17.07.2012

Chaos, und dann?

Musiktheater I: Festival »Infektion« - John Cage und Wolfgang Rihm (»Dionysos«) im Schillertheater Berlin

Lebte der eine noch, der andere hätte ihm grob-herzlich die Hände geschüttelt, ob der großen Initiative, die Kräfte des Zufalls der globalen Szene dienstbar gemacht zu haben. Cage und der Zufall - dies Verhältnis hat wahrhaft die gesamte musikalische Welt verändert. Und nicht nur diese, das gesamte künstlerische Kommunikationsgefüge geriet - zumindest konzeptionell - aus den Fugen.

Man stelle sich etwa den banalen Zufall vor: Wolfgang Rihm, groß, dick, Herrschertyp, und John Cage, klein, schmal, keineswegs unterwürfig, begegneten einander vor dem Berliner Schillertheater am Reuterplatz. Was schlüge dem Betrachter entgegen? Heftige Umarmung, symbolischer Händedruck. Beide feixen, wedelnd ihre lockeren Hemden, sie schwitzen. Ringsum internationales Theatervolk. Junge, Alte. Beide Freigeister in bester Laune. Sie werden gespielt bzw. Ideen von ihnen werden frei hervorgebracht.

Cage-Werke (der Name »Werk« täuscht natürlich) in und vor der Schillertheater-»Werkstatt« und Rihm im großen Haus.

Rihm blickt sich um und staunt. Was sieht er? Auf ziemlich verkommenem Podium hockt jemand im Frack, im Schneidersitz, seine Finger tippeln hin, tippeln her, spreizen sich auf den imaginären Tasten eines winzigen Spielzeugklaviers, rot lackiert. Man hört nichts. Wie auch. Und dass man nichts hört, genau das sieht Rihm. Das sehen die Vielen. Cage freut sich (wir imaginieren noch immer) königlich. Denn sein historisches »4’ 33 - tacet« geht gerade ab. Die Leute rings hören zwar nichts, dafür schwitzen sie um so mehr, fächeln sich mit den schäbigen Zetteln, die sie für die Show des Abends ausgehändigt bekamen.

Nach Ablauf der präzisen Zeit applaudieren die meisten. »4’ 33 - tacet« ist dreisätzig, hat Noten, Spielanweisungen, und da das alles nicht nötig ist, dürfte es zu den freiesten Stücken der Moderne zählen. Im Raum der »Werkstatt« dann Cages »Europera 3 & 4«, Klangkonjunkturwunder, Chaostürmung, Freistilbecken für Opernstimmen aller Fächer und Charaktere, für 2 Pianisten und etliche Plattenspieler aus der Mottenkiste. Es geht alles durcheinander, aber ganz unheiter. Erste Stimmen des Staatsopernensembles geben sich die Ehre. Die tippen ihre Arien nur an, mal singen sie eine Phrase. Ein schlanker, lederner Bariton singt heldisch so was wie ein Schubertlied.

Ständiger Platzwechsel. Auch die Leute, faul gemacht, träge, schläfrig, können nach Belieben hin und her wandeln. Ins Auge springen Bildschirme, sie beziffern die ablaufende Zeit. Bassist X liegt auf bezifferter Holzfläche (überall im Raum numerierte kleine Podien) und döst, bevor er glaubt, wieder ran zu müssen. Auf der Empore ein gewaltiges Elektroniksystem. Es beschallt das waltende Chaos alle zehn Minuten mit dem elektronisierten Krach vorbeirauschender Güterzüge.

Die sechs Plattenabspielerinnen, im Raum verteilt, mit stapelweise Venylkassetten neben sich steigern das Tohuwabohu durch beliebiges Abspiel von Arien, Duetten, Chören aus »Tiefland«, »Tell«, »Romeo und Julia«, »Freischütz«, »Falstaff«, »Rigoletto« etc. Sie arbeiten ganze Listen von Operntiteln ab, legen auf, wohin die Hand gerade führt, stoisch, blöd. Fast unglücklich ihre Lage, wie die der anderen auch.

Plötzlich jähe Injektionen von Neonlicht. Das erhellt den Laden ungemein und sticht so sehr in die Augen, dass einem das Hören vergeht. »Lache Bajazzo« quält der Tenor aus sich heraus, aber kein Lachen. Witz? Absichten hat Cage nicht. Klänge sind sein Arbeitsmaterial, keine Inhalte.

Nun, nach diesem »Europera«, so chaotisch, so katastrophal aufgeführt, wie die Politik um das wirkliche Europa sich aufführt, fiel die Rihm-Aufführung von »Dionysos« im großen Haus freilich ab. »Dionysos«, zweiteilig, farbenprächtig inszeniert von Pierre Audi, ist das Gegenteil von »Europera«. Fein gebaut, stilistisch zwischen Wagner und Rihms Handschrift selbst liegend, gemixt mit Walzer, Swing, Fox. Alle haben ihre Rolle. Es gibt einen N., einen Gast (eine Art Mephisto), eine Ariadne, Nymphen, Nutten. Hübsch bunt und rund das Bühnenbild (Jonathan Meese). Kein Chaos, nichts Ohrenbetäubendes.

Metallschwer die geistige Ladung der Oper, infantil oft der von Rihm selbst geschriebene Text. Erregung vor allem, wenn die Damenwelt im zweiten Teil (dem ungleich interessanteren von beiden) um den Meister herum tänzelt und dann Jazzklänge aufleuchten wie fremde Sternenbündel. N. (Georg Nigl) ist der heilige Mittelpunkt, das Zentrum der wankenden Gedankenflut, Mann, dem das Leben so sehr schmeckt, wie es ihm ewig unbekömmlich scheint, N., moderne Nietzsche-Figur, dauernd mit sich und der Welt im Zwist, der Liebe nicht ganz abhold. Doch gehst du zum Weibe, vergiss die Peitsche nicht. Da peitscht dann - wie originell - in zentraler Szene die Rute tatsächlich.

Abstrakt erscheint dieser Bühnen-Intellektuelle, mutmaßlich nach dem Bilde des Komponisten geformt. Allein, der erste Teil dieser Formung - durch ewig sich wiederholende Topoi - geriet ziemlich langweilig. Leute gingen in der Pause. Ingo Metzmacher dirigierte die Staatskapelle glanzvoll über alle Klippen und Sorglosigkeiten der Partitur hinweg. Die Chöre, sämtliche Solisten, voran die hohen Soprane, unter ihnen Mojca Erdmann als Ariadne, sangen vorbildlich.