Von Karin Leukefeld, Damaskus
14.07.2012

Die Toten von Treimsa

Syriens Öffentlichkeit fragt sich, wer hinter den Massenhinrichtungen steckt

In Hama war gerade etwas Ruhe eingekehrt. Das Massaker hat die Bemühungen darum zunichte gemacht.

»Damit haben wir doch gerechnet. Jedes Mal, wenn im UN-Sicherheitsrat eine Resolution zu Syrien diskutiert wird, müssen wir hier dafür bezahlen.« Der Mann, der nicht möchte, dass sein Name in der Zeitung steht, blickt mit starren Augen auf den Fernseher, wo auf fast allen Kanälen seit Stunden über »ein neues Massaker durch syrische Regierungstruppen« berichtet wird.

Die ersten Meldungen kamen am Donnerstagabend als »Schlagzeile« auf dem katarischen Sender Al Dschasira. Die syrische Armee habe in dem Dorf Treimsa (Provinz Hama) ein Massaker angerichtet, der UN-Sicherheitsrat müsse eine Resolution nach Kapitel VII der UN-Charta beschließen und militärisch eingreifen. Quelle der Meldungen war die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Unter Berufung auf einen »Revolutionären Rat von Hama« gab sie an, dass regierungsnahe Milizen in dem Ort Gräueltaten verübt und »eine Person nach der anderen« getötet hätten. Zuvor habe die syrische Armee den Ort umstellt und angegriffen.

»Mehr als 220 Menschen« seien in Treimsa getötet worden. Sie seien »von Panzern, aus Hubschraubern und von Artillerie« beschossen worden, es habe auch Massenhinrichtungen gegeben.

Im syrischen Fernsehen sagte Arif al-Khalid, ein telefonisch zugeschalteter Augenzeuge aus Treimsa, dass bewaffnete Kämpfer den Ort überfallen und darin wild gewütet hätten. Häuser seien angezündet und in die Luft gesprengt worden. Mehr als 50 Personen seien ermordet worden. Weiter hieß es, die Dorfbewohner hätten die Armee angerufen, die um 3 Uhr am Donnerstag das Dorf umstellt habe. Der Angriff habe um 6 Uhr begonnen, mehr als 150 Kämpfer seien getötet worden. Bei den festgenommenen Kämpfern habe man in Israel hergestellte Maschinengewehre gefunden.

In der libanesischen Onlinezeitung »Al Akhbar« wurde derweil eine weitere Version verbreitet. Danach seien vor allem bewaffnete Kämpfer der »Freien Syrischen Armee« in dem Dorf getötet worden, nachdem sie einen Militärkonvoi angegriffen hätten. Nicht mehr als sieben Zivilisten seien ums Leben gekommen, zitiert die Zeitung einen Mann namens Jaafar, der sich als Aktivist des Shaam-Nachrichten-Netzwerks ausgab. Dabei handelt es sich um eine mit US-Know-How und -Technologie aufgebaute Art Nachrichtenagentur der Aufständischen.

Der Leiter der UN-Beobachtermission in Syrien (UNSMIS), General Robert Mood, sagte bei einer Pressekonferenz am Freitagmorgen, das Beobachterteam in Hama habe anhaltende Kämpfe in der Umgebung von Treimsa bestätigt. Man habe aus einer Entfernung von fünf bis sechs Kilometern vom Kampfgeschehen feststellen können, dass »Panzer, Artillerie und Hubschrauber« im Einsatz gewesen seien. Sobald es einen zuverlässigen Waffenstillstand gebe, würden UN-Beobachter den Ort aufsuchen und versuchen, die Fakten zu verifizieren. Journalisten, für die es in den Kampfgebieten gefährlich ist zu berichten, können sich den UN-Beobachtern anschließen.

In den vergangenen Wochen war es dem neu ernannten Staatsminister für nationale Versöhnung, Ali Haidar, nach intensiven Gesprächen gelungen, dass etwas mehr Ruhe in die Provinz und die Stadt Hama eingekehrte. Haidar, der selber viele Jahre inhaftiert war, führt Gespräche mit allen Akteuren des Konflikts, auch mit den bewaffneten Aufständischen. Besonders in ländlichen Gebieten werden auch Geistliche und Stammesführer in Versöhnungsgespräche einbezogen. Die syrische Regierung versucht, Ort für Ort in die Gespräche einzubeziehen, um Gewaltorgien und Kämpfe zu stoppen und zu einem umfassenderen Dialog und zu Verhandlungen zu kommen.

Das Bemühen wird von politischen Beamten der UNSMIS unterstützt. General Mood gab am Freitag bekannt, dass es einem seiner Teams gelungen sei, zwischen verschiedenen Parteien in der ostsyrischen Provinz Deir Ezzor einen lokalen Dialog zu vermitteln. Man versuche, Vertrauen aufzubauen.

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