Von Harald Kretzschmar
19.07.2012

Lebendiges Pompeji

Katastrophen am Vesuv - jetzt in einer beeindruckenden Ausstellung in Halle

In jedem Museum gibt es soliden Alltag. Außergewöhnliche Ereignisse fallen nicht vom Himmel. Sie sind hart erarbeitet. Als Belohnung kann dann ein Besucheransturm winken. Den gibt es zur Zeit im monumentalen Bau des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale.

Zugegeben - das Thema ist populär. Dazu gab es eine beispielhafte Zusammenarbeit mit italienischen Archäologen und Museologen. Diese bescherte dem sonst nur durch die Himmelsscheibe von Nebra prominenten Haus eine kleine Sensation: »Pompeji, Nola, Herculaneum - Katastrophen am Vesuv« nennt sich die Prachtausstellung. Exklusiv für Halle trennten sich über zwei Dutzend Leihgeber von originellen Exponaten.

Italien-Touristen können ein Lied davon singen: Wer in Neapel, auf Capri oder Ischia Urlaub macht, für den ist der Ausflug zum Vesuv und zu den einst von seinem Ausbruch zerstörten Ortschaften obligatorisch. Schaurig schön der letzte Aufstieg vom Bus aus. Oben einerseits der Blick in den drohend grummelnden Krater, andererseits auf die Ebene dahinter. Dort darf anschließend zu ebener Erde abgeschritten werden, was das Zauberwort Pompeji bezeichnet. Holperpflaster. Beiderseits leere Hausruinen. Die Geografie städtischer Besiedlung und katastrophaler Zerstörung erschließt sich. Die kultivierte Lebenswelt einstiger Bewohner weniger. Das leistet diese exemplarisch zu nennende Schau ungleich besser.

Das Beste, was man von ihr sagen kann: Sie ist unkonventionell. Wenn bisher ständig die wenigen Minuten des Vulkanausbruchs 79 n. Chr. beschworen wurden, wird ein Klischee vom augenblicklichen Tod und Verderben erzeugt. Dabei verschwand vieles noch später in Schutt und Schlamm. Und - welches Leben fand da ein Ende? Sexuell recht freizügige Malereien bebildern diverse Nachschlagewerke. Sie legen die Vermutung nahe, hier sei eine moralisch verkommene Gesellschaft untergegangen. Bei differenzierender Betrachtung eröffnen sich völlig neue Erkenntnisse. Erstens vom Zeitablauf her. Bereits um 1900 v. Chr. wurde das nun erst in den letzten Jahren ausgegrabene Dorf Nola von einer Eruption ausgelöscht. 62 n. Chr. war Pompeji erstmalig betroffen. 472, 1631 und 1944 beunruhigte der drohende Berg die Region wiederum. Und diese Gefahr ist heute noch latent und brisant.

Über seinerzeitige Lebensumstände werden vielerlei Aufschlüsse anschaulich gemacht. Eine mit halbfreien Sklaven und Freigelassenen durchmischte Bevölkerung gab ein farbiges Bild ab. Jene von Petronius im Gastmahl des Trimalchio karikierte Schicht der Neureichen gehörte dazu. Die grandiose künstlerische Ausgestaltung vieler prominenter Wohnstätten wurzelte in griechischer Überlieferung. Ein beneidenswert perfektes Design prägte von der Wasserleitung bis zum Interieur jedes Detail. Wohlgefühl in heiler Natur und Harmonie im Wohlstand fand Ausdruck in Kunst. Die reduzierte Farbigkeit der Stilleben und Tierallegorien mutet geradezu modern an. Meisterliche Mosaiktechnik wetteifert mit Bronze, Gold, Keramik. Einige Funde werden in dieser Ausstellung erstmalig gezeigt.

Der Münchner Fotograf und Ausstellungsgestalter Juraj Liptak hat schon die oberste Etage des Hauses rund um die Nebra-Scheibe mit einer Licht- und Rauminstallation fantasievoll inszeniert. Hier übertrifft er sich nun selbst. Die damals weitergemalte Architektur eines Gartenzimmers wird fotografisch reproduziert, aber mit originalen Bildern und Skulpturen ergänzt. Er nutzt alle räumlichen Chancen des Museumsgebäudes bis zum Treppenhaus. 700 Exponate auf 1200 Quadratmetern sind wahrlich keine Kleinigkeit. Nichts wirkt lediglich summarisch aufgereiht. Lediglich das gewiss auch marginale Sujet der Gladiatorenkämpfe wirkt angesetzt. Zum Ausgleich wird es mit einem zeitgenössischen Comic von J. Ehmann als Video ironisiert.

Den Bezug zur Gegenwart stellen große Farbaufnahmen vom Volksleben heute her. Nachdenklich sieht man den Dokfilm der US- Besatzer vom 1944er Vesuv-Ausbruch. Im umfangreichen Begleitmaterial spricht anhaltinisches Selbstbewusstsein ganz legitim vom hiesigen »Kernland der frühen Antikenrezeption«: Deren Pionier J. J. Winckelmann kam aus Stendal, und der Dessauer Fürst ließ im Wörlitzer Park das Milieu um den Vesuv nachbilden.

Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, Richard-Wagner-Straße 9; bis 26. August, Di bis Fr 9 - 17 Uhr, Sa und So 10 - 18 Uhr.

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