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18.07.2012
Tom auf Tour

Verrückter

In Zeiten, in denen motorisierte Fahrzeuge die Fortbewegung erleichtern, ist es eigentlich schon verrückt genug, mehr als 3000 Kilometer mit dem Rad zurücklegen zu wollen. Die Protagonisten des Tour-de-France-Zirkus' werden an jedem Morgen aber von einem anderen Artisten übertroffen, der noch verrückter ist als sie. Albert Micheletty steigt im Tour-Village regelmäßig mit dem Rad auf die Laterne. In luftiger Höhe von etwa 10 Metern springt er, balanciert auf Sattel und Lenker, flutscht durchs Gestänge und macht Turnübungen am Rahmen. Er bietet eine einmalige Mischung aus Manegenakrobatik und wilder BMX-Szene.

Zu seinen Füßen spielt die französische Variante einer Countryband. Fette Klangfetzen untermalen die Bewegungen hoch über den Köpfen. Bei besonders gefährlichen Kunststücken verstummt aber auch die Musik. Dann beben die Herzen des Publikums vor Aufregung. Und selbst die leckeren Häppchen, die sich ein jeder von den verschiedenen Ständen geholt hat, geraten in Vergessenheit. Manches Himbeertörtchen wird vor Aufregung sogar zerquetscht.

Zu sehr nachahmen sollte man Micheletty, Spross einer Zirkusfamilie und meist im Engagement bei US-amerikanischen Zirkussen, aber auch nicht, verrät er »nd«. »Um solche Dinge zu machen wie ich, musst du schon ziemlich verrückt sein«, gibt er zu. Seine 50 Lebensjahre hat er fast komplett im Zirkus zugebracht und war immer auf der Suche nach Neuem. Für die Tour hat er seine Fahrrad- und Laternennummer bereits 2010 entwickelt.

Mit Blick auf das Hauptereignis meint Micheletty, dass für ihn das kurze konzentrierte Arbeiten in der Höhe angenehmer sei als die lange Quälerei über die Distanz. Jeder setzt eben eigene Prioritäten.

Doping hält er bei seinem Job übrigens für gefährlich. »Du musst jederzeit Herr deiner Sinne sein. Mein einziger Extraantrieb ist meine Verrücktheit«, sagt er - und klettert umgehend auf seine Laterne. Darin findet er zumindest symbolisch einige Nachahmer im Profipeloton. Seit Jahren schon hat sich Andreas Klöden auf eine ganz einsame Plattform der Unberührtheit zurückgezogen. Immer, wenn er deutsche Journalisten entdeckt, setzt bei ihm solch ein Fluchtimpuls ein. Die unaufgearbeitete Dopinggeschichte seines früheren Rennstalls Telekom ist der Anlass. Klöden fürchtet die Fragen, die ihm kaum noch jemand stellen mag.

Dieser Tage folgte ihm Dominik Nerz. Gefragt zur Dopingvergangenheit seines Co-Kapitäns Ivan Basso brach Neuling Nerz das Gespräch mit dem dienstältesten deutschen Radsportjournalisten (30 Tourteilnahmen) ab und nahm Platz auf seiner individuellen Rückzugslaterne. Da sitzt er noch immer. Kunststücke wie Micheletty vollführt er dabei leider nicht.

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