Von Marina Mai
18.07.2012

Die richtige Form

Das Gedenken an die rassistischen Krawalle in Rostock 1992 sorgt für Zoff

Mehrere Bündnisse bereiten Veranstaltungen zum 20. Jahrestag des rassistischen Pogroms in Rostock-Lichtenhagen vor. Bürger und Stadt bereiten ein umfangreiches Programm vor. Antifaschistische Gruppen aus dem Bundesgebiet fühlen sich mit ihrer Initiative dabei unerwünscht.

Eines der schockierendsten Ereignisse der Nachwendezeit jährt sich am 26. August zum 20. Mal: Das rassistische Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Rechtsextremisten belagerten damals tagelang ein Wohnheim von vietnamesischen Vertragsarbeitern und setzten es schließlich in Brand - unter Beifall der ortsansässigen Bevölkerung und bei weitgehender Untätigkeit der Polizei. Die Vietnamesen, darunter mehrere Babys, sowie ein ZDF-Team wären in dem Haus verbrannt, hätten sie nicht über das Dach ins Nachbarhaus flüchten können. Polizei und Feuerwehr kamen ihnen nicht zu Hilfe.

Jetzt ist ein Konflikt zwischen der Stadt und der Rostocker Bürgerinitiative »Lichtenhagen bewegt sich« auf der einen Seite und linken Gruppen aus dem Bundesgebiet auf der anderen ausgebrochen, wie man den Jahrestag begeht.

»Wir arbeiten seit eineinhalb Jahren an einem Konzept. Und unser Anliegen ist es, die Rostocker Bevölkerung mitzunehmen«, sagt die Integrationsbeauftragte der Stadt, Stephanie Nelles. Bundespräsident Joachim Gauck wird in seiner alten Heimatstadt Rostock auf einer Gedenkveranstaltung reden. Liedermacher Gerhard Schöne will mit Hunderten Rostocker Kindern Kinderlieder aus aller Welt singen. Es sind Podiumsdiskussionen mit betroffenen Vietnamesen geplant, Fotoausstellungen und Filmprogramme. Nelles: »Ich habe erfahren, dass viele Rostocker mit Scham über die damaligen Ereignisse sprechen. Unser Anliegen ist es darum, kulturelle Vielfalt als Bereicherung erlebbar zu machen.« Neben der Stadt unterstützen auch die Bürgerinitiative »Bunt statt braun«, die Linkspartei sowie der vietnamesische Verein »Dien Hong«, der sich nach den rassistischen Ausschreitungen gegründet hatte, das Konzept.

Das bundesweite Bündnis »20 Jahre nach den Pogromen - Das Problem heißt Rassismus« um die VVN-BdA, Jugendorganisationen von SPD und LINKEN sowie verschiedene Antifagruppen plant zudem eine Demonstration am 25. August am Ort des Geschehens. Es rechnet mit mehreren Hundert Teilnehmern. Claudia Münster, Sprecherin des Bündnisses, sagt: »Wir wollen deutlich machen, dass Rassismus immer noch ein aktuelles Problem ist und dass er in der Mitte der Gesellschaft verortet ist.« Schließlich seien es die Nachbarn aus Lichtenhagen gewesen, die Beifall geklatscht hätten, so Münster. Ihr Bündnis will vor Ort auch eine andere Asylpolitik fordern. »Der sogenannte Asylkompromiss von 1993, der das Grundrecht auf Asyl weit aushöhlte, war das Ergebnis des ausländerfeindlichen Pogroms«, sagt Münster. Statt den Opfern zu helfen, hätten die konservativen Innenpolitiker erklärt: Schaut, die Menschen wollen nicht so viele Asylbewerber.

Das Bündnis ist verärgert über die Reaktionen in Rostock auf ihre Initiative. »Vom Vorbereitungskomitee der Stadt wurden wir gebeten, das mit der Demonstration zu überdenken«, sagt Markus Günther, der die Linksjugend Solid im Bündnis vertritt. »Unsere Demo ist nicht gewünscht. Der Aufruf sei zu aggressiv formuliert und nicht geeignet, breite Bevölkerungsschichten anzusprechen«, sagt er. Es habe auch Forderungen gegeben, zumindest nicht vor dem Wohnhaus zu demonstrieren, weil die Bewohner das nicht wünschten. Aus Sicht des Berliner Antifabündnisses »Rassismus tötet«, das ebenfalls zu der Demonstration aufruft, will Rostock mit seinen Veranstaltungen lediglich das negative Image der Stadt aufpolieren. »Hierbei handelt es sich um eine Standortfrage für Touristen.«

Rostocks Integrationsbeauftragte Stephanie Nelles weiß nichts von Forderungen an das Demobündnis. »Natürlich hat jeder das Recht zu demonstrieren«, sagt sie. »Als Stadt haben wir aber natürlich einen anderen Blick als ihn Gruppen haben, die von außen kommen.«

Vietnamesische Vereine unterstützen das Konzept der Bürgerinitiative »Lichtenhagen bewegt sich«. Phuong Kollath war langjährige Vorsitzende des interkulturellen Vereins »Dien Hong«. Sie will den Ansatz der linken Gruppen nicht bewerten. »Das höre ich gerade zum ersten Mal und kenne es nicht.« Von den Veranstaltungen der Stadt fühlt sie sich angesprochen. »Breite Bevölkerungskreise wurden in die Konzeption der Veranstaltung einbezogen.« Sie selbst sei als Gast einer Podiumsveranstaltung angefragt sowie als Zeitzeugin in einem Dokumentarfilm über das Pogrom. »Der Film soll bundesweit in der antirassistischen Arbeit in Berufsschulen eingesetzt werden. Das finde ich wichtig.«