Von Oliver Eberhardt, Kairo
14.07.2012

»Wir Ägypter haben gelernt, wie man seine Meinung sagt«

Angesichts einer sich zuspitzenden Krise drängt die Zeit: Einen Machtkampf kann sich das Land eigentlich nicht leisten

In Ägypten bahnt sich eine soziale Krise an, während der Machtkampf um die Zukunft des Parlaments andauert. Präsident Mursi versucht gegenzusteuern, indem er die Nähe zum Westen sucht.

Als sich der Kofferraum öffnet, taucht wie aus dem Nichts eine Hand auf. »Sie - Hilfe?«, fragt eine Stimme, »Bitte ...« In der Ferne strahlen die Pyramiden von Gizeh gleißend in der Sommersonne. Im Schatten der Kofferraumklappe greift der Helfer, ein junger Mann von vielleicht 15, 16 Jahren, nach Metallkoffern mit Kameras und Kabeln unseres Filmteams.

»Wir Ägypter sind ein stolzes Volk«, sagt Tarek Shawki, der Übersetzer, »Die Armen halten lieber Türen auf oder schleppen Koffer, als dass sie die Leute anbetteln.« Und so hat sich ein Heer aus Helfern, Jung und Alt, gebildet, die sich überall dort versammeln, wo Ausländer und finanziell besser gestellte Einheimische anzutreffen sind, stets in der Hoffnung auf ein paar ägyptische Pfund oder besser Euro, Dollar, Jordanische Dinar, »irgendwas Stabiles«, erläutert Tarek. In diesen Tagen drängt sich der Eindruck auf, dass das Heer der Helfer größer geworden ist.

»Ihr Eindruck ist richtig«, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Samir Hassan, während er in seinem Kairoer Büro mit ernstem Blick in einer Tasse Tee rührt. Dann referiert er Zahlen, die in Worte übersetzt so klingen: Die Arbeitslosigkeit steigt und die Preise steigen, was wiederum bedeutet, dass die, die Arbeit haben, ärmer geworden sind, denn die Löhne sind bestenfalls gleich geblieben. Außerdem sinken die Währungsreserven stetig. »Wenn es so weiter geht, werden wir in einigen Monaten unsere Importe nicht mehr bezahlen können.« Und das in einem Land, in dem schon vor der Revolution rund die Hälfte der Bevölkerung von umgerechnet um die eineinhalb Euro pro Kopf und Tag gelebt hat. Heute benötigen diese Menschen in ägyptischen Pfund, nach damaligem Kurs berechnet, zweieinhalb Euro am Tag. Wer allerdings eineinhalb Euro nach Tageskurs umtauscht, kann davon weiterhin leben. »Das ist eine wirklich bedrohliche Situation«, sagt Hassan. »Irgendjemand muss endlich damit anfangen, Politik zu machen. Wir können uns diesen Machtkampf nicht leisten.«

Doch im Moment sind die politischen Verhältnisse nach wie vor unklar: Der Status des Parlaments bleibt ungeklärt, bis ein Revisionsgericht entschieden hat. Und ebenso unklar ist, wer derzeit politische Entscheidungen treffen darf: der Militärrat, der nach der Absetzung Husni Mubaraks die Zügel übernommen hat? Oder der gerade erst vereidigte Präsident Mohammed Mursi?

Das Ergebnis ist Unsicherheit, die einen erheblichen Anteil an der werdenden Krise hat: Ausländische Investoren halten sich zurück, der Tourismus ist eingebrochen und der Internationale Währungsfonds hat die Zusage über einen Kredit in Höhe von rund drei Milliarden Euro auf Eis gelegt.

Deshalb tut Mursi, der Präsident, zurzeit vor allem eines. »Vertrauen suchen«, beschreibt man in seinem Stab die momentane Strategie: Er versucht, das Vertrauen des Militärrats zu finden, das Vertrauen jener Teile der Bevölkerung, die sich nach der alten Ordnung zurücksehnen, das Vertrauen des Westens.

Bereits kurz nach seiner Wahl trat er aus der Muslimbruderschaft aus, »um zu zeigen, dass er Präsident aller Ägypter ist«, sagt ein Berater. Und immer wieder lässt er sich auf Veranstaltungen des Militärs sehen, zuletzt Anfang der Woche an der Seite Mohammed Tantawis, des Chefs des Militärrats. Der wiederum duldete zur allgemeinen Überraschung, dass ein Großteil des Parlaments zu einer Kurzsitzung zusammentrat.

Unterstützung bekommt Mursi dabei aus dem Ausland: Anfang der Woche überbrachte Bundesaußenminister Guido Westerwelle eine Einladung zum Antrittsbesuch in Berlin; zuvor hatte ihn bereits USA-Präsident Barack Obama ins Weiße Haus eingeladen.

Die Zeit drängt, sagt der Übersetzer Tarek. Die sich vor den Hotels in der Hoffnung auf fünf Euro für heute und morgen drängen, könnten übermorgen schon auf dem Kairoer Tahrir-Platz stehen: »Wir haben gelernt, wie man seine Meinung sagt.«