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19.07.2012

Alles nette Leute

Stephen Frears über Gentlemen, Geld und Großbritannien

In »Lady Vegas« erzählt der Brite Stephen Frears (»Die Queen«) die weitgehend wahre Geschichte einer naiven, aber patenten jungen Stripperin aus der US-amerikanischen Provinz, deren größter Traum es war, einmal Kellnerin in einer Cocktailbar zu werden. Stattdessen landete sie erst in Las Vegas als Auftragszocker in einem Büro für Sportwetten, dann in der Karibik in ganz großen Schwierigkeiten und schließlich (nach einem Studium in New York) einen echten Hit mit ihren Memoiren. Ein netter, positiv gestimmter Film mit Bruce Willis als gutmütigem Pantoffelhelden und Rebecca Hall in der Rolle der lockenköpfigen Kleinstadtnudel.

nd: Der Film ist unerwartet leicht und locker. Aus einem Stoff über Stripperinnen, Casinos und halblegale Sportwetten hätte sich ja auch ein Film Noir machen lassen ...
Stephen Frears: (grinst) Nun seien Sie doch nicht so konventionell! Das sind eben einfach alles nette Leute - und mir hat gerade das gefallen. Dass die eben nicht in Lederjacken rumlaufen und kettenrauchen. Die reale Beth Raymer ist mindestens so quirlig und albern, wie Rebecca Hall sie spielt, aber eben auch gut mit Zahlen und alles andere als blöd. Sie kam aus einer Arbeiterfamilie, das ist alles. Um an der Columbia University zum Studium zugelassen zu werden, hat sie ihre Liebesbriefe an ihren Freund in New York eingereicht - und wurde angenommen!

Für die Rolle des zweiten, nicht ganz so verantwortungsbewussten Buchmachers im Leben Ihrer Film-Beth war mal Popstar Justin Timberlake im Gespräch. Kaum vorstellbar, nachdem man Vince Vaughn in der Rolle gesehen hat.
Ja, so ist das in Amerika. Mit Justin Timberlake wäre das ein ganz anderer Film geworden, weil die Schauspieler dort so ungeheuer viel Macht haben. Nicht sie passen sich an, sondern der Film entsteht nach ihrem Bild. In Großbritannien haben Filmschauspieler gewisse Umgangsformen, weil viele von ihnen ursprünglich vom Theater kommen. In den USA ist das nicht so. Da sind sie keine Gentlemen - aber dafür mag ich sie.
Als wir vor Jahren »Grifters« besetzten, standen zwei Darstellerinnen für die Rolle der zockenden Mutter zur Auswahl, Anjelica Huston und Sissy Spacek. Da saß ich also mit Martin Scorsese, der den Film produzierte, in diesem abgedunkelten Raum, wo die beiden vorsprachen, und wir sollten uns zwischen diesen verschiedenen Versionen des selben Films entscheiden. Sissy Spacek hätte uns einen tollen Film geliefert, Anjelica Huston hat uns einen tollen Film geliefert.

Ihr Film spielt in Florida, in Las Vegas und New York. Gedreht haben Sie aber so ziemlich alles in New Orleans?
So läuft das heute eben, rein aus finanziellen Gründen. Da gab es öffentliche Gelder - in Deutschland wird ja auch gerne in Köln gedreht, weil dort am meisten Subventionen zu bekommen sind. So funktioniert die Welt nun mal, man arbeitet da, wo es Geld dafür gibt. Unser Budget war ohnehin schon kleiner und kleiner geworden, weil wir mitten in der Finanzkrise des amerikanischen Films gelandet waren. Das private Geld zur Filmfinanzierung kommt heute aus immer merkwürdigeren Quellen, da wollen einem dann auch immer mehr Leute reinreden. In New Orleans gab es Steuererleichterungen - ein bisschen nervig, aber so ist das Leben. Natürlich hatte ich mich schon auf den Dreh in Las Vegas gefreut, als es dann hieß, geht nicht, viel zu teuer. Aber New Orleans ist ja auch eine interessante Stadt. In diesem Job wird man zum Nomaden.

Nach Ihren Filmen über Tony Blair und die Queen haben Sie nicht mehr in Großbritannien gedreht. Liegt das am Geld - oder an der politischen Situation?
Nein, Geld gibt es genug, auch öffentliche Filmfördermittel. In Großbritannien fehlen mir die Stoffe. Aber was Tony Blair angeht, der war ein genauso grauenvoller Premier wie Mrs. Thatcher. Gewählt wurde er, weil er Modernisierung versprochen hatte. Hat er dann modernisiert? Mitnichten. Er hat immer das eine gesagt und das Gegenteil getan. Filmisch ist er schwierig, weil er mittlerweile so einen grauenvollen Ruf hat. Alle betrachten ihn als Lügner, Falschspieler und Betrüger. Was ihn übrigens sehr überrascht hat. Wenn man die Queen in einer Filmszene einfach nur »Guten Morgen« sagen lässt, heißt es sofort: Was für eine weise Frau. Wenn man für Tony Blair eine Szene schreibt, in der er »Hallo« sagt, fragt jeder sich unwillkürlich: Was will der wohl diesmal für sich rausschlagen?

Interview: Caroline M. Buck

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