Suchen auf neues-deutschland.de:

Von Fabian Lambeck
19.07.2012

Fromm geht, der Terror bleibt

Scheidender Verfassungsschutzchef hält islamistische Gewalt für gefährlicher als die von rechts

Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm stellte am Mittwoch letztmalig den Jahresbericht seiner Behörde vor und blieb dabei seinem Credo treu: Neonazis sind schlimm, aber Islamisten sind noch schlimmer.

Der Konferenzsaal der Bundespressekonferenz in Berlin war am Mittwoch gut gefüllt. Kein Wunder, schließlich präsentierten Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm den »Verfassungsschutzbericht 2011«. Das vergangene Jahr war ein schwarzes für den Inlandsgeheimdienst. Im November 2011 wurde bekannt, dass die braune Terrorgruppe NSU jahrelang ungestört in der Bundesrepublik morden konnte, ohne dass der Verfassungsschutz auch nur den Hauch einer Ahnung hatte. Doch wer nun erwartete, dass die beiden Herren auf dem Podium den Terror der Nazis in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellen würden, der sah sich getäuscht.

Der scheidende Verfassungsschutzchef Heinz Fromm bewies eindrucksvoll, warum er seinen Posten zum 1. August räumen muss. Vor der versammelten Presse machte er deutlich, wo die Schwerpunkte seines Dienstes liegen: »Unser Hauptaugenmerk ist nach wie vor auf den islamistischen Terrorismus gerichtet.« Nicht die national befreiten Zonen Ostdeutschlands sind es, die dem Präsident die größte Sorge bereiten. Die größere Gefahr sieht er in den etwa 3600 islamistischen Salafisten sowie Einzelpersonen und Kleinstgruppen. Fromm warnte vor einem »individuellen Dschihad« und verwies auf den Attentäter von Frankfurt am Main. Dieser hatte sich »im Internet radikalisiert« und dann im März des vergangenen Jahres zwei US-Soldaten vor dem Frankfurter Flughafen erschossen.

Während sich der Verfassungsschutz also im letzten Jahr vor allem um die Islamisten kümmerte, stieg die Zahl gewaltbereiter Rechtsradikalen von 9500 auf 9800. Laut VS-Bericht registrierten die Behörden insgesamt 16 142 Delikte mit rechtsextremen Hintergrund. Das waren 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Fromm warnte im Zusammenhang mit der NSU vor möglichen Nachahmungstätern. Im Verfassungsschutzbericht heißt es dazu: »Vor dem Hintergrund einer stark durch Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung geprägten rechtsextremistischen Szene können vergleichbare Radikalisierungsverläufe für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden.« Eine gute Nachricht konnte Fromm dann doch verkünden: Die Fusion der rechtsradikalen Parteien DVU und NPD hat offenbar nicht zu einem Mitgliederzuwachs geführt. Im Gegenteil: Der NPD laufen die Gefolgsleute davon. Dafür sind die »subkulturellen«, also außerparlamentarischen Nazis immer aktiver: So etwa die »Unsterblichen«, deren weiß maskierte Unterstützer nächtliche Fackelmärsche durch ostdeutsche Städte unternehmen.

Schließlich widmete sich Fromm dem Themenbereich »Linksextremismus«. Hier zählte die Behörde insgesamt 4502 Straftaten, von denen sie 1157 Fälle als Gewalttaten einstufte. Die meisten der Vorfälle geschahen jedoch am Rande von Demonstrationen. Etwa am 1. Mai in Berlin, wenn auch viele unpolitische Krawalltouristen zum Pflasterstein greifen und später als »Linksextremisten« gezählt werden.

Friedrich musste sich schließlich fragen lassen, ob denn die im Januar bekannt gewordene Überwachung der 27 Bundestagsabgeordneten der LINKEN weitergeführt werde. Der Minister antwortete darauf so ausweichend, dass man annehmen darf, der Verfassungsschutz hat die »Beobachtung« nicht eingestellt. Das sichert Arbeitsplätze. Hatte doch der »Spiegel« im Januar erfahren, dass beim Bundesamt insgesamt »sieben Mitarbeiter mit der Bearbeitung der Partei DIE LINKE beschäftigt« seien.

