Gert Lange
14.07.2012

Mit Abdallah durch die Jahrhunderte von Mahdia

Die Tunesier sind freundliche, aufmerksame Gastgeber, und wenn man Glück hat, findet man seinen Reiseführer im Café

Tunesien
Vom Stadtmuseum aus hat man die beste Fotosicht auf Mahdia

Von Gert Lange

Längst haben die alten Wehranlagen von Mahdia nichts Furchterregendes mehr an sich. Dass aber hinter den Zinnen des gewaltigen Stadttores Skiffa El Kahla, was so viel wie »Dunkler Vorraum« heißt, keine rostigen Kanonen zu sehen sind, sondern ein steil aufgerichtetes Ofenrohr, das in einem mit Sand gefüllten Eimer steckt, ist doch etwas verwunderlich. »Damit schießen wir zur Zeit des Ramadan jeden Abend ein Signal«, sagt Abdallah Esrin. »Wenn der Fastentag zu Ende ist.« Seine Hand fegt über die Stadtsilhouette. »Wumms! Von da an darf gegessen und gefeiert werden.«

Wir schauen über die weißen Häuser der Medina, die sich wie ein Tintenfisch ins Meer hinaus schiebt: Vorn der bauchige Kopf mit dem blinden Auge des Borj El Kebir, einer über allem drohenden Türkenfestung aus dem 17. Jahrhundert, hinter uns die weit ausgreifenden Tentakel der neuzeitlichen Zivilisation. Der nördliche Arm trägt die »Touristenzone«, der südliche die Hafenanlagen - Mahdia hat die größte Fischereiflotte Tunesiens.

Inmitten des Häusermeeres das Minarett der Mustapha-Hamza-Moschee und daneben eine grüne Oase, den kleinen Place du Caire. Dort lernte ich Abdallah kennen. Beim Versuch, eine Wasserpfeife zu rauchen. Was gar kein leichtes Unterfangen ist. Irgendwann erlischt dem Ungeübten die Glut. Ein Mann vom Nebentisch erhebt sich und schafft neue feurige Holzkohle herbei: Abdallah. Die Tunesier sind aufmerksame, hilfsbereite Leute. Sie sitzen in ihrer freien Zeit gern Karten spielend an Tischen, schwatzen und verfolgen das Treiben der wenigen Touristen, die hierherkommen. Ein Platz der Einkehr und der Ruhe - wo in den quirligen Städten des Maghreb findet man das noch? Was den Place du Caire zu einem Juwel macht, sind vier mächtige Ficusbäume. Die dicken, silbergrauen Stämme tragen ein so dichtes Blattwerk, dass es - akkurat beschnitten - die Cafétische mit einem hohen Laubfließ überdeckt und angenehm beschattet.

Abdallah spricht perfekt deutsch. Nicht wenige Tunesier haben zeitweise in Deutschland gearbeitet, auf dem Bau, in der Gastronomie oder als Praktikant, Abdallah in einem Forschungsinstitut. Er ist Wasserbauingenieur, aber weil er nur von Projekt zu Projekt Arbeit findet, kann er seiner Passion frönen: Er weiß alles über Mahdia und seine Bewohner bis in entfernte Verwandtschaftsverhältnisse.

»Kein Ort in Tunesien, mit Ausnahme Karthagos, aber das war früher, hatte solchen Einfluss auf die Entwicklung des Maghreb«, sagt Abdallah Esrin. Die Skiffa El Kahla steht an der Grenze zwischen Alt und Neu. Einst der einzige Zugang zur Stadt, die zu Zeiten ihrer größten Macht eine zehn Meter dicke Mauer umgab, auch zur Seeseite. Um die gesamte Halbinsel zog sich ein kolossaler Verteidigungsring. Heute kann man im Sand des südlichen Ufers noch einige Reste dieses Bollwerks sehen. Mahdia war im 10. Jahrhundert die Hauptstadt einer der mächtigsten Dynastien im Mittelmeerraum, der Fatimiden. Als sich Kalif Obeid Allah von Kairouan abwandte - heute noch eine wichtige Pilgerstätte der Muslime -, und im Jahre 912 sein Machtzentrum an die Küste verlegte, erstreckte sich das Fatimidenreich etwa von der Mitte Marokkos im Westen bis Tripolis im Osten und nahm auch Sizilien ein. Obeid Allah nannte sich El Mahdi, der »von Gott Geleitete«, daher der Stadtname. Ein Jahrhundert später gründeten die Fatimiden Kairo.

Die Skiffa El Kahla ist das beeindruckendste Zeugnis aus dieser frühen Epoche. Während die Neugier selten Urlauber zu den Mauerbrocken am Südstrand führt oder zum Leuchtturm auf der Inselspitze, durch diese martialische Höhle gehen sie alle. Eigentlich sind es vier hintereinander gebaute Wehrtore, so dass der Besucher wie durch einen Katakombentunnel in die Altstadt gelangt.

Einmal, Mitte des vorigen Jahrhunderts, geriet Mahdia in die Schlagzeilen der Weltpresse. Etwa fünf Kilometer vor dem alten, fatimidischen Hafen hatten Schwammtaucher ein Schiffswrack entdeckt, das nach französischen Untersuchungen in die Zeit um 100 v. Chr. datiert wurde. Ein Bergungstrupp brachte Bronzestatuen von bezaubernder Schönheit zutage: einen geflügelten Eros, Hermaphroditen als Lichtträger, eine reizende Ariadne, Theatermasken. Nach neuerer Interpretation galten solche Kunstwerke als normale Handelsware. Sie stammten aus Athen. Der »Schiffsfund von Mahdia« hat die Chronologie des späten Hellenismus korrigiert.

