Von Wilfried Neiße
18.07.2012

Die dritte Generation Ost

Initiative von 2500 Menschen der Jahrgänge 1975 bis 1985

Sie sind im Erzgebirge aufgewachsen, in Neustrelitz oder in Berlin. Sie sind zwischen 25 und 35 Jahre alt, ostdeutsch und haben eines gemeinsam: Wenn sie reden, erfährt der Zuhörer nicht mehr, aus welchem Landstrich sie stammen. Sie haben die Dialekte ihrer Heimat abgelegt. Es ist dieses farblose Hochdeutsch, das sie gemeinsam hat, die »dritte Generation Ostdeutschland«.

Unter dieser Bezeichnung hat sich nun eine Initiative gebildet, die auch von der brandenburgischen Landesregierung unterstützt wird. Die dritte Generation Ostdeutschland schuf ein Netzwerk, dem schon rund 2500 Menschen angehören, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren sind. Tatsächlich bemühten sich diese Menschen um ein dialektfreies Reden, wie Initiatorin Adriana Lettrari gestern bestätigte. Sie schilderte bei einer Pressekonferenz in der Potsdamer Staatskanzlei, wie zwei sächsische Mitglieder der Initiative sich die von daheim gewohnten Urlaute unter großen Anstrengungen abtrainierten. Das war für junge Ostdeutsche notwendig, um im vereinten Deutschland halbwegs gleichwertige Chancen zu erhalten.

Die dritte Generation ist optimistisch: Wer Kindheit und Jugend in der DDR verbrachte und dann mit den Wendewirren und den neuen Verhältnissen zurechtkommen musste, der kann sich auf eine wechselvolle Zukunft einstellen. Diese letzte DDR-Generation durchlebte nach 1990 eine »Zeit der Anarchie«, in der Autoritäten nichts galten. Ein Spezifikum der jungen Ostgeneration sei es, so ist zu hören, dass sie ihren Weg finden musste, ohne auf die Ratschläge und Lebenserfahrungen der Eltern und Großeltern bauen zu können. Man erlebte Freiheit und zugleich einen Anpassungsdruck.

Unterstützt auch von der »Stiftung Aufarbeitung« hat die Initiative von Lettrari einen Kleinbus angemietet, mit dem 25 Mitstreiter übers Land gefahren sind, um mit Altersgefährten ins Gespräch zu kommen. Erlebnisse und Erfahrungen sind notiert in dem Buch »Dritte Generation Ost. Wer sind wir? Was wollen wir?«. Der Ch. Links Verlag will das Buch im August herausbringen.

»Wo sind die ostdeutschen Führungskräfte?« fragte Lettari gestern. Zwar habe ihre Generation weniger mit latenter oder sogar offener Stigmatisierung als Ostdeutsche zu kämpfen als die Eltern, aber völlig verschwunden sind solche Tendenzen heute immer noch nicht. Auch wenn sich heute 30-Jährige nicht mehr in die Rolle gedrängt sehen, sich für die DDR-Vergangenheit schämen oder entschuldigen zu sollen.

Es kann allerdings nicht die Rede davon sein, dass die Jahrgänge 1975 bis 1985 ein einheitliches Schicksal haben. Da gibt es junge Akademiker, denen sich nach der Wende großartige Chancen eröffneten. Es sind Menschen, die in fernen Ländern studierten und dort Freunde haben, die sich souverän in Fremdsprachen äußern können und Dinge sahen und erlebten, von denen ihre Eltern nur träumen konnten. Es ist von Symbolkraft, dass diese Generation gestern in Potsdam durchweg von Frauen vertreten wurde.

Da sind aber auch die in der ostdeutschen Provinz hängen gebliebenen jungen Männer, oft arbeitslos und von rechtsextremen Hetzern beeinflusst. Ihr Leben wäre anders und bestimmt besser, wenn es die Wende nicht gegeben hätte. Auch diese Menschen wolle man einbeziehen, wurde bestätigt. Und natürlich sei mehr mit den Eltern zu reden, die über ihre eigene Rolle in der DDR oft schweigen. Beim Erforschen der Denkweisen in der Elterngeneration gehe es nicht um Anklagen, versicherte Marie Landsberg. Man spreche ja mit den eigenen Leuten, mit der eigenen Familie. Die »dritte Generation Ost« bekenne sich zu ihrer Zeit in der DDR.

Nach Ansicht von Staatskanzleichef Albrecht Gerber kann die dritte Generation »vieles auf den Weg bringen«. Sie sei »kompetenter Ansprechpartner bei der Stärkung eines ostdeutschen Selbstbewusstseins«.

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