Von Silvia Ottow
12.07.2012

Küsse ohne Parteibeschluss

Uta Kolano: »kollektiv d'amour« über Liebe, Sex und Partnerschaft in der DDR

Kurz nach der Wende lasen sich Berichte über das sogenannte Zwischenmenschliche im Osten wie Sportmeldungen: DDR-Frauen kriegen öfter einen Orgasmus, im Osten gab es die meisten Scheidungen, die längsten Penisse, die jüngsten Heiratswilligen, die meisten Nackten am Strand. - Es gab in der DDR aber auch so manches, was es nicht gab oder nicht geben sollte: Pornografie, Prostitution, Homosexualität, Läden für Sexspiel-zeug ... Prostitution war lediglich in den Anfangsjahren der Republik ein Thema, weil man glaubte, in der neuen sozialistischen Gesellschaft werde sich das Problem von selbst erledigen. Als dies nicht eintrat, wurde die Sache unter den Teppich gekehrt. Natürlich gab es Homosexualität, aber in der Öffentlichkeit wurde diese Lebensweise eher verschwiegen, eine Anzeige wie »Frau sucht Freundin« galt als unmoralisch und durfte nicht erscheinen. Die heterosexuelle, standesamtlich beurkundete Familie war als Keimzelle des Sozialismus gewünscht. Allerdings hielten es die Partner im Durchschnitt nur neun Jahre aus, ehe sie geschieden wurden, meist übrigens auf Initiative der Frauen.

Ach, die Frauen in der DDR! Emanzipiert waren sie und zumindest »gleichberechtigter« als heute. Sie machten, wozu sie Lust hatten, so der Sozialwissenschaftler Kurt Starke: »Da hätte kein Parteibeschluss mehr gezogen, da haben sie geküsst und geliebt, wann und wen sie wollten«. Die DDR war ein Frauenland, lautet denn auch die Bilanz der in Erfurt geborene Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Uta Kolano. Ihr Buch sei jedem empfohlen, der meint, es sei in den vergangenen Jahren alles gesagt über Liebeslust und Liebesfrust in der DDR.

Viel ist gesagt worden, ja. Aber für die Ausgewogenheit der Darstellung und die Treffsicherheit der Schlussfolgerungen, mit der Kolano aufwartet, hat es anscheinend Zeit für Rückbesinnung, gründliche Recherche und interessante Interviews mit »DDR-Sexperten« wie Hans-Joachim Maaz oder Jutta Resch-Treuwerth gebraucht. Die Akt-Fotos des grandiosen Fotografen-Beobachters Günter Rössler passen dazu wie bestellt. Das letzte Wort darüber, wie die Ostdeutschen liebten, ist aber bestimmt noch nicht gesprochen.

Uta Kolano: kollektiv d'amour. Liebe, Sex und Partnerschaft in der DDR. Jaron Verlag. 256 S., brosch., 12,95 €.

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