Von Monika Melchert
19.07.2012

Traumgehäuse in der Mark

Edda Gutsche besuchte Schriftstellerorte in Brandenburg

Der Dramatiker Georg Kaiser, arg gebeutelt von lebenslang unbezahlbaren Schulden, hatte in Grünheide in der Mark seine besten Jahre. Selbst als er 1933 ins Ausland floh, erst in Sizilien und später in Ascona im Tessin lebte, vermisste er die märkischen Seen und Wälder. »Wie schafft man ein zweites Grünheide?«, schrieb er nach Hause. »Das war der einzige Ort, an dem ich wirklich gelebt habe.«

Auf den ersten Blick hält man das Land Brandenburg, die preußische Streusanddose, wohl nicht für eine Hochburg von Kunst und Künstlern. Zu karg erscheint die Landschaft, zu spröde vielleicht auch der Menschenschlag. Doch wenn man genauer hinschaut, füllt sich der Raum auf erstaunlich dichte Weise mit solchen Orten, an denen Schriftsteller lebten und ihre Werke schrieben - gerade im 20. Jahrhundert. Edda Gutsche hat Orte aufgesucht, wo bedeutende Schriftsteller geboren wurden oder später hingezogen sind, oft als Sommerfrische, die dem Entstehen ihrer Literatur günstig war. Betrachtet man die Übersichtskarte, wird sichtbar, dass sich diese Dichterorte wie ein Kranz rings um Berlin ziehen.

Der Älteste dieser Autoren ist Gerhart Hauptmann, der 1885 nach Erkner zog, damals ein abgelegener Fischerort mit einer Bahnstation, immerhin. Der junge Dramatiker, an TBC erkrankt, wurde von seinem Arzt aufs Land geschickt. Hier entstehen wichtige Frühwerke, mitunter von den Menschen, die ihm begegnen, inspiriert: »Vor Sonnenaufgang« oder »Bahnwärter Thiel«. Nicht weit entfernt traf sich der Friedrichs-hagener Dichterkreis, der Hauptmann bald geistige Heimat wird. Die Villa Lassen, die ihn mit seiner Frau Marie und dem Sohn Ivo beherbergte, ist heute Museum.

Weiter geht die Tour nach Bad Saarow, wo sich Johannes R. Becher sein »Traumgehäuse« schafft. Hier stimmt alles, hier kann er die Last des Kulturministers abstreifen und wieder ganz Lyriker sein. Seine Zerrissenheit zwischen der Tagespolitik und dem hohen Anspruch an seine Kunst wird wenigstens vorübergehend aufgefangen. Beim Segeln und Wandern spürt er ein »unendliches Kraftfeld«. Die in seinem Häuschen eingerichtete Johannes R. Becher-Gedenkstätte hat die Wende nicht überlebt. Das ist zum Glück anders in Buckow, wo sich Brecht zusammen mit Helene Weigel 1952 ein Sommerhaus sucht. Der kleine Ort in der Märkischen Schweiz geht als Namensgeber des wichtigen Gedichtzyklus »Buckower Elegien« in die Weltliteratur ein.

Viel weiter in den Norden zieht es Eva und Erwin Strittmatter. Über Jahrzehnte wird das ehemalige Vorwerk Schulzenhof zum Hauptwohnsitz. Strittmatter wollte unbedingt aufs Land. Edda Gut-sche geht vor allem den Spuren Eva Strittmatters nach, die sich hier, aus Trotz und gegen viele Widerstände, zur Dichterin entwickelt: »Sie setzte sich durch.«

Peter Hacks baut sich bei Groß Machnow einen fürstlichen Landsitz aus. Ein Rückzugsort mit allem Komfort. Hier hat die Autorin die detailliertesten Beschreibungen eines Schriftstelleralltags zur Hand.

Immer wieder sind es vor allem »Zeit, Platz und Ruhe«, was die Dichter auf dem Land suchen. Ob Friedrich Wolf in Lehnitz, Peter Huchel in Wilhelmshorst, Franz Fühmann in Märkisch Buchholz, Ehm Welk in Biesenbrow, Gertrud Kolmar in Finkenkrug oder Lola Landau und Armin T. Wegner im »Haus der sieben Wälder« in Neuglobsow am Stechlinsee - jeder dieser Orte erlaubt eine intime Begegnung mit Biografien und Werk. In einigen Fällen sind die Häuser heute museal genutzt, öfter auch längst von anderen bewohnt. Im Anhang liefert die Autorin genaue Informationen dazu. Eine wunderbare Einladung im Sommer, den Dichtern zu folgen - dorthin, wo sie lebten und schrieben, ihre Inspiration und manchmal auch ihre große Liebe gefunden haben.

Edda Gutsche: Ich musste aufs Land, das war mir klar ... Schriftstellerorte in Brandenburg. Verlag für Berlin-Brandenburg, 200 S., zahlr. Abb., 19,95 €.

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