doch eine Mordserie, deren Anfänge auch in Thüringen zu suchen sind, hat das Thema Antifaschismus für die Konservativen interessant werden lassen. Und so ist die Ministerpräsidentin an diesem Sonnabend persönlich nach Gera zu einer Zwischenkundgebung gekommen. Im Schlepptau hat sie das halbe Kabinett, darunter Sozialministerin Heike Taubert (SPD) und Innenminister Jörg Geibert (CDU).

Leicht hat es die Ministerpräsidentin bei den Demonstranten allerdings nicht. Lieberknecht steht auf einer improvisierten Bühne auf dem Puschkinplatz. Vor ihr etwa zweitausend Zuhörer. Doch ihr Auftritt wird von zahlreichen Demonstranten mit Pfiffen, Trillerpfeifen und dem Getöse von Vuvuzelas kritisch kommentiert. Besonders linke Demonstranten fühlen sich »verarscht«, wie etwa ein Demonstrant aus Dresden die Rede Lieberknechts kritisiert. Die Ministerpräsidentin versucht indes, die richtigen Worte zu finden, erwähnt, dass sie sich bereits in der Vergangenheit für ein NPD-Verbot ausgesprochen habe, erklärt, wie wichtig eine »bunte Stadt Gera« doch sei. Sie spricht dabei auch aus der Position einer Politikerin, der ein unliebsames Thema aufgezwungen wurde. Über mögliche Fehler der Landesregierung bei der Aufklärung der NSU-Mordserie spricht sie nicht. Diese kritische Analyse übernimmt ein Sprecher der lokalen Antifa. »Antifaschistisches Engagement ist nicht nur an einem Tag wichtig, sondern das ganze Jahr über«, so ein Vertreter der Aktionsgruppe »Jenaer Undogmatische Radikale Initiative«.

Zumindest an diesem Tag haben sich viele zum Protest versammelt. Trotz immer wieder einsetzender Regenfälle bleiben fast alle zur sich anschließenden Demonstration in Richtung Bahnhofsvorplatz, wo keine hundert Meter von den Nazis entfernt die Abschlusskundgebung stattfindet. Auf dem Platz kämpfen die Rechtsextremen schon seit Stunden mit dem Aufbau ihrer Technik. Der für 12 Uhr angesetzte Auftakt verschiebt sich um eine knappe Stunde. Auch Petrus scheint an diesem Tag ein Antifaschist zu sein. Bis zum Beginn des Nazi-Festivals haben sich gerade einmal einige Hundert Neonazis auf dem umzäunten Gelände eingefunden. Deutlich weniger als in den Vorjahren. Über weite Strecken sind die Rufe der Protestierer und die Trommeln von Aktivisten lauter zu hören als die Beiträge auf dem Festivalgelände. Dort kommt denn auch keine Stimmung auf. Die Eröffnungsrede der lokalen NPD-Größe Patrick Wieschke findet kaum Interesse. Ein Banner auf der Bühne zeigt, wie wenig sich die NPD von den NSU-Morden distanziert. Es wirbt unverhohlen für den »Thüringer Heimatschutz«.

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