Von Ingolf Bossenz
18.07.2012

Weltball auf schwarzem Schotter

Christian Stückl inszenierte am Oberammergauer Passionstheater Shakespeares »Antonius und Cleopatra«

Octavian löst sich aus dem Kunstnebel wie Clint Eastwood aus dem Pulverqualm beim Showdown in »Für eine Handvoll Dollar«. Gerade hat der römische Triumvir seinen Machtkonkurrenten Antonius in der Seeschlacht von Actium besiegt und sich damit endgültig die Hegemonie über das Reich gesichert. Das Reich ist die 70 Meter breite Bühne des Oberammergauer Passionstheaters, und dessen Herr heißt Christian Stückl.

Christian Stückl ist Intendant des Münchner Volkstheaters und international renommierter Regisseur, der unter anderem die aktuelle Aufführung von Hofmannsthals »Jedermann« bei den Salzburger Festspielen inszeniert hat. Vor allem aber ist der 50-Jährige ein Oberammergauer - von Geburt und aus Passion. Passion, die er mit Profession paaren konnte, als er 1987 zum Spielleiter der berühmten, seit dem 17. Jahrhundert alle zehn Jahre veranstalteten Passionsspiele in dem oberbayerischen Dorf gewählt wurde.

Dreimal bereits - 1990, 2000, 2010 - verhalf Stückl dem »Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus« gemeinsam mit Tausenden Oberammergauern zu bravourösem Erfolg, und in den Zwischenjahren reüssierte er mit anderen biblisch inspirierten Stücken wie »Jeremias« von Stefan Zweig oder »Joseph und seine Brüder« nach Thomas Mann.

Von der Heiligen Schrift nun also zum Mann, dem nichts heilig war: William Shakespeare. Mit der Entscheidung, für das diesjährige Oberammergauer Sommertheater die Tragödie »Antonius und Cleopatra« zu wählen, zeigte sich Stückl in puncto Spiel auf Risiko dem römisch-ägyptischen Paar durchaus ebenbürtig. Denn Shakespeares genialer Mix von erotischer Romanze und politischer Ranküne im ständigen Spannungsfeld zwischen Kammerspiel und Welttheater gilt als extrem schwer zu inszenieren.

Doch das Breitwandformat des Passionstheaters erweist sich für die globale Dimension dieses west-östlichen Trauerspiels wie geschaffen. Die Bühne von Stefan Hageneier (der auch die historisch stilisierten Kostüme schuf), spartanisch fast wie zu Shakespeares Zeiten, bildet die perfekte Kulisse: ein rotes, stufenbewehrtes Halbrund, in dessen Zentrum sich eine schwarze Pyramide erhebt, von deren Sockel schwarzer Schotter ein Gefälle bis zum Boden bildet. Gleichsam ein die Bühne teilendes Gefälle der Macht, auf dem die Protagonisten schon mal ins Rutschen kommen. Rot und Schwarz, Rom und Ägypten, Liebe und Tod.

Dank der Triptychonstruktur des Bühnenhintergrundes kann das dramatische Geschehen separat sich entfalten, zusammenfließen und sich wieder lösen - so, wie es die ständig wechselnden Schauplätze und Ereignisse erfordern. Eine faszinierende choreografische Technik, die dem Split Screen und der Überblendung beim Film gleicht und die Stückl bereits bei der Passion einsetzte.

Zu Oberammergau gehört, dass solch Trend zur Perfektion immer wieder sympathisch gebrochen wird durch Darsteller, die Laien sind - von denen keiner Shakespeare-Bühnengrößen wie John Gielgud, Laurence Olivier oder Gert Voss nachzueifern gedenkt. Und wenn Unterägypten in Oberbayern stattfindet, ist das rollende »R« der Kleopatra zweifellos ein charmanter Ausweis lokalen Kolorits. Doch nicht zuletzt die Tatsache, dass hier rund 300 Laien sich gerade mal sechs Wochen für dieses Drei-Stunden-Stück präparieren konnten, ringt höchste Achtung ab.

Das trifft natürlich zuvörderst auf die Protagonisten dieser Dreiecksgeschichte zu, in deren Zentrum zwar auch eine Frau, aber vor allem die Macht steht: die römischen Teilherrscher Antonius und Octavian sowie die ägyptische Königin Kleopatra. Christian Stückl besetzte die beiden Römer mit den Jesusdarstellern der Passion 2010, Andreas Richter (Antonius) und Frederik Mayet (Octavian). Im Nachhinein erstaunt, dass die doch sehr verschiedenen Darstellertypen gleichermaßen authentisch den Messias aus dem Neuen Testament verkörperten. Was auch zeigt, dass man mit Jesus eine Menge machen kann.

Andreas Richter spielt den Antonius mit einer dominierenden physischen Präsenz, die das ungezügelte, aber geradlinig-schlichte Wesen dieses über Jahrzehnte triumphalen Feldherrn kongenial erfasst. Sein Widerpart Octavian, der spätere Kaiser Augustus, wird von Frederik Mayet als kühler Kalkulator gegeben, der mit intellektuell unterfütterter Brutalität auf der Klaviatur der Macht spielt. Kleopatra, die Dritte im Bunde, ist in der Darstellung von Barbara Dobner ein quirlig-launisches, egozentrisches Wesen, das mit Mann und Macht ein teilweise grausames Spiel treibt und am Ende alles verliert. Letzteres trifft zwar auf den ihr verfallenen Antonius gleichfalls zu. Auch er hatte durch seine Liaison mit der Ägypterin »mit des Weltballs Wucht gespielt«. Doch ist sein Tod per Suizid nicht zugleich - wie bei Kleopatra - der Tod eines einstigen Weltreichs.

Auch wenn am Ende »alle« tot sind, entbehrt das Stück nicht des Komödiantischen. Was zunächst bei Shakespeare selbst begründet ist, der dem Weltspektakel jenes Menschliche, Allzumenschliche beifügte, dank dessen seine Stücke die Jahrhunderte überdauerten und vieles eigentlich besser in unsere als in seine Zeit zu passen scheint. Stückl exponiert solche Partien. Durch die, ja, hemmungslose Spielfreude der Darsteller geraten sie geradezu zu Kabinettstücken innerhalb der großen Dramenhandlung. Herausragend: Christian Bierling als Triumvir Lepidus und Martin Schuster als Eunuch Mardian.

Das Orchester und der in Volksszenen integrierte Chor entsprechen dem Breitwandformat dieses Historienpanoramas: Wer die Kompositionen von Markus Zwink gehört hat, wird den Vergleich Oberammergaus mit Hollywood nicht vermessen finden, eher umgekehrt bisweilen. Leider steht der unüberhörbaren Musik auch in diesem Jahr keine adäquate Textverständlichkeit der Darsteller gegenüber. Bei Akustik und Tontechnik der Zwischenaufführungen besteht offenbar Handlungsbedarf.

Die von den Passionsspielen her legendären Massenszenen werden zwar auf kleinerer Flamme gekocht, dafür aber mit echtem Feuer: Eine Modellschiffflotte kommt mit Knall zu Fall. Am Ende brennt die ganze Bühne (kontrolliert natürlich) lichterloh - Freiluftkonstruktion im Verein mit Freiwilliger Feuerwehr machen's möglich. Für Christian Stückl sicher ein Argument, weiter umgehemmt seinem liebsten Laster zu frönen. Immerhin - bei den zahlreichen »Vorhängen« nach dem letzten Akt sah man den Theatermann in einer ganz, ganz seltenen Situation: ohne Zigarette.

Weitere Aufführungen: 27./28. Juli sowie 3./ 4. und 10./11. August