Im Stadtmuseum, dem ehemaligen Rathaus während des französischen Protektorats, das sich neben der Skiffa befindet, hoffe ich, Teile dieses spektakulären Fundes zu sehen, aber es sind nur einige aufschlussreiche Gebrauchsgegenstände ausgestellt. Die wertvolleren Stücke wurden ins Musée du Bardo nach Tunis gebracht. Der Besuch des Stadtmuseums empfiehlt sich auch deshalb, weil er den einzigen Aufstieg zur Brüstung der Skiffa ermöglicht. Von dieser Plattform aus hat man einen weiten Blick über die Altstadt, den Hafen, die gesamte Bucht bis hinüber zur Küstenstadt Békalta. Man schaut in die lebhafte Rue Obeid Allah mit ihren Boutiquen, Frisierläden, Teppichhäusern - der beste Standort zum Fotografieren.

Bei meinem ersten Besuch lief man zwischen den Geschäften noch über bloßen Dreck; der Grund war die Erneuerung des Kabelnetzes. Jetzt sind die Wege mit hellem Tuff gepflastert. Die Verwaltung bemüht sich mit dem wenigen Geld, das eine Gemeinde von knapp 40 000 Einwohnern aufbringen kann, um ein attraktives Stadtbild. Aber es gibt keine städtischen Angestellten im Tourismusbereich. Die Sehenswürdigkeiten zu vermarkten, obliegt allein privaten Vereinen.

So wird ein Informationsbüro vom »Syndicat d'initiatives touristiques« betrieben. Es ist in einem »Heiligen Grab« untergebracht, einem quaderähnlichen, flachen Gebäude mit weißem Kuppeldach, wie man sie überall in Tunesien sieht. Jedes alte Haus mit Kuppel war oder ist ein Heiliges Grab. Solche Würdigung wurde einst weisen oder besonders frommen Männern zuteil. Die »Koubbas« genannten Weihestätten seien häufig Ziel von Pilgerfahrten oder Festen gewesen, erklärt Abdallah. Der orthodoxe Islam mochte sie nicht, aber im Volksglauben war die Verehrung profaner Heiliger stark verwurzelt. Mahdia hat 18 Koubbas. Viele werden nicht mehr unterhalten, oder die Kommune hat sie »Assoziationen« überlassen. Wir betreten die Koubba Sidi d'hahhar an der nördlichen Uferstraße. Hier hat der Verein zur Erhaltung der Medina sein Domizil. Es riecht nach Weihrauch. An den Wänden vergilbte Stadtansichten. In der Mitte ein Versammlungstisch. Das eigentliche Grab ist hinter einem Tüllvorhang verborgen. In einer anderen Koubba residiert der Rentnerverein, in wieder einer anderen eine soziale Stiftung.

Bei unserem Bummel durch helle Häuserzeilen, aus deren Türen das Klickklack der Handwebstühle ertönt, kommen wir an einem ruinösen Bauklotz vorbei, der einstigen Synagoge. In dieser Gasse haben einst mehr als 200 jüdische Familien in vertrauter Nachbarschaft mit Muslimen gelebt. Doch 1967 mit Beginn des Sinai-Krieges Israels gegen Ägypten kam es zu Feindseligkeiten. Jetzt wohnen nur noch drei jüdische Clans in Mahdia. Abdallah kann sich fürchterlich über die Aggressionen unvernünftiger Politiker erregen. Dann bleibt er stehen, in überstürzten Worten entlädt sich seine Wut. Er nimmt die eigene Regierung nicht aus. »Tunesien hat so viele Polizisten wie Frankreich, stellen Sie sich das mal vor!« Und der »arabische Frühling?«, will ich wissen. »Man muss sehen«, sagt er, »eine Revolution erreicht wohl nie das, was sie sich vorgenommen hat.«

Im heftigen Disput über Religionskämpfe und Selbstmordattentate sagt Abdallah: »Im Koran steht geschrieben, Mohamed sagt: Wer einen Menschen tötet, tötet alle Menschen. Wer ein Leben rettet, rettet alle Menschen.« Wir gelangen zur Großen Moschee. Sie ist ein Glücksfall für die Stadt. Ein jugoslawischer Archäologe hatte sie Anfang der sechziger Jahre nach Ausgrabungen und Originalplänen aus dem 10. Jahrhundert rekonstruiert. Sie ist wahrscheinlich weltweit die erste und in Tunesien die einzige Moschee mit einem voluminösen Eingangstor. Und die einzige, die oberirdische Zisternen hat.

Dann sitzen wir in einem Bistro am Meer. Die späte Sonne zaubert ein violettes Licht über den Hafen. In langer Reihe tuckern Fischerboote vorüber. Abdallah liest mir eines seiner Gedichte vor. »Die besten Gedichte, die in Mahdia geschrieben werden«, sagt er selbstbewusst. »Mahdia ist Poesie. - Kommen Sie wieder?« Ganz gewiss.

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