Von Hendrik Lasch, Meiningen
12.07.2012

Wie Schlecker, nur besser

In Meiningen könnte aus der Billigdrogerie-Filiale bald ein Bürgerkonsum werden

Die Läden sind dicht, die Kündigungen verschickt, die Kunden enttäuscht: Schlecker ist Geschichte. Oder doch nicht? In Meiningen denken Verkäuferinnen über einen Neustart nach – und zwar mit einem Genossenschaftsladen.
Schlecker
Eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt: Doreen Krieg, Verkäuferin und Betriebsrätin bei der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker, vor ihrer Filiale in Meiningen. Seit Ende Juni ist diese geschlossen. Vielleicht, hofft Krieg, kann sie aber wieder eröffnet werden - als eine Art Bürgerkonsum.

Kaum steht Doreen Krieg neben ihrem alten Laden, wird sie geherzt. Eine blonde Dame mittleren Alters fällt ihr um den Hals. Krieg, das beweist die überschwängliche Geste der Frau, war eine der Verkäuferinnen ihres Vertrauens im Schlecker-Markt, der zwischen den hohen Plattenbauten am Ende einer kleinen Ladenzeile lag. Sie hat regelmäßig dort eingekauft, auch nachdem sie aus dem Viertel am Stadtrand von Meiningen weggezogen ist - »und meine Eltern waren auch Kunden«. Bevor sie weitergeht, drückt sie demonstrativ beide Daumen: »Lasst euch nicht unterkriegen«, sagt sie, »wir brauchen euch.«

Derart ermutigt, lässt sich auch ein trister Anblick besser ertragen. Doreen Kriegs bisherige Arbeitsstelle ist verrammelt. Folien kleben an den Schaufenstern. Wo sie sich gelöst haben, fällt der Blick auf leere Regale. Bis zum 27. Juni war Ausverkauf bei Schlecker, auch in Meiningen. Für nur 20 Cent wurden die Restposten verramscht: »Am Ende war buchstäblich alles raus«, sagt Krieg. Dann hat die Letzte den Laden am Meininger Stadtrand zugesperrt, rund zwölf Jahre nach dessen Eröffnung.

Die Läden von Anton Schlecker waren Drogeriediscounter. Als das Imperium des baden-württembergischen Firmeninhabers nach der im Januar 2012 angemeldeten Insolvenz mit lautem Krachen zusammengefallen war, wurde viel über Ramschangebote, über ein zusammengewürfeltes Sortiment oder unansehnliche Läden ohne jeden Wohlfühlfaktor geschrieben. Auch der Markt in Meiningen war eng. »Manchmal bekam man fast Albträume«, sagt Kathrin Schäfer, die Ex-Filialleiterin. Etwa, wenn sich mittags die Schüler der Schule von nebenan mit Chips und Cola eindeckten: »Wenn die kamen, bebte die Treppe.« Oder wenn die Mitarbeiter des Landratsamtes in ihrer kurzen Pause in den Laden gestürmt kamen - immer in Eile: »Wenn mehr als drei Leute an der Kasse standen, gingen sie weiter.«

Wohlgefühlt haben sich die Kreisangestellten offenbar dennoch - so wie die Rentner und Arbeitslosen aus den Plattenbauten, die Schüler oder die Mitarbeiter der ebenfalls benachbarten Stadtwerke. Ein Grund: Bei Schlecker gab es nicht nur Haarwäsche und Katzenfutter, Süßigkeiten und Getränke, sondern auch nette Worte. Die kamen manchmal auch eher burschikos daher: Der junge Mann etwa, der fast jeden Tag Rasierwasser kaufte, musste sich irgendwann scherzhaft erklären lassen, dass man die stark duftende Flüssigkeit nicht trinkt, sondern sich ins Gesicht spritzt. »Bei uns hatten auch die was zu lachen, die sonst nicht viel zu lachen hatten«, sagt Doreen Krieg. »Wir waren eben eine lustige Truppe.«

Hatten, waren, sind gewesen: Das Kapitel »Schlecker« ist Geschichte. Die Mitarbeiterinnen in Meiningen wurden freigestellt; viele andere der einst 13 200 Beschäftigten sind schon gekündigt. Die Kunden kaufen das Rasierwasser woanders, die Läden - bundesweit war zuletzt von 5000 Filialen die Rede - sind geschlossen. In der Einkaufspassage im Meininger Neubaugebiet bleiben: Sparkasse, Apotheke, Lottoladen. An die blinden Fenster der Drogerie wird man sich, wie an die Rollgitter des vor sechs Jahren geschlossenen Supermarktes, wohl gewöhnen. Schluss, aus, Feierabend. Oder?

Doreen Krieg ist anderer Meinung. »Ich bin ein Typ, der nichts unversucht lassen will«, sagt sie. Das hat sie schon unter Beweis gestellt: Sie gehörte zu den Schlecker-Mitarbeiterinnen, denen es trotz widriger Umstände und vieler Widerstände gelang, bei Schlecker einen Betriebsrat zu gründen. Zuletzt vertrat sie Thüringen im Gesamtbetriebsrat. Sie ist auch eine von denen, die nicht dankbar nicken, wenn Bundesministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Idee in die Luft setzt, die arbeitslosen Schlecker-Verkäuferinnen könnten doch umgeschult werden und künftig in Kitas oder Pflegeheimen arbeiten: »Da fühlt man sich nur veralbert«, sagt Krieg.

Deshalb sitzt die rothaarige 37-Jährige jetzt, anderthalb Wochen nach der Schließung, zusammen mit ihrer Ex-Filialchefin im Rathaus. Mit am Tisch: Meiningens Bürgermeister, eine Gründungsberaterin, ein Berater vom Genossenschaftsverband. Erwogen und von allen Seiten abgeklopft wird eine Idee, die Doreen Krieg elektrisiert, von der Kathrin Schäfer aber etwas mulmig wird: Ihr Laden soll wieder eröffnet werden. Betreiber soll eine Genossenschaft sein, die sie samt einigen Mitstreitern auf die Beine stellen. Es soll, so schwebt es Kathrin Schäfer vor, ein Laden sein »wie Schlecker - nur besser«.

Wichtig wäre das, sagt Fabian Giesder, der seit einer Woche neuer Rathauschef in Meiningen ist. Die Stadt, sagt der SPD-Mann, habe »mit Blick auf die Stadtentwicklung großes Interesse« daran, dass der Markt fortbesteht. In dem Wohngebiet am westlichen Stadtrand sei Schlecker einer der letzten Versorger gewesen. Zwar gibt es am Fuße des Berges, auf dem die Siedlung gebaut wurde, einen Lebensmitteldiscounter und andere Märkte. Es gebe aber auch, fügt er hinzu, »Mobilitätsprobleme« bei vielen älteren Bewohnern: Sie kamen mit Stock, Rollator oder unsicherem Schritt zwar zu Schlecker; der Fußweg ins Tal aber ist ihnen zu steil, und auch die Busfahrt empfinden viele als zu mühselig. Deshalb sei man zu jeder Hilfe bereit, betont Giesder, der auch schon mit dem neuen Landrat, ebenfalls ein SPD-Mann, geredet hat und verspricht, bei Bedarf im SPD-geführten Wirtschaftsministerium Klinken zu putzen. »Wenn wir Wege ebnen können, tun wir das gern«, sagt der Politiker noch, bevor er zum nächsten Termin eilt.

Bevor ein Weg freilich geebnet werden kann, muss klar sein, ob er überhaupt eingeschlagen wird und in welche Richtung er führt. Im Besprechungsraum im zweiten Stock des Rathauses häufen sich die Fragen. Sollen in den Regalen künftig nur Kosmetika und Putzmittel stehen oder auch Lebensmittel, Schreibblöcke und Stifte? Wer könnte die Waren liefern? Und von welchem Geld, vor allem, sollen die Waren, die Verkäuferinnen und die Ladenmiete bezahlt werden? Ein Neuanfang ohne die organisatorische Macht eines Drogeriekonzerns im Rücken kann ziemlich einschüchtern. Im Supermarkt, der neben ihrer Filiale lag, hätten »schon manche ihr Glück versucht und sind gescheitert«, sagt Kathrin Schäfer: »Das Risiko macht mir Angst.«

Brigitte Schramm kennt solche Sorgen. Sie berät beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Thüringen viele Existenzgründer und stellt zunächst klar: »Es gibt keinen Zwang zu gründen.« Allerdings sei es zumindest den Versuch wert, über die Wiedereröffnung des Ladens nachzudenken und ein Konzept aufzuschreiben - und zwar für eine Genossenschaft, bei der Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt und das Risiko im Fall des Scheiterns begrenzt wird. Der Teufel liegt auch hier im Detail: Zu entscheiden ist, ob nur drei Verkäuferinnen die Genossenschaft gründen oder versucht werden soll, viele Nachbarn und Kunden zum Kauf von Anteilen zu bewegen. Zwar hatten, als die Schließung der Schlecker-Läden drohte, die Schüler der benachbarten Schule Unterschriften und sogar Spenden gesammelt. Sie dürfen schließlich in der Pause das Schulgelände nur verlassen, um in den Laden zu gehen. Doch ob sich in dem nicht eben wohlhabenden Viertel genügend Bewohner finden, die Anteile zu 50 oder 100 Euro für die Gründung einer Genossenschaft kaufen, ist nicht sicher. Sie müssten die Leute fragen, überlegt Doreen Krieg, und Flyer in die Briefkästen stecken, vielleicht sogar eine Versammlung organisieren.

Abzuwägen ist auch, ob die Meiningerinnen allein ihr Glück versuchen oder sich mit ehemaligen Schlecker-Frauen in anderen Orten in Thüringen zusammentun. Auf einer Liste, die Doreen Krieg an 60 Ex-Kolleginnen verschickte, bekundeten immerhin 15 ihr Interesse an der Idee; wenn die publik wird, könnten es deutlich mehr sein. Als Einkaufsgenossenschaft könnten die Läden bessere Konditionen bei Lieferanten durchsetzen. Zunächst, raten die Fachleute, müsse aber in jeder Stadt und für jeden Laden einzeln nach einer Lösung gesucht werden.

Beispiele dafür, wie Läden in der Form eines »Bürgerkonsums« zu neuem Leben erweckt wurden, gibt es, sagt Wolfgang Allert vom Mitteldeutschen Genossenschaftsverband. In den sächsischen Städten Bad Schlema und Falkenau bestehen zwei derartige Geschäfte, im Herbst soll in Westsachsen ein dritter eröffnen. Beim Versuch, zumindest einige Schlecker-Filialen in Form von Genossenschaften zu retten, geht es freilich um mehr als die Möglichkeit zum Einkauf: Es wäre ein Zeichen - dafür, dass Selbstverantwortung und Bürgersinn dort erfolgreich zum Tragen kommen, wo maßloses Renditestreben zuvor grandios gescheitert ist. In Meiningen, sagt Allert, geht es auch um ein »Modellprojekt«.

Für Doreen Krieg und Kathrin Schäfer indes geht es zunächst um unzählige praktische Fragen, die sie auch mit der Industrie- und Handelskammer und der Gewerkschaft ver.di besprechen. Gefordert ist, sagt Brigitte Schramm, auch die Landespolitik: Sie müsse das mutige Vorhaben mit Fördergeldern unterstützen und solle etwa Lohnkostenzuschüsse gewähren, »wie sie bei der Ansiedlung eines großen Unternehmens auch gewährt würden«. Bürgermeister Giesder sieht dafür in Thüringen gute Chancen; schließlich ist auch die Idee einer Transfergesellschaft für die Schlecker-Beschäftigten nicht an Thüringen gescheitert. Im benachbarten Sachsen, wo der Genossenschaftsverband gern auch bisherige Schlecker-Filialen weiterführen würde, ist die Skepsis größer. Das FDP-geführte Wirtschaftsressort hat die Transfergesellschaft nicht unterstützt, und Gründer von Genossenschaften werden mit Fördergeldern alles andere als überhäuft, sagt Allert.

Auch wenn die Bedingungen in Thüringen besser zu sein scheinen, ist eines Fakt: Viel Zeit bleibt nicht. Noch werden Doreen Krieg und ihre Kolleginnen vor ihrem alten Laden freudig begrüßt und sogar umarmt. Doch die Zeiten sind schnelllebig; einstige Kunden finden neue Läden. »Spätestens bis zum Winter müssen wir wieder geöffnet haben«, meint Kathrin Schäfer. Sonst bleibt die Ladentür wohl endgültig zu.