Apropos Arbeitsplätze: Die dürften beim Bundesamt vorerst sicher sein. Die nach dem NSU-Debakel von vielen geforderte Abschaffung des Verfassungsschutzes schloss Dienstherr Friedrich kategorisch aus. Eine Reform soll es aber geben. Auch in Form einer Zusammenlegung von einigen der 16 Landesämter. »Ich glaube, auch diese Möglichkeit muss man in Erwägung ziehen«, meinte Friedrich. Kommentar Seite 4

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • NSU und Verfassungsschutz

    Die Aufdeckung der neun Morde und weiteren Straftaten des NSU hat einen politischen Skandal ausgelöst und grobe Unterlassungen und Versäumnisse des Verfassungsschutzes ans Licht gebracht. Hinweise auf Morde und auf weitere Straftaten wurden früh ignoriert, wichtige Akten vernichtet.

6 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar (Login erforderlich)
  • Rotspoon / 19. Jul 2012 10:16

    Das ist wieder einmal ein schönes Foto

    Gibt es aucheine Tonaufnahme? Was sagt IM Hans Peter da gerade?

  • Rene-Tenz / 19. Jul 2012 11:26

    Preisverdacht

    Es ist höchste Zeit für derartige Auftragswerke einen Preis auszuloben.
    Bereich Regierungsamtliche Berichte und Dokumente wie:
    Sozialstatistiken,
    Bericht des Arbeitsamtes ,
    Verfassungsschutzbericht,
    Waffenexportbericht,
    Gesundheitsbericht,
    Bericht zur Gleichstellung der Frauen,
    Bildungsbericht,
    Armutsbericht usw.
    Der Preis sollte dem besonders anmutig an der Wirklichkeit vorbeiformulierten Werk gelten.
    Als Titel empfehle ich : Münchhausen - Preis (MHP) (Abstufungen möglich : Der Goldene Münchhausen usw)
    Es sollte allerdings Sorge getragen werden,dass Wettbewerber durch die zu erwartende Vorrangstellung des Verfassungsschutzberichtes (Gewinn des Goldenen MHP in Serie durchaus möglich) nicht verunsichert werden.
    Verleihungszeremonie Anfrage Bundespräsident

    MfG Rene-Tenz

  • Rotspoon / 19. Jul 2012 11:38

    Und was für eine schöne Überschrift!

    Bleibt derTerror oder die Mär vomTerror?

  • Rotspoon / 19. Jul 2012 14:09

    Ich denke mal, der leicht senil wirkende Fromm

    Ist einem individuellen Dschihad des Innenministeriums zum Opfer gefallen.

    Übrigens: In einer staatlichen BEHÖRDE, also in einem Staat im Staate, kann ein subalterner namentlich ungenannter Beamter einfach so mir nichts hoch brisante Akten schreddern. Wissen DIEDAOBEN eigentlich, welchen Schaden sie damit anrichten? Wie furchtbar sie den Michel enttäuschen?

  • preilboxer / 19. Jul 2012 15:47

    Die Verlogenheit deutscher Politiker und Staatsschützer...,

    wer diesen noch etwas glaubt und an böses denkt irrt aber gewaltig, Zufälle im Ermittlungsmilieu deutscher Nachrichtendienste sind Tagesordnung und Alltag. Rechtslastigkeit von Verfassungsschutz und Nachrichtendiensten haben seit 1945 Tradition und sind der verlängerte Politikarm der [...] , auch über die Stunde null hinaus. Die Gefahren, die daraus für unsere Demokratie entstehen, sind nicht zu verharmlosen. Noch nie in der Nachkriegsgeschichte stand diese Republik so dicht vor dem faschistischen Abgrund wie heute. Es sind nicht die zufälligen Versehen und Versäumnisse von Verfassungsschützern, die das ermöglicht haben, sondern das bewusste Handeln im Auftrage unverantwortlicher Volksvertreter der in den Parlamenten vertretenen Parteien. Stimmungsmache gegen alles nicht Deutsche steht auch bei der schreibenden Zunft sehr hoch im Kurs, weil einfach in der Denkstruktur und verkaufsfördernd. Verfassungsfeinde kommen nicht aus linken Geheimzellen, sonder sitzen fein säuberlich nach Parteien sortiert in unseren Parlamenten, heute und jetzt im Jahre 2012.

    Anm. d. Red.: Kommentar gekürzt, bitte bleiben Sie sachlich. Danke!

  • Rene-Tenz / 22. Jul 2012 22:21

    Re: Und was für eine schöne Überschrift!

    Bleibt der Terror oder die Mär vom Terror?
    Beides,werter Rotspoon,leider!
    MfG Rene-Tenz

Werbung:

Werbung: