Von Anouk Meyer
12.07.2012

Wilde Locken, freier Geist

Die Shakespeare Company präsentiert »Der Sturm« im Natur-Park Schöneberg

Hohe Birken in dichtem Unterholz, den schmalen Weg kreuzen halb zugewachsene Schienen: Kaum hat man den S-Bahnhof Priesterweg verlassen und durch ein Gatter den Natur-Park Schöneberger Südgelände betreten, wähnt man sich mitten in einer Naturoase. Vögel zwitschern, die Luft ist kühler als in der Stadt. Ein optimales Setting für die Freiluft-Inszenierung von Shakespeares »Der Sturm«, einem Stück, das auf einer abgeschiedenen Insel spielt.

Auf dieser Insel herrscht mit Magie und Zauberkräften Herzog Prospero mit seiner Tochter Miranda, einst ein hochgestellter Adliger, den sein machthungriger Bruder Antonio entmachtete und der nun im unfreiwilligen Exil auf Rache sinnt. Die Gelegenheit dazu ergibt sich, als König Alonsos Hofstaat samt Antonio per Schiff die Insel passiert; Prospero lässt den Luftgeist Ariel einen Sturm entfachen, der die Truppe aufs Eiland spült, wo sie ihm hilflos ausgeliefert ist. Doch Miranda vereitelt den schönen Plan, als sie sich in den Sohn des Königs verliebt - und auch sonst läuft einiges schief.

Die Shakespeare Company Berlin hat mit dieser klugen Komödie um Rache, Vergebung und die Macht der Illusion den Kultursommer im Natur-Park Schöneberg eröffnet und zeigt gut gemachtes, solides Sommertheater. Doch leider, es fehlt das gewisse Etwas. Die Inszenierung wirkt wie nach dem Lehrbuch für erfolgreiches Freilufttheater gestrickt: Man nehme eine Shakespeare-Komödie, ergänzt um ein paar Songs und eingestreute aktuelle Pointen (in diesem Fall die berechtigte, aber nicht recht zum Stück passende Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen), lasse die Darsteller jeweils mehrere Rollen spielen - und fertig ist die leichte Sommernachtskost. Das Ergebnis hat dann durchaus Charme, doch haftet den Stücken oft etwas Beliebiges, Biederes an.

Nicht anders ergeht es der »Sturm«-Aufführung im Naturpark, obwohl die Truppe unter der Regie von Sebastian Kautz (auch Bühne und Textfassung) das Publikum durchaus zu amüsieren weiß. Die Bühne ist diesmal vor dem alten Lokschuppen aufgebaut, der einen gewissen Lärmschutz vor den vorbeibrausenden Fernzügen bietet: ein Plus im Vergleich zum letzten Jahr. Während das Bühnenbild denkbar schlicht gehalten ist - ein Gerüst mit einem herabhängenden Tuch reicht als Hintergrund sowie für Auf- und Abgänge - sind die Kostüme von Gabriele Kortmann ein zauberhafter Mix aus Romantik und Gothic: Malerisch zerrissenes Cremeweißbraun für Prospero und seine Tochter, schimmerndes Grau für die Höflinge, punkiges Schwarz mit Spitze und Federn für Luftgeist Ariel und Inselwüstling Caliban. Auf den Köpfen wird’s symbolhaft simpel: je wilder die Locken, desto freier der Geist. Die Höflinge stecken unter Tüchern und Hütchen.

Trotzdem schaffen es die gut aufgelegten sechs Darsteller in Windeseile, Kostüme und Rollen zu wechseln. Nur Paul Weismann als brummig-starrsinniger Inselherrscher Prospero und Yvonne Johna als rebellischer Luftgeist Ariel bleiben ihren Protagonisten verhaftet, ihre vier Kollegen verkörpern je drei Figuren. Katharina Schenk gibt sowohl die naive Miranda als auch die idealistische Hofdame so kindlich und hysterisch-schrill, dass es zuweilen nervt; als Gegenpart agiert skrupellos und arrogant Benjamin Plath als intriganter Antonio. Schlüpfrig-schräg gerät sein Auftritt zusammen mit Markus Achatz: Als Musikerduo verkosten sie erst den geretteten Whiskey, um dann mit »Inselmonster« Caliban (Christian Sprecher) das Eiland zu erkunden. »Komm Bruder, vergreif dich an der Flasche« heißt es zur Pause, und auch sonst wurde der Originaltext um manche mehr oder weniger treffende Sprüche ergänzt. Ein nettes Open-Air-Vergnügen, nicht mehr, nicht weniger.

»Der Sturm« wieder am 14.7., 19 und 21.30 Uhr, 12., 13.7. je 20 Uhr, Natur-Park Schöneberger Südgelände, Prellerweg 35, Schöneberg, Karten unter Tel. (030) 21 75 30 35