Von Karlen Vesper
19.07.2012

Weder national, noch sozialistisch

Die Demagogie im Parteinamen der NSDAP

Nationalsozialistischer Untergrund« nannte sich das Mörder-Trio, von dem man immer noch nicht weiß, wie viele wirklich diesem »Trio« angehörten, wer alles es finanziell und mit Waffen unterstützte und dessen Spuren verwischte. Erwiesen ist nunmehr, dass Organe des Rechtsstaates Bundesrepublik die Gruppe stützten und schützten, die mit ihrer Selbstbezeichnung bewusst an die Selbstetikettierung der NSDAP anknüpfte, deren Auftritt und Agieren weder nationalen Interessen entsprach noch irgendetwas mit Sozialismus zu tun hatte. Dies endlich einmal exakt klarzustellen, ist das Anliegen und Verdienst der neuen Publikation des renommierten Faschismusforschers Manfred Weißbecker.

Die hier versammelten »Wortmeldungen« sind ein Konzentrat von Artikeln der letzten fünf Jahre, vornehmlich in der »jungen Welt« und im »neues deutschland« erschienen. Der Jenenser Geschichtsprofessor stellt zunächst frühere Erklärungsversuche für das Anfang der 20er Jahre aufkommende »Phänomen« Faschismus vor - als Organisation des Lumpenproletariats oder wild gewordener Kleinbürger über Thalheimers Charakterisierung als bonapartistische Herrschaft über die beiden Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft und die berühmte Dimitroff-Formel (die Weißbecker aber als durchaus differenziert verteidigt) bis hin zu den Thesen, die den Faschismus einerseits als Ausdruck der Moderne und andererseits der Antimoderne definieren. Energisch widerspricht der Autor der von Ernst Nolte vertreten These, der Faschismus sei eine Reaktion auf den Kommunismus gewesen (»Rassenmord« als Antwort auf »Klassenmord«) - eine Ansicht, die Mitte der 80er Jahre den Historikerstreit auslöste.

Nicht von ungefähr wählte Weißbecker als Abbildung auf dem Buchcover eine zeitgenössische Karikatur aus dem »Wahren Jacob«, die treffend die unterschiedlichen »Firmenschilder« der NSDAP enttarnte. In Arbeiterorganisationen bestand kein Zweifel, dass der Faschismus Ergebnis aggressiver imperialer Ziele ökonomisch Mächtiger war. Und schon 1939 meinte Max Horkheimer, wer vom Faschismus rede, dürfe auch vom Kapitalismus nicht schweigen.

Weißbecker betont: »Niemals verfolgte die Partei der deutschen Faschisten das Ziel, die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung anzutasten oder auch nur in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Sie war ihrem tiefsten Wesen nach gegenrevolutionär. Und dies nicht allein im Blick auf das Jahr 1917/1918, sondern auch auf das Jahr 1789.« Die Hitler-Partei verkörperte, so der wissende Autor, die strikteste Ablehnung von Humanismus und parlamentarischer Demokratie, von Sozialismus und Internationalismus. Die NSDAP habe am heftigsten und brutalsten die Arbeiterbewegung bekämpft, die »Ausrottung des Marxismus« angestrebt. Im 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 tauchte das Wort Sozialismus nicht auf. Freilich, in den Industriegebieten Deutschlands gingen die Nazis mit dem Begriff »Nationalsozialismus« auf Stimmenfang. Doch er blieb ihnen eine Worthülse, wie die spätere Ausgrenzung und Ermordung jener »Alten Kämpfer« bewies, die tatsächlich glaubten, der »Machtergreifung« müsse eine »zweite Revolution« folgen (Strasser & Co.).

Die Nazis beschworen eine - Sozialisten fremde - »deutsche Volksgemeinschaft«, die in Wohlstand und Ordnung leben könne, sobald sie nur die Juden aus Deutschland verjagt, »fremdrassische« Völker unterworfen und »Lebensraum« erobert habe. Die NSDAP war eine kriegerische und dem Krieg entsprungene Partei, profitierte von der Glorifizierung des Krieges und des Kriegers.

Weißbecker übersieht nicht die - in der DDR-Geschichtsschreibung lange schamvoll wie sträflich verschwiegene - Tatsache, dass die NSDAP »mit erheblichem Geschick und in großem Umfang Massen zu gewinnen« verstand. Propagandistisch habe sie an deren tatsächliche Ängste und vermeintliche Bedürfnisse angeknüpft. Denn: »Das faschistische Regime hätte ohne diese Millionen nicht funktionieren können. Ohne ›willige‹ Helfer wären kein totaler Krieg, keine barbarische Okkupationspolitik und erst recht kein Völkermord zu realisieren gewesen, ohne sie hätte in der Kriegszeit das System der rund 20 000 Zwangsarbeitslager nicht geschaffen werden können ...« Letztlich jedoch hatten die Massen mehr verloren als gewonnen und am Ende die Quittung zu bezahlen.

Der Band skizziert den Aufstieg der NSDAP, deren Weg an die Macht sowie in den Krieg - ein informatives Geschichtskompendium der Jahre 1920 bis 1945. Hitler begann seine Karriere übrigens als V-Mann (der Reichswehr), als Spitzel in der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) in München. Sein erster politischer Auftrag war »beobachten« und »anregen«.

Weißbecker warnt, heutige neofaschistische Kleingruppen und Netzwerke zu unterschätzen. Eine Basis für eine zu befürchtende Formierung größerer rechtspopulistischer Organisationen stellten sie allemal dar. Er verweist mahnend auf die »schonend-pflegliche Behandlung rechtsextremer Täter« in der Weimarer Republik, die begleitet war von schärfstem Vorgehen gegen Linke. Sorge bereiten ihm heutige - zwar nicht identische, aber ähnliche - ökonomische Begierden, heutiges politisches Machtstreben sowie Gewalt rechtfertigende Denkweisen.

Dieses Buch sollte viele Leserfinden. Weil es die Demagogie im Namen der Nazi-Partei zerpflückt. Und weil tatsächlich ohne exakte Faschismustheorie Antifaschismus nicht bestehen kann.

Manfred Weißbecker: Das Firmenschild: Nationaler Sozialismus. Der deutsche Faschismus und seine Partei. PapyRossa Verlag, Köln. 218 S., br., 14,90 €

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